Vaterland Schweiz

Ein fiktives Gespräch über den vierwöchigen Vaterschaftsurlaub.

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Steve besucht eine Beratungsstelle

Beraterin: Guten Tag, was kann ich für Sie tun?

Steve: Guten Tag, meine Frau ist schwanger.

Beraterin: Gratuliere.

Steve: Zwillinge.

Beraterin: Gratuliere, gratuliere.

Steve: Ich wollte mich nun rechtzeitig informieren über alle Formalitäten nach der Geburt und über unsere Elternzeit.

Beraterin: In der Schweiz heisst das nicht Elternzeit, sondern Mutterschaftsurlaub.

Steve: Mutter?

Beraterin: Informationen finden Sie auf Infomutterschaft.ch oder Swissmom.ch.

Steve: Mom?

Beraterin: Es macht auch Spass, in Blogs zu surfen wie Mamablog, Rabenmutter.ch oder Zueri-Mami.

Steve: Mama, Mutter, Mami? Sind die Väter denn keine Eltern?

Beraterin: Wenn Sie Geld haben, können Sie in der Schweiz sein, was Sie wollen. Sogar Vater. Nehmen Sie sich für Ihr Baby gern ein paar Monate unbezahlten Urlaub, wenn Sie sich das leisten können und Ihr Arbeitgeber mitmacht.

Steve: Mein Arbeitgeber wird nicht mitmachen, wenn der Staat nicht mitmacht.

Beraterin: Sie machen Ihre Kinder ja nicht mit dem Staat, sondern mit Ihrer Frau. Also ist Ihre Frau verantwortlich.

Steve: Für unsere Kinder?

Beraterin: Und wie Ihre Frau das dann regelt – ob sie arbeiten geht, um die Kita-Kosten decken zu können, oder ob sie bei den Zwillingen bleibt –, gehört nun wirklich in Ihr Privatleben. Kinder sind hier Frauensache, öhm . . . Privatsache.

Steve: Der Staat mischt sich aber in mein Privat­leben ein, wenn er bestimmt, wie die Elternzeit zwischen meiner Frau und mir aufgeteilt werden soll, nämlich gar nicht.

Beraterin: Da gibt es sowieso wenig aufzuteilen. Der Urlaub dauert nur drei Monate. Auch bei Zwillingen.

Steve: Die Mutter hat bloss drei Monate Zeit für ihr Kind?

Beraterin: Die Mutter hat drei Monate Zeit, um zu kapieren, dass es mit einer Vollzeitstelle für sie vorbei ist.

Steve: Aber . . .

Beraterin: Aber bald stimmen wir über einen vierwöchigen Vaterschaftsurlaub ab.

Steve: Nur vier Wochen?

Beraterin: Exakt. Exakt.

Steve: Aber Sie müssen mich doch verstehen. Ich habe keine Lust, für meine Kinder die Bezugsperson zweiter Klasse zu sein. Ausserdem ist es mir total peinlich meinen europäischen Kollegen gegenüber, die sich alle mindestens drei Monate Elternzeit nehmen! Die machen heute voll krass auf starke Vorbilddaddys. Aber ich, ich bin dann total die Memme, weil ich mir beim ­Powerkuscheln kein Kids-Know-how aneignen kann. Es ist doch bewiesen, dass Väter, die viel Zeit mit ihren kleinen Kindern verbringen, ihre Kinder, ihre Frau, ihre Partnerschaft und sich selbst extrem stärken und glücklich machen.

Beraterin: Also, für Ihr Glück ist der Staat nun wirklich nicht zuständig. Wie gesagt, Kinder sind Privatsache.

Steve: Ich dachte, Kinder sind die Zukunft.

Beraterin: Natürlich, aber Kinder sind eben erst in der Zukunft die Zukunft. Solange sie nervige, sabbernde und quengelnde Gegenwart sind, will der Staat nichts mit ihnen zu tun haben. Sobald Ihre Kinder aber für die Zukunft unseres Lands interessant werden, ist der Staat selbstverständlich bereit, die Schul- und Ausbildungskosten zu übernehmen.

Steve: Die Kinder sind dann nicht mehr Privatsache?

Beraterin: Nein, dann sind Ihre Kinder Wirtschafts- und AHV-Sache. Kinder sind für unsere AHV unerlässlich.

Steve: Also würde eine Familienpolitikreform, die mehr Fertilität und mehr berufstätige Frauen fördert, uns in Zukunft eine neue AHV-Reform ersparen?

Beraterin: Richtig. Der Staat ist nicht für das Glück der Eltern zuständig, aber die Eltern für das Glück des Staats. Zwillinge, sagten Sie? Herrlich! Herrlich!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.09.2017, 17:48 Uhr

Die Autorin und Schauspielerin wechselt sich als Kolumnistin mit dem Politgeografen Michael Hermann und dem ehemaligen Preisüberwacher Rudolf Strahm ab.

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