«Vatterliwirtschaft» an der Uni Bern

Drei akademische Führungspositionen am Politik-Institut der Uni Bern wurden jüngst mit Wissenschaftlern besetzt, die eng mit dem Institut und dessen Leiter Adrian Vatter verbandelt sind. Das sorgt für Missstimmung.

Personalrochaden sorgen für dicke Luft: Der Berner Politikprofessor Adrian Vatter gilt in seiner Zunft als «Meister des Netzwerks».

Personalrochaden sorgen für dicke Luft: Der Berner Politikprofessor Adrian Vatter gilt in seiner Zunft als «Meister des Netzwerks». Bild: Keystone

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Im Departement Sozialwissenschaften (Sowi) der Uni Bern herrscht dicke Luft. Für Konflikte sorgen die jüngsten Personalrochaden am Institut für Politikwissenschaft (IPW): Sie sind umstritten, weil viele im Departement – vom Professor bis zur Studentin – sich um die Qualität von Forschung und Lehre, aber auch um den guten Sowi-Ruf sorgen. Denn sie sind der Ansicht: Nicht die besten Wissenschaftler wurden gewählt – sondern jene mit den besten Beziehungen zum IPW und zu dessen geschäftsführenden Direktor Adrian Vatter.

Studierende sprechen daher in ihrer Zeitschrift «Unikum» von einer «Seilschaft am Polito-Institut». Im Departement hat sich intern Widerstand formiert. Öffentlich darüber reden wollen die Mitarbeitenden nicht – zu klein ist der Unikuchen und zu gross die gegenseitige Abhängigkeit. Hinter vorgehaltener Hand nennen sie das Problem aber beim Namen: «Vatterliwirtschaft».

Doppelte Nähe

Konkret geht es um drei akademische Führungspositionen, die das IPW im letzten halben Jahr zu besetzen hatte. Marc Bühlmann übernahm Anfang 2011 die Leitung des renommierten Schweizer Politikjahrbuchs «Année politique Suisse», Isabelle Stadelmann-Steffen wird im Herbst Assistenzprofessorin für vergleichende Politik und Markus Freitag Professor für politische Soziologie.

Alle drei haben lange am IPW gearbeitet, dort doktoriert und miteinander sowie mit Adrian Vatter gelehrt und geforscht – sie sind am Berner Institut gross geworden. Ihre Ernennungen heissen im Unijargon daher «Hausberufungen». Solche Ernennungen sind an Universitäten eigentlich verpönt. Denn in der Hochschullandschaft gilt heute eine heterogene, möglichst internationale Besetzung der Institute als Garant für wissenschaftliche Innovation und Qualität.

Die drei Neuen und IPW-Direktor Vatter, die nun gemeinsam die Mehrheit der Führungspositionen am Politik-Institut inne haben, stammen hingegen alle aus dem gleichen Stall. In ihren Laufbahnen finden sich weitere auffällige Gemeinsamkeiten, wie Recherchen dieser Zeitung zeigen: Vatter, Stadelmann-Steffen und Freitag waren zwischenzeitlich schon an der Uni Konstanz zusammen tätig. Gemeinsam mit Bühlmann haben sie in diversen Konstellationen reihenweise miteinander publiziert. Alle vier arbeiten immer wieder für das Büro Vatter, ein privates Beratungsbüro, das Politikprofessor Adrian Vatter nebenher betreibt. Und alle vier sind seit Jahren bestens miteinander befreundet.

«Meister des Netzwerks»

Angesichts dieser Melange von langjähriger fachlicher und persönlicher Nähe mag kaum jemand im Departement an Zufall glauben. Zumal Adrian Vatter bei allen drei Besetzungen direkt involviert war. Er gilt in seiner Zunft denn auch als «Meister des Netzwerks», der die Kunst des Weibelns aus dem Effeff beherrscht.

Bei Bühlmann brauchte er das nicht einmal. Vatter präsentierte der Akademie für Geistes- und Sozialwissenschaften, die die Stelle finanziert, den Freund als Einerkandidatur – und diese akzeptierte den Vorschlag laut eigenem Bericht.

Komplizierter ist das Uniberufungsverfahren für Professoren. Eine breit zusammengesetzte Kommission erstellt aus den Bewerbern eine Wahlliste, die dann Departement und Fakultät bestätigen müssen. Solche Verfahren sind ein Tummelfeld für Strategen und solche, die sich dafür halten. Denn die Beteiligten taktieren und lobbyieren dabei kräftig, um ihre Kandidaten und Interessen durchzusetzen. So auch Adrian Vatter, der sich laut Eingeweihten vor und hinter den Kulissen mächtig für Stadelmann-Steffen und Freitag ins Zeug legte. Er boxte sie schliesslich gegen den Widerstand im Departement durch alle Gremien.

Mit dem Vorwurf konfrontiert, er installiere sein persönliches Netzwerk am IPW, statt die besten Kandidaten zu suchen, rechtfertigt Vatter die Personalauswahl: «Das IPW will zum Kompetenzzentrum für Schweizer Politik werden. Um dieses Ziel zu erreichen, brauchen wir Leute, die neben herausragenden Forschungsleistungen das hiesige Politiksystem kennen und auch schon auf diesem Gebiet gelehrt haben.» Nur wenige Kandidaten würden diese Kriterien erfüllen. Daher ergebe es sich von selbst, dass man sich auch persönlich kenne, meint Vatter.

Wegen Befangenheit bei den Auswahlverfahren in Ausstand zu treten, kam für ihn nie infrage: «Da hätten auch noch andere in den Ausstand treten müssen», argumentiert der IPW-Direktor. «Ich bin nicht der Einzige, der Markus Freitag persönlich kennt.» Zudem hätten sich etwa im Falle Freitag zwei externe Fachgutachten klar für diesen ausgesprochen. Was bei den Expertisen allerdings auffällt: Einer der Gutachter war ausgerechnet der Genfer Politologe Pascal Sciarini – und dieser hat seinerseits wiederholt mit Markus Freitag und Adrian Vatter publiziert. «Es ist generell schwierig, Gutachter zu finden, die Kandidaten gut einschätzen können, diese aber nicht persönlich kennen», gibt Gunter Stephan Schützenhilfe. Der Vizerektor Lehre ist Mitglied der Unileitung. Diese sollte am Ende der Berufungsverfahren eigentlich als letzte Kontrollinstanz wirken, um «allfällige ‹Seilschaften›» sowie «Fehlentwicklungen zu erkennen und zu korrigieren». So umschrieb der Berner Erziehungsdirektor Bernhard Pulver deren Rolle Ende 2009 in einer Interpellationsantwort, als der «deutsche Unifilz» auch in Bern die Gemüter erhitzte.

Doch die umstrittene IPW-Personalie Freitag prüfte sie nur oberflächlich. Die Frage der Seilschaft interessierte die Unileitung dabei jedenfalls nicht. Dasselbe im Fall Stadelmann-Steffen. Auch sie winkte die Unileitung anstandslos durch. «Wir hatten nie den Verdacht, dass etwas manipuliert wird», rechtfertigt Gunter Stephan die Passivität der Berner Unileitung: «Sonst hätten wir sofort interveniert.» Die eigentliche Qualitätskontrolle liege bei der Fakultät, worauf sich die Unileitung verlasse.

«Konzentration der Kräfte»

Zwar räumt er ein, dass die Vorgänge am Politik-Institut gegen aussen zwiespältig wirken könnten. Doch das nimmt die Unileitung offensichtlich in Kauf. Denn dass die eng verbandelten Wissenschaftler nun am IPW ein starkes Lager bilden, sieht Stephan nicht als Unregelmässigkeit, sondern sogar als Stärke. Es entspreche der Strategie der Unileitung, die Politikwissenschaft in Bern auf die Schweizer Politik zu fokussieren: «Soll dieses Ziel erreicht werden, dann ist eine Konzentration der Kräfte nötig», sagt Stephan.

Es sei daher richtig, wenn sich Institute so organisieren und in Berufungsverfahren entsprechend taktieren: «Heute braucht es eine kritische Masse an Leuten in einem Themenschwerpunkt, wenn ein Institut wahrgenommen werden will», meint der Vizerektor. So gesehen passen persönliche Seilschaften sogar ins strategische Konzept der Berner Unileitung – ein Freischein für den Klüngel im Elfenbeinturm.

Erstellt: 29.07.2011, 07:27 Uhr

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