Verdingt, versorgt, vergessen

Der Bundesrat tut sich schwer mit der versprochenen Entschuldigung bei den Verdingkindern. Ihre Geschichte ist nicht aufgearbeitet. Am Dienstag nun tauschen sich Betroffene und Behördenvertreter aus.

Hunderttausende Kinder wurden bis 1978 fremdplatziert und in der Landwirtschaft eingesetzt: Bild aus dem Film «Der Verdingbub». (Bild: Acsot Elite)

Hunderttausende Kinder wurden bis 1978 fremdplatziert und in der Landwirtschaft eingesetzt: Bild aus dem Film «Der Verdingbub». (Bild: Acsot Elite)

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Nach monatelangem Hin und Her zwischen Bund, Kantonen und Sozialbehörden war es am 10. September 2010 so weit: Die damalige Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf traf sich in der Strafanstalt Hindelbank BE mit ehemals administrativ Versorgten – und entschuldigte sich im Namen des Bundes bei ihnen. Bis 1981 waren Frauen und Männer in Schweizer Gefängnisse gesteckt worden, ohne dass eine Straftat oder ein Gerichtsurteil vorgelegen hatte. Gründe waren ein «lasterhafter Lebenswandel», «Liederlichkeit» oder «Trunksucht». Am Gedenkanlass nahmen auch der Berner Polizeidirektor Hans-Jürg Käser sowie der damalige Zürcher Regierungspräsident Hans Hollenstein teil.

Widmer-Schlumpfs Rede rührte viele der einstigen administrativ Versorgten zu Tränen. Moralische Wiedergutmachung für das ihnen widerfahrene Unrecht sei enorm wichtig, sagten sie einhellig. Der Anlass schürte aber Hoffnung – bei den anderen Opfern fürsorgerischer Zwangsmassnahmen: den Zwangssterilisierten und -kastrierten, den Heim- und Verdingkindern sowie Zwangsadoptierten. Würde sich die offizielle Schweiz auch bei ihnen entschuldigen?

Zumindest bei den Verdingkindern sah es ein knappes Jahr später danach aus. Man sei bereit, für sie «eine ähnliche Veranstaltung» zu organisieren, antwortete der Bundesrat im August 2011 auf eine Interpellation von SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr. Wie die administrativ Versorgten hätten auch die Verdingkinder gelitten – unter ihrer Fremdplatzierung. Im November 2011 bekräftigte der Bundesrat seine Absicht: Es sei ihm «ein grosses Anliegen, dass den Verdingkindern Gehör verschafft wird», schrieb Justizministerin Simonetta Sommaruga in einer Stellungnahme. Der Anlass werde Anfang 2012 durchgeführt. Seither warten die Verdingkinder auf die Entschuldigung – und das Bundesamt für Justiz (BJ) klärt ab. Es könnten zurzeit «keine inhaltlichen, örtlichen oder zeitlichen Hinweise» zum Gedenkanlass gemacht werden, sagt BJ-Sprecherin Ingrid Ryser. Gespräche mit «diversen Organisationen und Vertretern von Verdingkindern, aber auch der Landeskirchen und des Schweizerischen Bauernverbandes» seien im Gang. Das brauche Zeit.

Gedenkanlass auf der Kippe

Laut dem Präsidenten des Vereins Netzwerk Verdingt, Walter Zwahlen, stand der Anlass zeitweilig auf der Kippe. Das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement (EJPD), dem das Bundesamt für Justiz angehört, habe nach einer ersten gemeinsamen Sitzung im Februar 2012 versucht, die verschiedenen Interessengruppen gegeneinander auszuspielen. So hatte eine EJPD-Sprecherin gegenüber dem «SonntagsBlick» erklärt, es gebe «keinen Termin» für einen Gedenkanlass. Die Verdingkinder würden «unterschiedliche Bedürfnisse» darüber äussern, «was sie wollen». Den Verdingkinder-Gruppen die Verantwortung zuzuschieben, sei eine Zumutung, sagt Zwahlen. Man sei sich «überhaupt nicht uneinig». Die offizielle Schweiz müsse zwingend anerkennen, dass den Verdingkindern Unrecht angetan worden sei. Die Kantone Bern, Luzern, Thurgau, Waadt und Freiburg haben entsprechende Entschuldigungen bereits ausgesprochen.

Am kommenden Dienstag nun trifft sich Zwahlen ein zweites Mal mit Vertretern von Bund und Kantonen. Am Treffen mit dabei sind die Heimverbände Integras und Curaviva, die beiden Landeskirchen sowie Wissenschaftler – unter ihnen die Historikerin Loretta Seglias, die sich seit Jahren mit der Fremdplatzierungspraxis in der Schweiz beschäftigt. Sie führte im Rahmen eines vom Nationalfonds mitfinanzierten Projekts 280 Interviews mit früheren Verdingkindern, daraus entstand das viel beachtete Buch «Versorgt und vergessen. Ehemalige Verdingkinder erzählen». Laut Seglias ist die in Aussicht gestellte Entschuldigung des Bundes ein «sichtbares Zeichen dafür, dass der Wille für eine aktive Auseinandersetzung mit den Vorkommnissen der Vergangenheit besteht». Nun müsse der Anlass bald zustande kommen. Viele der einstigen Verdingkinder würden sehnlichst darauf warten.

Laut der Historikerin ist es mit der Entschuldigung aber nicht getan. Was es brauche, sei eine umfassende Aufarbeitung der Vergangenheit, zumal viele Betroffene bereits im betagten Alter stünden. Während die Aufarbeitung in vielen europäischen Ländern im Gang oder abgeschlossen sei, stehe sie in der Schweiz noch aus. Zudem müsse sie auf sämtliche fürsorgerische Zwangsmassnahmen ausgedehnt werden – also neben Verdingkindern auch Heim- und Pflegekinder, administrativ Versorgte, Zwangssterilisierte und -kastrierte sowie Zwangsadoptierte betreffen. Zwar hätten sich die einzelnen Betroffenengruppen in den letzten Jahren zum Teil organisiert und unterschiedlichste Forderungen zuhanden von Politik und Gesellschaft gestellt. Es werde intensiv geforscht – etwa im Rahmen einer zweiten Nationalfondsstudie, die derzeit laufe.

Und auch die kürzlich gegründete parlamentarische Arbeitsgruppe «Fürsorgerische Zwangsmassnahmen» sei ein Schritt in die richtige Richtung. «Doch es fehlt eine Koordination der im Raum stehenden Anliegen», bemängelt Seglias. Die problematischen Praktiken seien «Ausdruck einer vielfach menschenrechtswidrigen und diskriminierenden Armuts- und Bevölkerungspolitik». Eine breite Aufarbeitung, die alle Opfergruppen miteinbeziehe, spare Geld und Energie, sagt Seglias: «Es macht keinen Sinn, dass jede Gruppe für sich alleine kämpft.»

Finanzielle Entschädigung

Zusammen mit 29 Forschenden unterschiedlicher Disziplinen hat Seglias deshalb eine Stellungnahme zum weiteren möglichen Vorgehen der offiziellen Schweiz verfasst. Ziel dieser Resolution ist ein runder Tisch, an dem Vertreter von Betroffenen, Bund und Kantonen, der Landeskirchen, von privaten Sozialinstitutionen und Wohlfahrtsverbänden sowie der Wissenschaft die Forderungen diskutieren – und konkrete Vorschläge ausarbeiten. Zu den Unterzeichnenden gehören unter anderem die Historiker Philipp Sarasin, Markus Furrer und Brigitte Studer, die Psychologen Verena Kast und Andreas Maercker sowie mehrere Soziologen, Theologen und Erziehungswissenschaftler aus der ganzen Schweiz. Im Raum stehen folgende Forderungen:

  • Entschuldigung durch Behördenvertreter sowie kirchliche und private Institutionen
  • umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung, einschliesslich entsprechender Lehrmittel
  • eine Anlaufstelle für Betroffene
  • ein Kompetenzzentrum als Informations- und Dokumentationsplattform
  • uneingeschränkte Akteneinsicht sowie Aufbewahrungspflicht entsprechender amtlicher Akten
  • ein Härtefallfonds für Betroffene
  • Zahlung finanzieller Entschädigungen

Auf den grössten Widerstand dürften bei den Behörden die geforderten finanziellen Entschädigungen stossen. Das Netzwerk Verdingt zum Beispiel verlangt eine Wiedergutmachung von 120'000 Franken pro Betroffenen. Bei heute noch rund 10'000 lebenden einstigen Verdingkindern entspräche das 1,2 Milliarden Franken. Eine beachtliche Summe. Nur: Laut dem «SonntagsBlick», der die Summe des verursachten Schadens im Verdingkinderwesen zusammen mit dem Chefökonomen einer Grossbank ausrechnete, hat die schweizerische Landwirtschaft über die Jahre Gratisarbeit in der Höhe von 20 bis 65 Milliarden Franken erhalten – von Kindern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.08.2012, 09:23 Uhr

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