Interview

«Vereine sind die DNA der Schweiz»

CVP-Parteipräsident Christophe Darbellay über den Mitgliederschwund bei vielen Vereinen – und die Folgen für traditionelle bürgerliche Parteien wie FDP und CVP.

«Ich bin wohl in etwa fünfzig Vereinen Mitglied»: CVP-Präsident Christoph Darbellay.

«Ich bin wohl in etwa fünfzig Vereinen Mitglied»: CVP-Präsident Christoph Darbellay.

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Herr Darbellay, sind Sie ein Vereinsmeier?

 Wenn damit gemeint ist, dass ich in vielen Vereinen Mitglied bin, dann könnte man das so sagen. Ich bin in sehr vielen und vor allem sehr vielen unterschiedlichen Vereinen des Sports, der Politik, der Jugend, der Gastronomie, der Landwirtschaft und der Musik dabei. Zum Beispiel zahle ich Mitgliederbeiträge in fünf verschiedenen Skiclubs in der Schweiz. Aber ich mache auch in Vereinen mit, welche zum Beispiel den Erhalt und die Pflege einer Alp zum Ziel haben. Ich bin wohl in etwa fünfzig Vereinen Mitglied. 



Wurden sie darum im Wallis bei den drei letzten Wahlen mit dem besten Resultat  in den Nationalrat gewählt?

 Das ist vielleicht auch mit ein Grund. Wo sonst als in Vereinen lernt man Stimmbürgerinnen und Stimmbürger persönlich kennen. Das Engagement muss aber ehrlich sein. Wenn man Werte und Passionen mit Menschen teilt, ihre Ziele vertritt, dann macht es Sinn und Spass mitzuwirken. Immer mehr Leute halten wenig bis nichts von Politik. Wenn aber ein Politiker oder eine Politikerin ihre Passion teilt, dann ist die grösste Hürde weg. Man kann sich in den Vereinen ein Netzwerk aufbauen, dass bei der späteren politischen Karriere hilfreich ist. Ich glaube, dass in einem Kanton wie dem Wallis eine politische Karriere schwierig ist, wenn man das Vereinsleben ignoriert. Die Vereine sind in gewissem Sinne auch Reservoire zur Rekrutierung des politischen Nachwuchses und der Zement der Walliser Gesellschaft.



FDP-Parteipräsident Philipp Müller sagt, dass es im Kanton Aargau keine sehr starke Verzahnung mehr gibt zwischen Politik und Vereinen, weil die Mitgliederstruktur der Vereine zu heterogen geworden sei

 Das erlebe ich im Wallis anders. Mein Eindruck ist, dass wir im Wallis noch ein sehr lebendiges Vereinswesen haben, welches stark verzahnt ist mit der Politik. Ich muss aber anerkennen, dass es eine Vielfalt von neuen Vereinen gibt. Diese sind meistens politisch neutral. Es ist klar, dass die politische Bindung zwischen Vereinen und politische Parteien nicht mehr so direkt und stark ist wie dazumal. Trotzdem gibt es im Wallis immer noch Musikgesellschaften die entweder unter der Etikette FDP oder CVP laufen. Ich stelle immer wieder fest, mit wie viel Feuer die Leute in den Vereinen am Werk sind. Es ist der gleiche Enthusiasmus den man auch bei den Parteien antraf.

Und inzwischen nicht mehr?
Sagen wir es so: Wenn ich mich bei einem Wahlkampf entscheiden müsste, wer diesen managen soll, der kantonale Turnverein oder eine Partei, würde ich mal auf den Turnverein setzen. Das Resultat wäre überraschend gut.  



Die traditionellen Vereine wie Turnvereine, oder Musikvereine oder Organisationen wie der katholische Frauenbund verlieren markant an Mitglieder. Historiker wie Hans-Ulrich Jost sind überzeugt, dass der Mitgliederschwund bei den Vereinen Hand in Hand geht mit dem Wählerschwund traditioneller bürgerlicher Parteien wie FDP und CVP. 

Das kann man so sehen. Meiner Meinung nach hat die politische Konkurrenz gemerkt, wie wichtig Vereine in der Politik sind. Und sie versucht darum auch, primär in den traditionellen Vereinen ihren Einfluss zu vergrössern.

Wie zum Beispiel SVP-Nationalrat Andreas Aebi, der das Eidgenössische Schwingerfest präsidierte?

 Ich möchte nicht einzelne Leute herauspicken. Ich stelle einfach fest, dass die politische Konkurrenz nicht schläft und dass sie in Vereinen aktiver sind als auch schon. Sie macht es sehr gezielt und setzt konsequent auf die Schweizer Traditionen. Das ist clever.
 Vielleicht sind auch die staatstragenden Parteien das Problem, weil sie sich heute zu wenig für das Vereinsleben engagieren.



Sie selber sind Präsident des Organisationskomitees für die Durchführung des Eidgenössischen Schützenfestes 2015 in Visp. Muss man die Organisation eines solchen Mega-Events geleitet haben, wenn man höhere politische Weihen anstrebt?

 Es hat nicht damit zu tun. Ich habe mich für die Schützen sehr stark engagiert, zum Beispiel gegen die linke Waffeninitiative. So lernte man sich gegenseitig kennen. Der Schützenverein wollte dann zum ersten Mal das Fest im Wallis organisieren und da habe ich mich zur Verfügung gestellt. Wenn enthusiastische Leute rufen, wenn die Heimat ruft, dann springt man in die Hose.
 2015 findet nicht nun das Eidgenössische Schützenfest im Wallis statt und das erst noch in einem Walliser Jubiläumsjahr. Wir feiern dann das 200 Jahre Jubiläum des Beitritts zur Eidgenossenschaft.

Viele Vereine wie der Schützenvereine haben ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert. Sie dienten auch zur Bildung einer nationalen Identität und eines Bürgersinns. Welche Bedeutung haben die Vereine in der Zukunft für die Politik?


 Die Vereine haben meiner Meinung auch in Zukunft eine starke Bedeutung für das Land und für die Politik. Vielleicht sind es aber nicht mehr die gleichen Vereine wie vor 100 Jahren. In der Schweiz ist es aber nach wie vor so, dass wenn zwei Leute ein Anliegen haben, dass sie dann einen Verein gründen. Es gehört dazu, dass Gleichgesinnte sich gruppieren, um gemeinsame Interesse zu vertreten. Das Milizsystem, das man in den Vereinen lebt, ist die DNA der Schweiz. 



Das hat ja offenbar auch einer ihren schillernden Vorgänger geraten, Anton von Segesser, der in der mitte des 19. Jahrhunderts die katholisch-Konservative Bewegung anführte. Wenn man in Bern etwas durchbringe wolle, müsse man als Verein auftreten, soll er gesagt haben.

Das ist heute noch immer sehr aktuell. Darum bin ich überzeugt, dass Vereine auch inskünftig in der Politik eine Rolle spielen werden.

Erstellt: 19.10.2013, 07:33 Uhr

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