Vergesst Erasmus nicht

2017 ist das Jahr Luthers, und Zwingli feiern wir auch. Aber was ist mit Erasmus von Rotterdam, der die Reformation vorbereitet hat? Porträt eines grossen Intellektuellen.

Täglich schrieb er 10'000 Wörter: Erasmus von Rotterdam im Porträt von Hans Holbein dem Jüngeren aus dem Jahr 1523. Bild: Hans Holbein der Jüngere

Täglich schrieb er 10'000 Wörter: Erasmus von Rotterdam im Porträt von Hans Holbein dem Jüngeren aus dem Jahr 1523. Bild: Hans Holbein der Jüngere

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Im Sommer 1509 reitet Erasmus, der Vielreiser, von Italien über den Splügenpass nordwärts. Auf dem Weg das Rheintal hinab legt er sich seine nächste Schrift zurecht. Dem englischen Denker Thomas More, einem Freund, wird er sie widmen.

«Das Lob der Torheit», wie immer bei Erasmus in Latein verfasst, schildert gewitzt, dass die Menschen Narren sind oder doch närrisch handeln. Gerade auch die katholischen Kleriker, von denen viele in Saus und Braus leben – allen voran die Päpste, diese Raffzähne: «Wie viele Schätze würden die Heiligen Väter einbüssen, wenn die Weisheit nur einmal sich ihres Geistes bemächtigte.»

Uns Heutige bringt Kirchenkritik kaum noch in Wallung. Doch damals war diese Abhandlung Sprengstoff. Ihr Autor riskierte sein Leben, gleichzeitig feierten ihn alle freien Köpfe. Von einem «der gefährlichsten Bücher seiner Zeit» spricht der Dichter Stefan Zweig, der Erasmus porträtiert hat.

Erasmus von Rotterdam, ein Holländer, geboren wohl 1466 – er ist mit seinen gut 150 Traktaten und 2000 Briefen der Vorbereiter der Reformation, die heuer gross gefeiert wird: Vor 500 Jahren verkündete Martin Luther zu Wittenberg seine Thesen; bald darauf wurde in Zürich Ulrich Zwingli aktiv. Beide Reformatoren hat Erasmus inspiriert. Stefan Zweig schreibt über ihn: «Er erhellte den Weg, andere wussten ihn zu schreiten.»

In den anlaufenden Feierlichkeiten für Luther und Zwingli freilich ist Erasmus eine Nebenfigur – ohnehin können in unserer Gegenwart viele mit dem Namen nichts anfangen; allenfalls denken sie an das nach Erasmus benannte EU-Förderprogramm für studentische Auslandsaufenthalte.

Vermutlich liegt es an der Person selber. An der Zauderei des Erasmus, als die Reformation kam. Sein Leben als berühmtester Intellektueller in der Epoche des Umbruchs ist geprägt von Angst. Angst des Denkers vor der Tat. Von Zwinglis Zürcher Reformation wandte er sich ab. Luther donnerte: «Wer den Erasmus zerdrückt, der würget eine Wanze, und diese stinkt noch tot mehr als lebendig.»

Zeitlebens kränkelt er

Der bewunderte Mann, der am Ende so viel Hass auf sich zog, ist ein Männlein; das zeigen die Porträts von Hans Holbein dem Jüngeren und von Albrecht Dürer. Mager, fahlblondes Haar, Spitznase. Er kränkelt, trägt pelzbesetzte Gewänder und auf dem Kopf ein Samtbarett gegen den Durchzug.

Das uneheliche Kind eines Priesters und einer Arzttochter ist er. Eine Laufbahn bietet ihm allein die Kirche. 1492 wird er zum Priester geweiht, Augustinermönch bleibt er bis zum Tod. Freilich: Nachdem es ihm schnell gelingt, sich bei einem Bischof als lateinischer Sekretär zu verdingen, wird er nie mehr ins Kloster zurückkehren.

Mit einem Stipendium reist er nach Paris. Er hasst die Armut des Collège de Montaigu: eiskalte Wände, Kotgestank, Flöhe. Genügsam auch die intellektuelle Kost. Erasmus schreibt: «Ich tue mein Bestes, nichts Lateinisches, Anmutiges oder Geistreiches zu sagen, und mache schon derartige Fortschritte darin, dass sie mich hoffentlich einmal als den Ihren anerkennen werden.»

Bald flieht er nach England und befreit sich endgültig. Als Hauslehrer eines jungen Lords lernt er den späteren König Heinrich VIII. kennen. Und das feine Leben. Auch entwickelt er seinen Stil, scharfe Argumente goutierbar zu formulieren. Er wird zum schlauen Abwäger, zum Verpacker radikaler Ideen in charmante Hüllen. Noch einmal Zweig: «Für ein Zehntel dessen, was Erasmus an kühnen Dingen seiner Zeit sagte, kamen andere auf den Scheiterhaufen, weil sie es grob herauspolterten.»

Bestsellerautor

Mehrere, modern gesagt, Bestseller schreibt er. Zum Beispiel die «Adagia», eine Sammlung antiker Zitate. In jener Zeit der Antike-Begeisterung wollen alle massgeblichen Leute ihre Briefe mit Klugem von einem alten Römer oder Griechen spicken. Noch Goethe wird das Buch oft brauchen.

Und dazwischen immer wieder Schriften, die der Kirche höflich und unerbittlich den Spiegel vorhalten. Erasmus fördert auch die Fokussierung –statt auf die katholische Ritualität – auf Christus als Leitgestalt des Glaubens. Ulrich Zwingli wird als junger Priester in Glarus und Einsiedeln den Erasmus verschlingen; die Reformatoren machen die Rückbesinnung auf Christus zu ihrem Programm.

Als die Reformation beginnt, wird alles anders. Erasmus hat von einer Internationale der klugen, auf Lateinisch konversierenden Köpfe geträumt. Und von einem friedlichen Europa unter aufgeklärter Führung. Martin Luther aber: ein bäurischer Polterer, ein fanatisches Genie, das das Volk auf Deutsch aufstachelt. Seine Reformation ist der Aufstand der Deutschen gegen alles Überstaatliche und gegen den Heiligen Vater im fernen Rom. Die Kräfte, die sie entfesselt, führen zu Kriegen. Zu grauenhaften Massakern. Erasmus lehnt Gewalt ab. «Vieles hat Luther trefflich getan, wenn er es nur massvoll getan hätte», schreibt er.

Über einem Theoriestreit vertieft sich der Graben zwischen Erasmus und den Reformatoren – Erasmus verficht den freien Willen des Menschen, während ein Luther den Menschen als Gefangenen Gottes sieht; er allein bringe durch seine Gnade den Menschen auf den rechten Weg.

Viele Jahre lebt Erasmus in Basel, nicht zuletzt wegen des Druckers Johann Froben; der gutenbergschen Drucktechnik verdankt sich ja auch der durchschlagende Erfolg der Reformation. Vor dem Haus von Erasmus laden Fuhrleute Geschenke ab von Königen und Kardinälen; jeder will mit dem berühmtesten Gelehrten der Ära befreundet sein und ihn auf seine Seite ziehen. «Licht der Welt» nennt man ihn, «Fürst der Wissenschaft».

In der Mitte ist ihm wohl

Erasmus bleibt neutral. Die längste Zeit jedenfalls, bis ihn Luthers Provokationen aus der Reserve locken. Nun macht er endgültig klar, dass er die Reformation als Revolution sieht, während es ihm um eine sanfte Erneuerung der Kirche geht.

Jetzt ist Erasmus ein Feindbild. Er fällt darob aus der Rolle und klingt bisweilen selber hasserfüllt. Etwa in den Briefen, mit denen er den todkranken Ulrich von Hutten überzieht, einen Partisanen gegen den Papst, dem Zwingli dann auf der Ufenau im Zürichsee Asyl verschafft. Am Ende bleibt der Eindruck eines Menschen, der nur widerwillig Partei ergreift. Dem in der Mitte wohl ist. Der ein Antifanatiker ist. Irgendwann beginnt deswegen auch seine eigene Seite ihn abzulehnen. Gründe gibt es genug. Über die katholische Äusserlichkeit des Glaubens hat Erasmus geschrieben: «Was hilft es, dass du mit geweihtem Wasser besprengt wirst, wenn du deinen inneren Schmutz nicht vom Geiste abwäschst?»

Erasmus: der subversive Geburtshelfer der Reformation. Er hat, so Historiker Michel Clévenot, «die Keime des Zweifels gesät». Als die Reformation auch in Basel einsetzt, zieht er weg. Später, 1536, als er wieder in der Stadt weilt, holt ihn der Tod. Aussagekräftig die Ehre, die ihm geschieht: Mitten in der Zeit erbitterter Konfessionsstreitigkeiten ehrt das militant reformierte Basel den Katholiken und Mönch doch mit einem Grabplatz im nunmehr reformierten Münster.

Erasmus von Rotterdam: Das Lob der Torheit, 1509. Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam, 1934. Michel Clévenot: Luther, Müntzer, Calvin und Co. – Machtpolitik und Glaubenseifer in der Reformation. Topos Plus, Kevelaer 2016. 108 S., 13.90 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.03.2017, 19:01 Uhr

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