Hier haben die Menschen das Interesse am Widerstand verloren

Seit Jahrzehnten sucht der Bund Endlager für radioaktive Abfälle. Jetzt fährt in Bülach ein Bohrer auf – das scheint aber keinen zu stören.

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«Meine Generation hat den Müll verursacht. An die Entsorgung haben wir nicht gedacht», sagt Werner Ebnöther, zieht den Kopf leicht ein, drückt die Ledermappe an sich, der Wind zerrt an seinen weissen Haaren. Wir befinden uns in Weiach, im hintersten Zipfel des Kantons Zürich. Flugzeuge auf der Haupteinflugschneise nach Kloten rauschen über unseren Köpfen.

Hinter Ebnöther donnern schwere 4-Achser im Viertelstundentakt in Richtung Weiacher Kies AG. Gleich hinter der Kiesgrube, mitten im Rhein, beginnt Deutschland. Und hier, wo der Boden ohnehin schon aufgerissen ist, soll vielleicht der oberirdische Eingang zu einem 1,2 Quadratkilometer weiten Tiefenlager für hoch radioaktiven atomaren Müll entstehen.

Das Gebiet Nördlich Lägern ist mit Jura-Ost und Zürich-Nordost einer von drei Standorten, der in die engere Auswahl für ein Endlager kommt. In diesen Wochen beginnen die Testbohrungen.

«Nicht auszudenken»

Ebnöther fröstelt. Er war hier früher Gemeindepräsident. Sein Informatikgeschäft hat er dem Sohn übergeben, und wenn er heute nicht gerade alten Menschen bei der Buchhaltung hilft, engagiert er sich beim Verein Loti, «Nördlich Lägern ohne Tiefenlager». Ebnöther hebt seinen Arm, deutet ans Ende der Grube, wo ein Lastwagen, der von hier aus aussieht wie ein Kinderspielzeug, das vor den Kieshügeln vorbeifährt: «Gleich dahinter beginnt das kantonale Grundwasserschutzareal. Selbst die Zürcher Regierung wollte diesen Standort nicht.»

Der Wald, der zu Ebnöthers Rechten aufsteigt, gehört in diesen Gewässerschutzbereich, weiter hinten am Horizont fasst das Dorf Zweidlen das Wasser für die Duschen ihrer Einwohner und Einwohnerinnen. «Nicht auszudenken.» Nicht auszudenken auch, wenn ein Flugzeug im Anflug über dem Atommülllagereingang abstürzen würde.

Selbst die Nagra schätzte den Standort als nicht genügend ein, weil es im Gestein Hunderte Meter unter Ebnöthers Füssen zu wenig Platz hat, zu tief gegraben werden müsste. Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat Ensi und auch der Bundesrat betrachteten das nicht als Grund genug, Nördlich Lägern nicht zu testen.

Andere Horizonte

«Wir sollten mindestens einen Plan B zum Tiefenlager verfolgen», sagt Ebnöther. 74 Jahre dauerte sein Leben bis jetzt. Mindestens 30 Jahre wird es noch dauern, bis erste hoch radioaktiven Abfälle in ein Schweizer Lager transportiert werden können sollen. Hunderttausende Jahre wird es dauern, bis die hoch und mittel radioaktiven Stoffe für die Menschheit nicht mehr gefährlich sind.

«Nur schon vor 17'000 Jahren floss der Rhein nicht einmal hier durch», sagt Ebnöther, um zu illustrieren, wie viel sich in dieser Zeit verändert. «Und wie sollen wir den Menschen in 100'000 Jahren verständlich machen, an welcher Stelle wir toxische, strahlende Abfälle im Boden versteckt haben?» Menschen wie Ebnöther, die sich mit diesen Themen beschäftigen, beginnen irgendwann in anderen Zeithorizonten zu denken.

Das Klima war warm, Dinosaurier streiften durch die von Farnen unterwachsenen Nadelholzwälder der Ardennischen Insel. Vor 174 Millionen Jahren war dieses Gebiet von Zürich und Basel bis Paris, Stuttgart und Hannover vom Jura-Meer überdeckt. Die Wassertemperatur betrug 20 bis 23 Grad, das Meer war nur rund 50 Meter tief. Auf seinem Grund lagerten sich im Laufe der Jahre Schlammteilchen ab.

Niemand hat bisher ein funktionierendes Endlager für radioaktive Abfälle gebaut.

Wir nennen die Schicht heute Opalinuston. Darin sind die Hohlräume so klein, dass kein Wasser zirkulieren kann. Sollten Risse auftreten, lagert der Opalinuston Wasser ein, bindet es, quillt dabei auf und verschliesst sich von selbst wieder. «Er hat quasi Selbstheilungskräfte», sagt Geologe Hanspeter Weber auf dem Nagra-Bohrplatz wenige Hundert Luftmeter weiter. Weber und seine Kollegen bei der Nagra betrachten heute Opalinuston als ideales Wirtgestein für radioaktive Abfälle.

Auf dem Bohrplatz im Herrenwis bei Bülach herrscht Pionierstimmung, eine Drohne kreist über dem Gelände, eine Zeitrafferkamera zeichnet alles auf. Heute – an einem Freitag Ende März – kommt der Bohrer aus Norddeutschland an, Schwertransport, mit Polizeibegleitung.

Kein einziges Land auf der Welt hat bisher ein funktionierendes Endlager für radioaktive Abfälle gebaut. Die Schweizer wollen die Ersten sein. Nach Jahrzehnten der Standortsuche, die Nagra gibt es seit 1972, wollen sie endlich auf Tiefenexpedition.

Ein Kindergeburtstag für den Oberbohrmeister

Für Drilling Supervisor Dieter Meyer ist der Bülacher Bohrplatz ein Kindergeburtstag. Der Deutsche Oberbohrmeister bohrt seit 40 Jahren – Gorleben, Iran, Afghanistan, meistens auf der Suche nach Öl. Er ist das Auge und Ohr auf dem Bohrplatz, «der Company-Man». Er wird den 24-Stunden-Schichtbetrieb überwachen.

Zwölf Stunden pro Tag arbeiten die Bohrtechniker, maximal 15 Meter bohrt der Bohrer pro Tag, während 185 bis 195 Tagen, 1300 Meter in die Tiefe. Das Personal ist international. «Die arbeiten gerne ein paar Wochen hart und gehen dann wieder nach Hause», sagt Meyer. Auf dem Schweizer Bohrplatz fielen dem Deutschen bisher vor allem die fein säuberlich gepflasterten Gehwege zur Besucherterrasse auf. «Das gibt es sonst nirgends.»

«Das hier ist ein einzigartiges Projekt, ein Feldzug.»Jürg Neidhart, Projektleiter Nagra

Auf der Besucherterrasse beobachtet Jürg Neidhardt begeistert die Szenerie. Er ist Senior-Projektleiter der Nagra-Tiefbohrkampagne und fühlt sich wie in einem der Camps in Oman. Neidhardt arbeitete 20 Jahre für Shell. Dass er je wieder in die Schweiz zurückkommen würde, hätte er nicht gedacht. «Das hier ist ein einzigartiges Projekt», sagt er, «ein Feldzug».

23 Bohrgesuche hat die Nagra in den drei möglichen Gebieten in den Kantonen Zürich, Aargau, Schaffhausen, Thurgau und Solothurn eingereicht. Vielleicht müssen nicht alle durchgeführt werden. Eine Bohrung kostet 15 Millionen Franken.

«Wir wollen ein möglichst vollständiges Bild des Untergrunds», sagt Neidhardt. Wie liegt der Opalinuston im Raum? Wie verhält sich das Gestein bei Druck? Die Bohrkerne werden auf dem Platz gewaschen und dann direkt an die Uni Bern unters Mikroskop gefahren.

Anders als in Oman hatte es Neidhardt hier erstmals mit Gemeindepräsidenten und Anwohnerinnen und Anwohnern zu tun. In Regionalkonferenzen wird die Bevölkerung regelmässig über das Nagra-Projekt informiert, alle Interessengruppen sind einbezogen. Möglicher Widerstand soll früh abgefangen werden.

Nun ist es vorbei mit der Ruhe

Das hier ist ein Naherholungsgebiet. Neben dem Bohrplatz arbeiten Künstler an ihren Skulpturen, ein Rentner werkelt an ein paar Wohnwagen, über allem hängt der unverkennbare Duft einer CBD-Hanfplantage. Es ist ein abgeschiedenes Plätzchen für Leute, die niemanden stören und nicht gestört werden wollen.

Nun ist es vorbei mit der Ruhe. Der Tontechniker kann sein Studio nicht mehr gebrauchen, das Gebäude nebenan hat feine Risse in den Wänden. Wo die Stadt früher wegen des Grundwassers weitere Ausbauten untersagte, bohrt heute die Nagra.

Doch ausser die direkten Nachbarn scheint die Bohrung keinen zu stören. Auch im Zürcher Weinland, der zweiten Tiefenlagerregion und dem bisher favorisierten Standort, gibt es kaum Kritik. «Ich spüre im Weinland eine pragmatische Haltung betreffend Endlager», sagt GLP-Politiker Andrea Braun. «Das Lager soll da gebaut werden, wo es am sichersten ist.» Im Juni soll auch dort ein Bohrer auffahren. Wenn alles klappt. Solche Projekte tendieren dazu, länger zu dauern als vorgesehen. Irgendwann verlieren die Menschen das Interesse am Widerstand.

Werner Ebnöther nicht. Er war selber in Gorleben. In der deutschen Stadt musste die Endlagersuche nach Protesten abgebrochen werden, das ehemalige Salzlager erwies sich als ungeeignet, im Zwischenlager rosteten die Fässer und verschmutzten das Grundwasser. «Wir sollten uns mehr Zeit lassen», sagt er. Die Forschung finde ja immer wieder Neues heraus. «Lachen Sie mich aus, aber vielleicht beschliessen die kommenden Generationen mal, den Müll im All zu lagern.» Oder in Australien, dem tektonisch stillsten Gebiet der Erde. Aber wer weiss schon, was in hunderttausend Jahren ist. Jetzt wird erst mal gebohrt.

Erstellt: 02.04.2019, 21:49 Uhr

Eine lange Suche

Seit 2008 ist die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) auf der Suche nach einem Standort für ein Atommülllager. 2018 ging das Auswahlverfahren in die dritte Etappe. Als Favorit gilt das Standortgebiet Zürich-Nordost. Das Gebiet ist geologisch stabil, der Platz in der Tiefe ausreichend. Der Standort Nördlich Lägern präsentiert sich geologisch weniger günstig. Da die Bewilligung schneller vorlag, beginnen die Bohrungen dennoch in Bülach. 2022 will die Nagra die Resultate bekannt geben. Für die ausgewählten Standorte sollen ab 2024 die Rahmenbewilligungsgesuche eingereicht werden. (rar)

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