Vermieter und Agenten

Wenn Mieter und Sozialhilfebezüger ein Päckli machen.

Zu teure Mieten: Vermieter erhöhen die Preise für Sozialhilfebezüger, um das Maximum herauszuholen.(Symbolbild)

Zu teure Mieten: Vermieter erhöhen die Preise für Sozialhilfebezüger, um das Maximum herauszuholen.(Symbolbild) Bild: Keystone

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Diese Woche berichtete Tagesanzeiger.ch/Newsnet mehrfach über Hausbesitzer, welche die Notlage von Sozialhilfebezügern ausnützen und überrissene Mieten für schlechte Wohnungen verlangen, die dann der Staat bezahlt. Die Rede war von «Preisen, die genau so hoch sind, wie die Sozialhilfe gemäss ihren Richtlinien bezahlt». Die Frage ist, ob allein die Vermieter Täter sind oder manchmal nicht auch die Opfer.

Ich kann es am folgenden Fall illustrieren. Vor einem Jahr suchte ich einen Untermieter für ein Zimmer in einer 2-Zimmer-Wohnung in Bern. Es bewarb sich unter anderem ein arbeitsloser Engländer mit B-Ausweis, der bereits ausgesteuert war und Sozialgelder bezog. Er bot mir Folgendes an: «Sie erhöhen die Miete von 600 auf zum Beispiel 900 Franken. Sie erhalten den Betrag direkt vom Sozialamt vergütet. Die Differenz von 300 Franken können wir dann teilen.» Die Frage ist: Machen Vermieter und Sozialhilfebezüger öfter ein Päckli, um den Staat abzuzocken?

Wirtschaftstheoretisch plausibel

Journalistisch wäre die Frage nur mit einer Undercover-Recherche zu beantworten. Aus Sicht der Wirtschaftstheorie ist das betrügerische Verhalten aber plausibel und rational. Unser System der Sozialhilfe macht das Verhalten überhaupt möglich. Es kommt wohl häufiger vor, als man denkt.

Es handelt sich nämlich um ein klassisches Prinzipal-Agent-Problem. Der Prinzipal, der Auftraggeber, ist hier das Sozialamt, der Agent der Sozialhilfebezüger. Sie verfolgen nicht die gleichen Ziele. Das Sozialamt will möglichst günstig unterbringen, der Agent das Maximum aus seiner Lage herausholen. Er verfügt über mehr Informationen als das Sozialamt, so etwa, was der Markt für ein spezifisches Mietobjekt verlangt. Diese Informationsasymmetrie nutzt er zu seinen Gunsten. Er geht ans Limit dessen, was das Sozialamt bereit ist, zu zahlen. Die Differenz nutzt er zu seinen Gunsten.

Dem Staat bleiben zwei Lösungen: Entweder wird er selber zum Vermieter. Oder er legt ein unter dem Marktpreis liegendes, festes Budget fest. Der Agent wird zum Prinzipal und entscheidet selber. Dann werden alle Mieten für Sozialhilfebezüger sinken.

Erstellt: 30.05.2015, 07:51 Uhr

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