Interview

«Verschanzt euch nicht!»

Wenige Tage vor ihrem Austritt aus dem Bundesrat zeigte sich Micheline Calmy-Rey im Interview mit der Zeitung «Le Matin» hin- und hergerissen zwischen nostalgischen Gefühlen und der Vorfreude auf einen neuen Lebensabschnitt.

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Frau Bundespräsidentin, wie fühlt man sich am Ende einer so intensiven Etappe?
Ein neues Kapitel beginnt in meinem Leben. Ich bin ein bisschen nostalgisch, denn ich war sehr gerne Vertreterin der Schweiz. Ich war stolz auf meine Arbeit und darauf, unserem Land mehr Präsenz und Einfluss in der Welt zu verschaffen. Gleichzeitig freue ich mich auf das, was mich erwartet.

Was haben Sie gelernt?
Ich würde sagen, Stress und Zeitverschiebungen auszuhalten. Es ist schwer, immer zu repräsentieren, immer beobachtet zu werden, vor allem im Ausland. Dies verlangt nach ständiger Konzentration, und man kann sich nicht erlauben, müde oder krank zu sein. Ich habe eine strenge Disziplin befolgt, um Schritt zu halten.

Was möchten Sie in den Geschichtsbüchern über Ihre Regierungszeit lesen?
Ich habe nie darüber nachgedacht, aber ich war gerührt von der Ansprache eines Aussenministers, der sagte: «Sie hat viel dazu beigetragen, Völker und Leute einander näherzubringen.» In dieser Definition erkenne ich mich wieder. Sie ist eigentlich eine Anerkennung dessen, was die Schweiz in den letzten Jahren der internationalen Gemeinschaft geben wollte.

Wenn Sie zurückschauen, was sehen Sie?
An der Spitze des EDA hatte ich drei Prioritäten. Die erste war die Europapolitik. Wir leben in der Mitte dieses Kontinents, und gute Beziehungen zu unseren Nachbarn sind fundamental. Dann ging es darum, strategische Beziehungen zu den grossen aufstrebenden Ländern zu knüpfen. Ich habe versucht, das Schiff Schweiz auf diesen Kurs zu bringen, denn wir leben in einer globalisierten Welt, in der das Kräfteverhältnis zu deren Vorteil ausfällt. Die dritte Priorität war die Friedenspolitik, die Verteidigung der Menschenrechte und die Entwicklungspolitik. Einer der grossen Erfolge in diesem Bereich war die Schaffung des UN-Menschenrechtsrats in Genf. Ich bin stolz darauf, dass ich die Schweiz als anerkanntes und geschätztes Vermittlerland positionieren konnte.

Ein Beispiel?
Das jüngste Beispiel ist unsere Vermittlertätigkeit zwischen Georgien und Russland, die den Weg ebnete für den Beitritt Russlands zur Welthandelsorganisation. Der wird diesen Freitag in Genf vollzogen.

Was bringt dieses Engagement unseres Landes konkret?
Als ich mein Amt antrat, war es nicht einfach, eine Unterredung mit unseren Partnern zu vereinbaren. Heute können wir unsere Interessen besser verteidigen und uns Gehör verschaffen dank der Kommunikationsnetze und -kanäle und der Beziehungen, die wir aufgebaut haben, vor allem mit wichtigen internationalen Akteuren.

Welcher war der Höhepunkt Ihrer Amtszeit?
Es gab viele Höhepunkte, aber die Rückkehr von Schweizer Geiseln war immer einer davon. Bis jetzt habe ich alle Geiseln unversehrt nach Hause gebracht. Die ersten im Jahr 2004. Sie waren in der Sahara festgehalten worden. Diese Krisen sind schwer auszuhalten. Bei Verhandlungen ist man immer in der schwächeren Position, denn es stehen Menschenleben auf dem Spiel.

Bedauern Sie etwas?
Ich habe versucht, die Schweizer von der Bedeutung der Aussenpolitik zu überzeugen, und habe den Eindruck, das nicht immer geschafft zu haben. Heute gibt es in der Schweiz nicht bei allen aussenpolitischen Fragen einen Konsens.

Das Jahr 2012 verspricht, heikel zu werden. Welche Botschaft richten Sie an die Schweizer?
Angesichts der Schwierigkeiten der EU verfinstern sich unsere Aussichten. Den Schweizerinnen und Schweizern kann ich sagen: «Bleibt zuversichtlich und kreativ und widersteht vor allem der Versuchung, euch hinter den Bergen zu verschanzen.»

Als Bundespräsidentin führten Sie die erste Regierung mit einer Frauenmehrheit. Eine wahre Revolution?
Diese Regierung hat gut funktioniert. Sie hat die Fähigkeit zu überlegen, einen Konsens anzustreben, gemeinsam Lösungen zu finden. Alle Mitglieder waren in der Lage, das Interesse der Allgemeinheit über das Eigeninteresse zu stellen. Ich habe mich sehr dafür eingesetzt, dass der Bundesrat so arbeiten kann.

Heute hat jede Partei ihr eigenes Konkordanz-Rezept. Welche ist Ihrer Meinung nach die beste Formel?
Ich finde das Schweizer System ausserordentlich modern. Viele Länder beneiden uns darum. Eine Regierung, in der die wichtigen politischen Strömungen vertreten sind, ermöglicht es zusammen mit der direkten Demokratie, dass verschiedene Kulturen und Sprachen Seite an Seite bestehen. Dieses System muss unbedingt erhalten werden. Aber damit es gut funktioniert, muss man sich untereinander verstehen. Jeder spricht seine eigene Sprache und versucht, den anderen zu verstehen, um dann Lösungen zu finden, die vor Parlament und Volk eine Chance haben.

Mit anderen Worten, um zur Regierung zu gehören, sollte man die Sprache des anderen verstehen und in Richtung Konsens arbeiten.
Das haben Sie gesagt.

Ist es normal, dass die SVP als grösste Partei der Schweiz nicht zwei Sitze hat?
Das muss das Parlament entscheiden.

Sie treten immer sehr selbstsicher auf. Haben Sie auch Zeiten des Zweifels erlebt?
Natürlich. Die härtesten Phasen sind immer jene, die einer Beschlussfassung vorangehen. Man denkt nach. Man wägt Pro und Kontra genau ab. Eine Entscheidung zu treffen, ist immer am schwierigsten.

Haben Sie Angst davor, aus dem Rampenlicht zu treten? Alt zu werden?
Nein. Bis jetzt hatte ich nicht wirklich Zeit, mir solche Fragen zu stellen. Ausserdem bringt das Alter Erfahrung und eine gewisse Weisheit. Was zählt, sind Gesundheit, Projekte und die Lust, sich zu engagieren.

Genau. So sagt man Ihnen etwa eine internationale Karriere voraus, namentlich bei der UNO.
Ich habe mich immer politisch engagiert. Ich habe es nie geschafft, auf meinem Sofa sitzen zu bleiben.

Wenn Sie Ihr Amt abgelegt haben, was möchten Sie dann tun?
Oh là là! So viel. Ich müsste noch sehr lange leben, um alles zu machen, was ich möchte. Das Leben nimmt eine gewisse Richtung, und man kann unmöglich alles erreichen, was man sich vorgenommen hat.

Vielleicht wieder Musik machen?
Ich wäre liebend gern Dirigentin geworden. Aber ich hätte sehr viel arbeiten müssen, denn es fehlte mir das gewisse Etwas.

Wie machen Sie das, so strahlend auszusehen? Die Zeit, die Last der Regierungsverantwortung scheinen absolut keinen Einfluss auf Sie zu haben!
Ich habe wahrscheinlich eine gute Hautcreme! Und dieses Amt macht mir viel Freude. Natürlich gibt es schwierige Zeiten, aber es ist unglaublich spannend. Ich bin stolz darauf, diesen Beruf auszuüben und die Schweiz zu vertreten. Das ist wahrscheinlich spür- und sichtbar.

Erstellt: 15.12.2011, 14:14 Uhr

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