Interview

«Viele Bauern sorgen sich wegen der Zuwanderung um Kulturland»

Bauernpräsident Markus Ritter erklärt, warum viele Landwirte zur SVP-Initiative Ja sagen – und was er vom Vorwurf hält, mit seinem Nein missachte er die Basis.

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Der Vorstand des Schweizer Bauernverbandes lehnt die SVP-Initiative ab – trotzdem beschliessen laufend neue Kantonalsektionen die Ja- Parole. Was machen Sie falsch?
Für unsere Parole war entscheidend, dass die Initiative zu einem Mangel an landwirtschaftlichen Arbeitskräften führen würde. Viele Bauern fürchten aber, dass wegen der Zuwanderung Kulturland verloren geht. Vor allem in kleinen Familienbetrieben, die nicht auf Fremdarbeiter angewiesen sind, wird das Kulturlandproblem höher gewichtet. Mit einigen abweichenden Meinungen im Verband habe ich gerechnet.

Bei den Abweichlern handelt es sich immerhin um die Kantonalsektionen Zürich, Bern, Thurgau, Schaffhausen und Aargau.
Wir haben 85 Mitgliederverbände, neben unseren Kantonalsektionen auch viele Branchenorganisationen. Sie haben jetzt 5 Mitglieder aufgezählt ...

... darunter die Kantonalsektionen sehr einwohnerstarker Kantone.
Das stimmt, allerdings war die Entscheidung mancherorts sehr knapp. Im Aargau brauchte es den Stichentscheid des Präsidenten. Und im Thurgau gab wohl das Votum meines Vorgänger, SVP-Nationalrat Hansjörg Walter, den Ausschlag. Es gibt aber auch Sektionen, die unserer Empfehlung gefolgt sind, Solothurn zum Beispiel oder mehrere aus der Romandie. Die meisten verzichten auf eine eigene Parole.

Dennoch müssen Sie sich fragen, ob Sie Ihre Basis vertreten. Sehen Sie kein Glaubwürdigkeitsproblem?
Nein, denn unser Entscheid ist auf reguläre, demokratische Weise zustande gekommen. Die zuständige Fachkommission, in der auch die Mitgliedssektionen vertreten sind, hat einstimmig ein Nein empfohlen. Der Vorstand ist dieser Empfehlung schliesslich gefolgt – ebenfalls mit grossem Mehr.

Sie sind in der CVP, Direktor Jacques Bourgois gehört zur FDP. Was sagen Sie zum Vorwurf von SVP-Chef Toni Brunner, Sie betrieben mit dem Bauernverband Parteipolitik?
Das ist eine dreiste Unterstellung, die ich in aller Form zurückweise. Ich habe Ihnen jetzt dargelegt, wie unsere Parole zustande kam. Wäre vor zwei Jahren mein SVP-Konkurrent Andreas Aebi zum Bauernpräsidenten gewählt worden, müsste er diesen Entscheid heute genauso vertreten.

Wie wird die Mehrheit der Bauern am 9. Februar abstimmen?
Die Meinungsbildung ist noch im Gang. Eine Onlineumfrage der Zeitung «Schweizer Bauer» hat allerdings ergeben, dass 56 Prozent der Teilnehmer die Initiative ablehnen und nur knapp 40 Prozent ihr zustimmen. Ich finde dieses Resultat, bei aller Vorsicht gegenüber solchen Umfragen, bemerkenswert.

Haben Sie Verständnis für die Angst um das Kulturland?
Ja. Aber dieses Problem müssen wir mit dem Raumplanungsrecht lösen. Es ist viel zu simpel, das Kulturlandproblem allein mit der Zuwanderung zu erklären. Oder es damit lösen zu wollen.

Bei einer Annahme der Initiative würden Sie Ihre Erntehelfer doch ebenfalls erhalten. Vor der Personenfreizügigkeit war das schliesslich auch so.
Allerdings hatten wir auch zuvor schon eine hohe Zuwanderung. Die Initianten sagen ausdrücklich, dass sie die Zuwanderung deutlich beschränken wollen. Uns versichern sie, wir würden die benötigten Arbeitskräfte trotzdem bekommen. Und allen anderen Branchen versprechen sie dasselbe. Also bitte: Wenn die Initiative für niemanden Folgen hat, wozu wurde sie dann lanciert? Irgendjemand wird bei einem Ja die Rechnung zahlen müssen. Und ich fürchte, es werden vorab die Branchen mit niedrig qualifizierten Arbeitskräften sein.

Erstellt: 11.01.2014, 09:43 Uhr

Markus Ritter

Der 46-jährige Landwirt und CVP-Nationalrat amtet seit 2012 als Präsident des Schweizer Bauernverbandes.

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