«Viele wissen nicht, wie sie sich entspannen können»

50-Stunden-Woche, mehr Arbeitstage am Stück, weniger Pausen-Vorschriften: Die Forderungen des Gewerbeverbands polarisieren. Ein Arbeitspsychologe sagt, wo die Grenzen liegen.

Das heutige Arbeitsgesetz sei nicht mehr zeitgemäss, kritisiert der Gewerbeverband: Grossraumbüro in der Zürcher Innenstadt.

Das heutige Arbeitsgesetz sei nicht mehr zeitgemäss, kritisiert der Gewerbeverband: Grossraumbüro in der Zürcher Innenstadt. Bild: Keystone

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Die Wirtschaft will, dass 50-Stunden-Wochen dank einer Jahresarbeitszeit gesetzlich möglich werden. Macht das Sinn?
Jein. Flexiblere Arbeitsbedingungen entsprechen heute dem Bedürfnis vieler Arbeitnehmer. So können sie in Zeiten mit vielen Aufträgen länger arbeiten und in ruhigeren Wochen kompensieren oder länger Ferien beziehen. Ganz wichtig ist aber, dass auf eine Beanspruchungs- eine Erholungsphase folgt. Sonst schadet diese Flexibilisierung der Gesundheit. 50-Stunden-Wochen über eine längere Zeit wären nicht gut, davor muss man die Arbeitnehmer schützen.

Wie lange kann eine stressigere Arbeitsphase dauern, bevor sie gesundheitsschädigend wird?
Das lässt sich nicht generalisieren. Arbeitnehmer bewältigen Stress sehr unterschiedlich und sind daher nicht alle gleich belastbar. Der Arbeitgeber darf sich bei der Arbeitsvergabe aber nie nur an jenen orientieren, die besonders robust sind.

Gibt es aber Tätigkeiten, die sich für längere Belastungsphasen besser eignen als andere?
Wer auf dem Bau arbeitet, ist eher körperlicher Belastung ausgesetzt. Doch auch die Arbeit im Büro kann kräfteraubend sein – so birgt beispielsweise eine phasenweise zu intensive und herausfordernde Kundenbetreuung das Potenzial für Erschöpfung und bei längerer Dauer auch für Krankheit. Eine allgemeine gesetzliche Vorgabe wird daher nicht allen Jobs und Arbeitsbedingungen gerecht. Es ist wichtig, den Einzelfall zu bewerten und sicher zu stellen, dass eine Person genug Ressourcen und hilfreiche Bewältigungsstrategien hat, um den Jobanforderungen zu genügend. Hier sind auch die Arbeitgeber in der Verantwortung.

Der Gewerbeverband will auch die Pausen- und Ruhezeiten flexibilisieren, um längere Arbeitseinsätze am Stück zu ermöglichen. Ab wann wird eine Aufweichung der geltenden Vorschriften gefährlich?
Das ist zwar ebenfalls individuell unterschiedlich, aber grundsätzlich haben Pausen eine wichtige Funktion: Nach einer Beanspruchung muss immer auch eine Erholung folgen. Aber auch bei der Gestaltung des Feierabends, des Wochenendes und der Ferien sollte darauf geachtet werden, dass Erholung möglich ist. Wir beobachten mit Sorge, wenn Menschen sechs, sieben Stunden ohne Unterbruch durcharbeiten. Das kann nicht nur für die Arbeitnehmer, sondern beispielsweise auch für die Kunden oder Patienten, mit denen sie zu tun haben, gefährlich werden. Denn die Fehlerhäufigkeit nimmt zu, während die Leistungsfähigkeit nachlässt.

Eine längere Pause pro Tag oder mehrere kurze Unterbrüche – was ist besser?
Mehrere Kurzpausen sind effektiver als eine lange, denn der Erholungswert ist zu Beginn eines Arbeitsunterbruchs am grössten. Nach zehn Minuten lässt die Wirkung bereits nach.

Welche Folgen haben nahezu pausenlose Arbeitstage?
Ein permanenter Raubbau am Körper – und das ist pausenloses Arbeiten – kann gravierende Langzeitfolgen haben. Der Organismus wird die benötigte Erholung früher oder später einfordern. Häufig fühlen sich Betroffene plötzlich ausgebrannt. Umso wichtiger sind in der heutigen Arbeitswelt Erholungskompetenzen. Vielen fehlt aber das Wissen, wie sie sich auch abends und am Wochenende entspannen können. Arbeitnehmer müssen sich fragen: Wie gelingt es mir, mich zu erholen? Was tut mir gut? Wie gestalte ich meine Zeit?

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Die Gewerkschaften befürchten deshalb, dass ein flexibleres Arbeitsgesetz Stress und Burn-outs fördert.
Tatsächlich besteht bei flexibleren Arbeitsbedingungen das Risiko einer Entgrenzung. Die Arbeit verschmilzt mit anderen Lebensbereichen – Mails werden auch spätabends noch beantwortet, Präsentationen bereits frühmorgens oder am Wochenende erstellt. Die Arbeitnehmer müssen lernen, damit umzugehen, damit sie sich nicht selbst ausbeuten.

Wie beugt man einer Entgrenzung verschiedener Lebensbereiche vor?
Da sind auch die Arbeitgeber in der Pflicht. Wenn sie flexiblere Arbeitsbedingungen einführen, müssen sie diesen Prozess auch angemessen begleiten. Die Chancen und Gefahren müssen offen mit den Arbeitnehmern diskutiert werden. Und es gilt auch, die Aufgaben realistisch zu portionieren. Wenn jemand ständig mehr zu tun hat, als eigentlich in der vorgesehenen Zeit bewältigbar wäre, fördert das die Erschöpfung. Trotzdem ist eine autonomere Arbeitsweise für viele Arbeitnehmer ein Gewinn.

Die Vorteile flexiblerer Arbeitsbedingungen überwiegen also?
So absolut kann man das nicht sagen. Wenn eine flexible Arbeitsorganisation gut ausgestaltet ist, gibt es viele Vorteile. So kann es auf diese Weise beispielsweise besser gelingen, die verschiedenen Lebensbereiche wie Familie, Beruf und Hobbys unter einen Hut zu bringen. Wird die Flexibilität hingegen negativ ausgestaltet, geht der Gesundheitsschutz verloren und unternehmerische Risiken werden auf die Arbeitnehmer abgewälzt. Wünschenswert ist daher ein konstruktiver Dialog zwischen Arbeitergeber und Arbeitnehmer, damit gute Lösungen möglich werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.11.2017, 20:14 Uhr

Peter Roos ist Arbeits- und Organisationspsychologe sowie geschäftsführender Partner von Bueroaundo.ch.

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