Vieles läuft schief, der Rest geht in die Hosen

Die Kandidaten für die Bundesratswahl stehen fest. Doch bei der CVP läuft der Wahlkampf überhaupt nicht nach Plan. Wer hat Chancen?

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Was für ein Finale. Gewissermassen in letzter Sekunde hat Viola Amherd gestern ihre Anmeldung für die Bundesratswahlen am 5. Dezember deponiert. Heute schliesst sich das offizielle Zeitfenster der CVP.

Es dürfte die erste Kandidatur in der Geschichte der Eidgenossenschaft sein, die aus einem Spitalbett heraus verkündet wird. Vor zehn Tagen musste die 56-jährige Nationalrätin wegen Nierensteinen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die Operation hatte Komplikationen zur Folge, weshalb sie nach kurzem Heimurlaub erneut ins Spital gebracht wurde.

Wie es jetzt weitergeht, ist unklar. Für Anfragen stand gestern nur Franziska Biner zur Verfügung, die Präsidentin der CVP Oberwallis. Es sei wirklich ein dummer Zufall, dass Amherd sich noch im Spital befinde, sagte sie. «Wir haben wirklich gehofft, dass sie sich schnell erholt. Aber sie ist leider noch nicht hundertprozentig fit. Im Moment müssen wir es von Tag zu Tag nehmen.»

Es klang nicht gerade wie eine Kampfansage an die Konkurrenz. Und es ist symptomatisch für die bisherige Kampagne der CVP für den Ersatz von Doris Leuthard. Vieles läuft schief, der Rest geht in die Hosen. Ausgerechnet bei der CVP, die ihre Macht ein gutes Jahrhundert lang absolut geräuschlos verwaltet hat, die Bundesräte ersetzte, als wären sie einfache Sachbearbeiter. Diese Partei sieht sich durch eine Vakanz, die sich seit langem angekündigt hatte, plötzlich in grossen Nöten.

Es ist ja nicht nur, dass Amherd, die Favoritin, über Wochen lahmgelegt war. Zunächst wegen einer unschönen Mietaffäre, die jetzt ein CVP-Ethikrat um Fraktionspräsident Filippo Lombardi unter die Lupe nehmen wird, anschliessend wegen Nierensteinen. Eine ganze Reihe von unglücklichen Fügungen trug dazu bei, dass sich bei der CVP das Gefühl einer Heimsuchung breitmacht. Da haben etliche ernst zu nehmende Anwärter für den Bundesrat ihr Desinteresse kundgetan. Erich Ettlin, Stefan Engler und Pirmin Bischof etwa. Da hat der Zuger Ständerat und Alt-Finanzdirektor Peter Hegglin seine Kandidatur im grellen Licht der Sonntagspresse lanciert, wodurch er wohl eher blasser wirkte, als er tatsächlich ist. Aussenpolitikerin Elisabeth Schneider-Schneiter wurde von ihrer eigenen Kantonalpartei hintergangen, welche gerne einen anderen Kandidaten nominiert hätte. Der Urner Regierungsrätin Heidi Z’graggen wiederum gelang es bisher nicht, sich in der Öffentlichkeit festzusetzen.

Die starken Männer

Angesichts dieses wenig aufregenden Kandidatenfeldes griff unter den Bundeshausjournalisten Verzweiflung um sich, weshalb sie sich an die starken Männer der CVP wandten.

«Alle wollen Pfister», titelte der «Blick» am Freitag. Wobei sich hinter dem «alle» primär SVP-Lastwägeler Ulrich Giezendanner verbarg. «Mit der Unterstützung der SVP könnte Pfister weitgehend rechnen», sagte der Nationalrat und blies zum Halali auf den CVP-Präsidenten. Der «Geheimplan Pfister» war geboren.

Will er vielleicht doch? Als wilder Kandidat? Ziert er sich einfach ein bisschen? Pfister setzte einen langen Tweet ab. «Ich werde nicht, ich will nicht, ich kann nicht, ich muss nicht», hiess es da unter anderen. Nur glaubte ihm das niemand. Als Pfister wenige Tage später nach Luzern reiste, wäre es eigentlich um anderes gegangen. Die grosse Wahlkonferenz seiner Partei stand auf dem Programm, der Start ins Wahljahr 2019, im Zentrum die Lancierung einer Volksinitiative im Gesundheitswesen.

Doch das interessierte niemanden. Wohl selten erschienen an einem Sonntag so viele Interviews mit der gleichen Person. Pfister gab sich redlich Mühe, nicht immer die gleichen Worte zu gebrauchen. Und doch sagte er immer das Gleiche. «Ich habe mit der Wahl zum CVP-Präsidenten von der Idee, Bundesrat zu werden, Abschied genommen.» («SonntagsZeitung»); «Ich könnte eine Wahl nicht annehmen.» («Sonntagsblick»); «Ich habe das schon hundertmal erklärt, aber offenbar will man es mir nicht glauben.» («NZZ am Sonntag»).

Pfister will nicht, wirklich nicht. Und so begann diese Woche mit der Suche nach einem anderen, valableren Kandidaten. In der «Aargauer Zeitung» brachte Ulrich Giezendanner (wer sonst) den Bundeskanzler ins Spiel. Walter Thurnherr wäre der «ideale Kandidat» für die CVP, sagte Giezendanner, und versprach wiederum alle Stimmen der SVP – und dieses Mal auch jene der FDP.

Aus Giezendanners Plan wird nichts. Nach abgelaufener Meldefrist der CVP verbleiben vier Kandidaten: Elisabeth Schneider-Schneiter, Heidi Z’graggen, Viola Amherd und Peter Hegglin. Die Sache sei bisher nicht so glücklich gelaufen, sagt Parteipräsident Gerhard Pfister und bemängelt die Berichterstattung über seine Kandidaten. «Nur weil ein Journalist eine Kandidatin nicht kennt, heisst das nicht, dass diese Kandidatin das Amt nicht meistern würde.»

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Die Bewerber versuchen die Debatte mit einem Schulterzucken abzutun. «Das gehört zum politischen Spiel», sagt Schneider-Schneiter, «wenn die FDP nicht Karin Keller-Sutter hätte, die so klar in der Poleposition steht, dann würden die Diskussionen dort gleich laufen.» Peter Hegglin hat die Kritik als diffus empfunden. In einem solchen Wahlkampf müsse man damit rechnen, durchleuchtet zu werden, «aber solange man nicht etwas offensichtlich Falsches macht, darf man auch nicht zu lange darüber nachdenken.» Auch Heidi Z’graggen schreibt auf Anfrage, dass sie sich von der Kritik «nicht beirren» lassen wolle. «Diese Diskussionen sind Teil des politischen Prozesses.»

Rennen um den zweiten Platz

Der nächste Teil dieses Prozesses: Das Rennen um einen Platz auf dem Ticket. Die besten Aussichten hat sicherlich Viola Amherd. Mit grosser Exekutiv- und Bundeshauserfahrung bringt sie das beste Profil mit, zudem ist sie als Gruppenführerin der CVP im Nationalrat gut in ihrer Fraktion verankert. Praktisch chancenlos ist dagegen Elisabeth Schneider-Schneiter. Nicht nur, weil es ihr an Führungserfahrung mangelt, sondern weil sie in der Fraktion zu wenig Unterstützung geniesst. Etwa gleichauf liegen Peter Hegglin und Heidi Z’graggen. Über den Ersteren heisst es bei CVP-Mitgliedern, er habe einen intakten Leistungsausweis, aber noch keine Stricke zerrissen in Bern. Über Letztere, dass sie sympathisch sei, aber ihre Bundesratsqualitäten vor der Fraktion noch unter Beweis stellen müsse.

Wie anders ist da die Stimmung beim Freisinn. Mit ihrer Kandidatur hat Überpolitikerin Karin Keller-Sutter alle Diskussionen über die Qualität des FDP-Personals beendet. Fraglich ist nur noch, welchem freisinnigen Herren die Fraktion die Ehre angedeihen lässt, neben KKS den zweiten Platz zu holen. Hans Wicki oder Christian Amsler?

Am Telefon erzählen beide von vollen Agenden, intakten Chancen und positivem Feedback. Sie nehmen das also sportlich, die Freisinnigen, eine Herausforderung, nur eine weitere Challenge. «Andere Männer in meinem Alter kaufen sich eine Harley Davidson», sagte Christian Amsler im Interview mit den «Schaffhauser Nachrichten». «Ich stelle mich der Bundesratskandidatur.»

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.10.2018, 06:36 Uhr

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