«Vielleicht bin ich germanophil»

Tim Guldimann, der bekannteste Schweizer Diplomat, ist unser neuer Botschafter in Berlin. Er sieht Deutschland und die Schweiz weniger eng verbunden als auch schon.

Unser neuer Mann in Berlin: Tim Guldimann in seinem Haus in Hofheim-Lorsbach (D).

Unser neuer Mann in Berlin: Tim Guldimann in seinem Haus in Hofheim-Lorsbach (D). Bild: Keystone

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Letzte Woche haben Sie Ihr neues Amt als Botschafter in Berlin angetreten. Wie steht es um das schweizerisch-deutsche Verhältnis?
Es hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten stark verändert. Das liegt nicht in erster Linie an den Fragen, die sich heute im bilateralen Verhältnis stellen, als vielmehr daran, dass beide Staaten sich in ihrem Selbstverständnis gegenüber der Welt gewandelt haben. Und in diesem Wandel liegt ein diametraler Unterschied: Deutschland ist über die Wiedervereinigung zur europäischen Mittelmacht geworden, zum grössten Staat innerhalb der EU. Auch global spielt Berlin eine wichtigere Rolle und ist daran, sich von seiner historischen Last zu lösen und neues Selbstvertrauen zu gewinnen. Die Schweiz hingegen war die europäische Erfolgsstory des 20. Jahrhunderts: Wir konnten uns aus den Katastrophen der ersten Jahrhunderthälfte heraushalten und erreichten in der zweiten Hälfte einen einzigartigen Wohlstand. Heute haben wir Mühe, uns in Europa und in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts zurechtzufinden.

Sind wir zum Opfer des eigenen Erfolgs geworden?
Gewissermassen schon, aber eigentlich ist das ja paradox: Bis jetzt haben wir die Wirtschaftskrise besser überstanden als fast alle andern Europäer. Die kämpfen mit einer horrenden Verschuldung, Griechenland droht der Staatsbankrott – und unser Finanzminister verkündet Budgetüberschüsse. Offensichtlich machen wir es gar nicht so schlecht, wenn sich die andern sagen müssen: Solche Probleme möchten wir haben.

Allerdings hat die Verunsicherung weniger ökonomische als politische Gründe.
Bis heute waren wir ja erfolgreich. Die Probleme mit Brüssel haben wir bilateral besser lösen können, als viele – und ich gehöre auch dazu – vorhergesehen haben. Aber der Erfolg der Vergangenheit sichert ihn nicht für die Zukunft. Der Bundesrat schreibt in seinem aussenpolitischen Bericht 2009, dass die Strategie überdacht werden muss, wenn die Erfolgsbedingungen nicht mehr erfüllt sind. Konkret geht es um die Frage: Wo stehen wir im Jahre 2020? Diese Frage wird harte Entscheide verlangen, aber das ist jetzt nicht unser Thema...

...doch! Schliesslich stellt sich diese Frage nicht im luftleeren Raum. Die Schweiz liegt in einem Europa, das sich verändert. Derzeit durch die Euro-Krise.
Jede innenpolitische Debatte wird von aussenpolitischen Bedingungen bestimmt, und diese haben sich verändert. Wir können davon ausgehen, dass sie sich verhärten. Wenn es den Staaten wirtschaftlich gut geht, sind alle nett miteinander. Wird aber das Geld knapp, werden Interessenskonflikte härter ausgetragen. Die Krise des Euro erzwingt gewaltige Solidaritätshilfen innerhalb des Euroraumes. Wir sind nicht Mitglied des Clubs. Die EU ist heute vor allem mit sich selbst beschäftigt.

Das heisst, dass die Nichtmitglieder im Club, zum Beispiel wir, künftig noch einsamer dastehen?
Es wird für Aussenstehende zunehmend schwieriger, sich Gehör zu verschaffen. Dabei werden wir es auf Jahre hinaus mit europäischen Partnern mit riesigen Finanzlöchern zu tun haben. Wie gesagt, der Schweiz geht es gut, aber gerade deshalb müssen wir aufpassen, nicht zur Zielscheibe populistischer Kavalleristen aus dem Ausland zu werden. Die würden uns vorwerfen, das zu sein, was man auf Schweizerdeutsch «heimlifeiss» oder auf Französisch «boire en Suisse» nennt. Das kommt von unseren Reisläufern in französischen Kriegsdiensten, die ihren Wein allein oder nur unter sich tranken.

Haben Sie Verständnis für dieses Bild einer Ego-Schweiz?
Nein, solche Kritik ist falsch, wenn man zum Beispiel bedenkt, dass heute die Nationalbank mit siebzig Milliarden den Euro-Franken-Kurs stabilisiert und sich die Schweiz mit einem Milliardenkredit an der Währungsfondshilfe für den Euro beteiligt.

Die Schweiz kann ja nichts dafür, wenn die anderen ihre Grundsätze verletzen und ihnen die Verschuldung aus dem Ruder läuft.
Nein, aber wir müssen verstehen, dass diese neuen wirtschaftlichen Realitäten unsere Beziehungen zum Ausland beeinflussen. In diesem Verhältnis hat sich viel verändert. Bleiben wir bei Deutschland. Früher gab es eine sehr enge Allianz zwischen der Nationalbank und der Deutschen Bundesbank, der Gralshüterin der europäischen Währungsstabilität. Dieses ordnungspolitische Einvernehmen gibt es heute nicht mehr. Der Euro hat die Bundesbank entmachtet. Die Sanierung der früheren DDR war ein Gewaltakt nationaler Solidarität, der dem Land Kosten aufbürdete, die in etwa der gesamten öffentlichen Verschuldung von heute entsprechen. Damit haben sich die Schwerpunkte der deutschen Politik nicht nur geografisch, sondern auch politisch von der Schweiz wegbewegt.

Welchen Einfluss haben diese Entwicklungen auf unsere Beziehungen mit Deutschland?
Ich glaube, es gibt grundsätzliche Unterschiede zwischen der Schweiz und Deutschland, deren wir uns in jüngerer Zeit wieder stärker bewusst geworden sind. Lange blieben sie unterschwellig, teilweise sogar ein Tabu. Mir schien, unter den Europagegnern, etwa in der EWR-Abstimmung 1992, gab es manche, die auf den Sack Brüssel schlugen und den Esel Deutschland meinten. Zu jener Zeit wurde ich in einer Vorlesung an der Berner Uni überrascht vom kollektiven Protest der Studierenden gegen meine Behauptung, wir gehörten zur deutschen Kultur. Darüber besteht offensichtlich keine Einigkeit. Heute wird zumindest offen über dieses Verhältnis diskutiert. Nur werden dabei Animositäten – sie betreffen insbesondere den Raum Zürich – populistisch missbraucht und in den Medien überzeichnet. Zum Glück sieht man auch den grossen Nutzen der deutschen Zuwanderung. Das Phänomen ist ja nicht neu. 1910 lebten fast gleich viele Deutsche in der Schweiz wie heute, während sich seither die Wohnbevölkerung verdoppelt hat.

Sind wir Deutschschweizer wirklich Teil der deutschen Kultur?
Ich würde die Frage bejahen und möchte auch nicht auf den Begriff der Sprachkultur ausweichen. Das Einzigartige an unserem Land ist doch, dass wir an der Schnittstelle der drei grossen Kulturen Mitteleuropas liegen, an denen wir teilhaben. Trotzdem grenzen wir uns ab, als Deutschschweizer stärker von Deutschland als die Romands von Frankreich. Die Unterschiede zu Deutschland sind Produkt einer langen in den letzten Jahrhunderten zunehmend getrennten Geschichte. Schon Luther konnte sich mit Zwingli in Marburg nicht einigen und trennte sich von ihm mit den Worten: «Ihr habt einen anderen Geist.» Für mich geht es bei diesen Worten um weit mehr als ums umstrittene Abendmahl. Bald danach, am Ende des Dreissigjährigen Krieges, sind wir aus dem Deutschen Reich ausgetreten.

Was trennt uns von den Deutschen?
Die Grenze am Rhein. Hier müssen wir verstehen, dass diese Grenze für beide Seiten eine unterschiedliche Bedeutung hat. Zum einen ist die Grenze und damit die Abgrenzung für den Kleineren immer wichtiger als für den Grösseren. Zum andern gründen wir als Willensnation unsere Identität auf die Abgrenzung, die ja nicht von der Geografie garantiert wird. Wir verwenden die gleiche Sprache, zumindest offiziell, aber wir unterscheiden sehr sensibel zwischen Schriftdeutsch und Hochdeutsch. Das Schweizerdeutsche nimmt im öffentlichen Raum zu, in der Werbung zum Beispiel. Eine von einem Deutschen gesprochene Ansage im Zürcher Tram sorgte für Aufruhr. Auf der deutschen Seite hingegen schafft uns die gemeinsame Sprache ein grundsätzliches Wohlwollen, weil wir zum deutschen Sprachraum gehören. Das Goethe-Institut finanziert Lesungen von Schweizer Schriftstellern in Drittländern.

Es gäbe also mehr Gemeinsames?
Jede Grenze trennt und verbindet. Von Satelliten gemachte Infrarotaufnahmen von Europa zeigen ein Ballungsgebiet wirtschaftlicher Entwicklung, das Süddeutschland mit der Nordschweiz verbindet; die Grenze ist nicht ersichtlich. Baden-Württemberg ist einer unserer wichtigsten Wirtschaftspartner. Über ein Drittel unseres Aussenhandels mit der EU wickeln wir mit Deutschland ab. Dabei liefern wir von unseren Exporten nach Deutschland fast 40 Prozent nach Baden-Württemberg. Es gibt einen alemannischen Wirtschaftsraum mit einer kulturellen Gemeinsamkeit, deren wir uns stärker bewusst werden müssen. Wenn wir dieses alemannische Bewusstsein hüben und drüben stärken, können wir gemeinsame Probleme – etwa den Flughafen – besser angehen.

Aber Sie vertreten ja nicht nur Zürcher Interessen in Berlin – obwohl Sie in Zürich aufgewachsen sind.
Natürlich nicht, und ich halte es für wichtig, dazu beizutragen, in Deutschland die Sicht auf die ganze Schweiz zu erweitern. Für die Deutschen ist die Schweiz in erster Linie die Deutschschweiz. Vielleicht kennen sie noch Genf. Aber die Romandie ist kaum bekannt. Berühmte Romands von Corbusier bis Godard gelten als Franzosen. Dabei geht es nicht nur um Fondue mit Fendant, sondern darum, dass die Romandie als Technologiestandort mit einem Profil, das sich von der Deutschschweiz unterscheidet, auf dem deutschen Markt ein grosses Potenzial hat.

Man kennt Sie vor allem als IslamExperten und wegen Ihrer Vermittlung in Tschetschenien. Was verbindet Sie mit Deutschland?
Vielleicht bin ich germanophil. Mein Vater ist in den Fünfzigerjahren mit uns Söhnen oft nach Deutschland gefahren, nach Ulm, Stuttgart und auch nach München, wo ich später vor Eintritt ins Beamtenleben drei Jahre arbeitete. Jetzt lebe ich seit fünf Jahren mit Unterbrüchen in Deutschland, bin mit einer Deutschen verheiratet und habe zwei Doppelbürgerinnen als Töchter.

Es ist eher untypisch, dass sich ein Schweizer als germanophil bezeichnet.
Als Schweizer empfinde ich eine Dankbarkeit gegenüber Deutschland, die sich in folgender Tatsache begründet: Die Schweiz verdankt ihren Wohlstand in den letzten Jahrzehnten dem Frieden in Europa. Der europäische Friedensraum ist das Produkt der europäischen Integration, die in den letzten zwanzig Jahren auf Osteuropa ausgedehnt werden konnte. Ohne die deutsche Bereitschaft, quasi als Zahlmeister Europas einen überproportionalen Teil der Kosten dieses Prozesses zu bezahlen, wäre er nicht möglich gewesen. Deutschland hat sein historisches Gewissen in seine Europapolitik hineingetragen. Davon hat die Schweiz profitiert.

Erstellt: 15.05.2010, 12:08 Uhr

Grosny, Teheran, Pristina, Berlin

Tim Guldimann, 59, ist seit Anfang Mai Schweizer Botschafter in Berlin. Der gegenwärtig wohl bekannteste Schweizer Diplomat war von 1999 bis 2004 Botschafter im Iran, wo er neben den Schweizer auch die Interessen der USA vertrat. Zuvor und danach war er für die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) tätig. Er leitete deren Missionen in Tschetschenien, Kroatien und in Kosovo. In Tschetschenien trug Guldimanns Vermittlung entscheidend zur Beendigung der ersten Kriegsphase bei. Zwischendurch lehrte er als Dozent für Politikwissenschaft an verschiedenen Universitäten, namentlich in Bern und Frankfurt. Der vielsprachige Diplomat – er spricht unter anderem Russisch und Arabisch – gilt als exzellenter Kenner Russlands und der islamischen Welt.

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