«Vielleicht wollen die Männer nicht mit uns die Macht teilen»

Die «Grande Dame» der Schweizer Politik, Judith Stamm, sorgt sich wegen des sinkenden Frauenanteils.

CVP-Nationalrätin Judith Stamm bei einer Rede während der Frühjahrssession im März 1987. Foto: Keystone

CVP-Nationalrätin Judith Stamm bei einer Rede während der Frühjahrssession im März 1987. Foto: Keystone

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1971 wurde auf Bundesebene das Frauenstimmrecht eingeführt. Nachdem der Frauenanteil in allen politischen Gremien jahrzehntelang anstieg, stagniert er heute oder ist gar rückläufig. Im National- und Ständerat sank die Frauenvertretung nach den Wahlen von 2011 erstmals. Im Kanton Luzern könnte es am 10. Mai gar zur einzigen reinen männlichen Regierung der Schweiz kommen. Nachdem die Kandidaten von CVP und FDP bereits im ersten Wahlgang Ende März ihre Mandate ins Trockene brachten, kämpfen der bisherige Finanzdirektor Marcel Schwerzmann (parteilos) sowie der SVP-Kandidat Paul Winiker und die SP-Kandidatin Felicitas Zopfi um den Einzug in die fünfköpfige Regierung. Im Unterschied zur CVP, die sich zur Konkordanz bekennt, wollen die Wirtschaftsverbände und die FDP die SP-Frau rauswerfen. Für Judith Stamm, die ehemalige Luzerner CVP-Nationalrätin, Vorkämpferin für Frauenrechte und höchste Schweizerin von 1997, ist das unverständlich. Schuld seien aber nicht nur die machtbewussten Männer, sondern auch die wieder bequem gewordenen Frauen.

Sie sagten mal: «Ich glaube, manchmal benehme ich mich wie ein Soldat im Schützengraben, der nicht gemerkt hat, dass Frieden herrscht.» Verspüren Sie mit 81 Jahren etwas Altersmilde?
Selbstverständlich. Aber meine kämpferische Ader habe ich immer noch. Die Aussage habe ich gemacht, als ich bei den Frauen eine völlig neue Einstellung zur Politik feststellte. «Aber so kämpferisch wie Sie müssen wir heute nicht mehr sein!», wurde mir entgegnet. Da wurde mir wieder klar, wie viel wir Frauen bereits erreicht haben.

Nach Einführung des Frauen­stimmrechts wurden Sie eine der ersten Luzerner Kantonsrätinnen, danach kämpften Sie bis 1999 als Nationalrätin für Gleichberechtigung – und nun könnte es im Kanton Luzern zu einer rein männlichen Regierung kommen. Dreht sich das Rad der Geschichte zurück?
Nein, das sicherlich nicht. Es gibt überall Auf-und-ab-Bewegungen. Trotzdem verstehe ich eigentlich nicht, warum sich heute politisch engagierte Menschen eine Regierung ohne Frau vorstellen können. Wir sind die Hälfte der Bevölkerung und haben alle politischen Rechte – warum sitzen wir also nicht überall zur Hälfte drinnen?

Ja, warum denn eigentlich?
Diese Frage habe ich mir oft gestellt. Vielleicht wollen die Männer nicht gern mit uns die Macht teilen.

Vielleicht lassen sich die Frauen gern von Männern regieren? Jedenfalls ist der grosse Aufschrei der Luzerner Frauen ausgeblieben.
Stimmt. Seit der Einführung der Frauenstimmrechts konnte sich aber noch keine grosse politische Tradition entwickeln. Wir mussten das ganze politische Handwerk innert kürzester Zeit erlernen. Und natürlich nervt es mich, wenn Frauen sagen, dass es ihnen egal sei, von wem sie regiert würden – Hauptsache, es seien die Besten.

Die Frauen sind also, nachdem sie doch schon einiges erreicht haben, einfach bequem und damit politisch passiver geworden?
Meine Generation hat die Frauen erfolgreich politisiert. Die heutigen jungen Frauen profitieren von unseren Errungenschaften. Diese Generation interessiert sich meinen Erfahrungen nach vergleichsweise wenig für die Politik. Das gilt aber auch für die jungen Männer.

Frauen gehen heute offensichtlich lieber shoppen, als zu politisieren. Als bei den Bundesratswahlen 1993 die Bürgerlichen statt der offiziellen SP-Kandidatin Christiane Brunner einen SP-Mann wählten, gingen Tausende empörter Frauen auf den Bundesplatz demonstrieren.
Man kann dieses Ereignis nicht direkt mit der Luzerner Situation vergleichen. Die SP-Kandidatin Felicitas Zopfi müsste zuerst am 10. Mai nicht gewählt werden.

Die Luzerner Wirtschaftsverbände und die FDP fordern offiziell eine reine bürgerliche Regierung – das ist eine klare Ansage.
Immerhin hat die CVP – und damit die stärkste Partei des Kantons Luzern – sich für die Wahl von Frau Zopfi und des SVP-Kandidaten Paul Winiker ausgesprochen.

So oder so, der Brunner-Effekt ist längst verpufft: Bei den Wahlen von 2011 sank der Frauenanteil im National- und Ständerat erstmals.
Ich war erstaunt, wie die Nichtwahl Brunners die Frauen noch Jahre danach politisierte. Nach meinen Vorträgen kamen Frauen zu mir und sagten: «Ich habe mit Politik nichts am Hut, aber das hat mich empört.» Meine und die nachfolgende Generation von Frauen mussten noch kämpfen – und solange man kämpfen muss, hat man Ziele, die es zu erreichen gilt. Zumindest rechtlich hat sich einiges getan – der Gleichberechtigungsartikel oder das neue Eherecht –, und um den Zugang zur Bildung müssen die Frauen heute kaum mehr kämpfen.

Trotz guter Ausbildung: Viele Frauen heiraten, bekommen Kinder und arbeiten lieber Teilzeit – so macht frau keine Karriere.
Da befinden wir uns noch in einem grossen Umbruch. Die Ziele sind schneller formuliert als umgesetzt.

Sie unterstützen offiziell Frau Zopfi. Würden Sie sich heute genauso für eine SVP-Politikerin einsetzen?
(lacht) Können Sie sich an die frühere St. Galler SVP-Nationalrätin Jasmin Hutter erinnern? Ich hatte ja mit ihr das Heu überhaupt nicht auf der gleichen Bühne. Trotzdem habe ich damals gesagt: Wenn das ganze politische Spektrum der Frauen politisiert, sind alle meine Träume wahr geworden. Aber ich bin schon froh, dass in Luzern nicht eine SVP-Frau als einzige Frau zur Wahl steht.

Und wenn Sie die Wahl zwischen einer SVP-Frau und einem den Frauenanliegen aufgeschlossenen linken Mann hätten?
Sie bringen mich in Teufels Küche! Meine Antwort lautet: Könnte sein, dass ich dann den Mann vorziehen würde.

Ihre parteiübergreifende Frauensolidarität hat also Grenzen. Dann werden Sie ein gewisses Verständnis dafür haben, dass die Luzerner FDP Frauen Zopfi ihre Unterstützung verweigern.
Dazu muss ich Folgendes sagen: Genauso wie im Bundesrat ist die SP seit 1959 in der Luzerner Regierung vertreten. Die Zauberformel ist für mich eine fabelhafte Sache. Die Regierungsbeteiligung der SP hat für mich eine staatspolitische Bedeutung. Damit hat mich die FDP doppelt enttäuscht, obwohl ich natürlich weiss, dass es in unserem Kanton Gegenden gibt, die mit der SP überhaupt nichts anfangen können.

Am Sonntag wird wohl wieder eine Zürcher FDP-Regierungsrätin gewählt. Warum schaffen es die Luzerner Bürgerlichen 2015 nicht, eine einzige Regierungsrätin zu stellen?
Diese Frage hätte man vor Jahren stellen müssen. Bei den Regierungsräten von CVP und FDP handelt es sich um Wiederwahlen. Nur der SVP-Mann kandiert neu. Ausserdem darf man nicht vergessen, dass 1987 mit der CVP-Politikerin Brigitte Mürner-Gilli die erste Frau in die Luzerner Regierung gewählt wurde. Nach drei Legislaturperioden folgte ihr Margrit Fischer-Willimann (CVP). Seit 2003 sass Yvonne Schärli für die SP in der Regierung.

Bevor Sie nach Luzern zogen, wuchsen Sie im Zürcher Stadtteil Wipkingen auf und studierten und promovierten an der Zürcher Uni. Vermissen Sie nicht das fortschrittlichere Zürich?
Ich habe Luzern viel zu verdanken. 1960 machte ich an einem Zürcher Gericht mein Praktikum. Da mir als Frau die politischen Rechte fehlten, konnte ich nicht Gerichtsschreiberin werden. Deshalb bewarb ich mich im Kanton Luzern und wurde die erste weibliche Kriminalbeamtin. Danach trat ich der CVP bei, wo ich mich mit dem christlichsozialen Flügel identifizieren konnte. Das war für mich ein absoluter Glücksfall. Ob mir in Zürich die gleiche politische Karriere gelungen wäre, mag ich bezweifeln.

Ich möchte die vorherige Frage auf die Spitze treiben: Bleiben Sie in Luzern, wenn Frau Zopfi nicht gewählt wird?
(lacht) Ich bin sehr, sehr hier verwurzelt. Luzern ist zu meiner zweiten Heimat geworden.

Das Abschneiden von Frau Zopfi hat auch damit zu tun, dass sie als Kantonsrätin und frühere Präsidentin der SP zu pointiert die Luzerner Tiefsteuerstrategie kritisierte.
Das ist ein Totschlagargument, weil offenbar andere Argumente fehlen. Die meisten Kandidaten und Kandidatinnen schaffen es früher oder später, ihre neue Rolle in der Exekutive auszufüllen. Ich bin überzeugt, dass dies für Felicitas Zopfi kein grosses Problem sein wird. Ausserdem ist es doch keine Frage, dass die 20 Prozent des linken Spektrums in der Regierung vertreten sein sollten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.04.2015, 01:58 Uhr

Judith Stamm wurde 1934 in Schaffhausen geboren und wuchs in der Stadt Zürich auf. Nach dem Studium wurde sie im Kanton Luzern Polizeioffizierin und später Jugendanwältin bei der Staatsanwaltschaft. Von 1983 bis 1999 war sie Luzerner CVP-Nationalrätin. Sie gehörte zusammen mit Josi Meier und Rosmarie Dormann zum oft angefeindeten, aber respektierten Trio der starken Luzerner CVP-Frauen. 1986 nominierte ihre Kantonalpartei Stamm als Nachfolgerin für die zurückgetretenen Bundesräte Kurt Furgler und Alphons Egli. Obwohl schliesslich Flavio Cotti und Arnold Koller als offizielle Kandidaten ernannt wurden, hielt sie an ihrer Kandidatur fest. Von 1998 bis 2007 präsidierte sie das Organisationskomitee für die Bundesfeier auf der Rütliwiese. (mso)

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