Vierjährige totgefahren: Urteil wirft Fragen auf

Ein 20-jähriger Skifahrer fährt 2018 ein Mädchen tot und kommt mit einer bedingten Geldstrafe davon. Leser kritisieren das Urteil heftig, Experten ordnen es ein.

Im Dezember 2018 kam es im Skigebiet Metsch im Berner Oberland zu einem tödlichen Unfall. Ein 4-jähriges Mädchen starb nach einem Zusammenprallmit einem damals 20-Jährigen.

Im Dezember 2018 kam es im Skigebiet Metsch im Berner Oberland zu einem tödlichen Unfall. Ein 4-jähriges Mädchen starb nach einem Zusammenprallmit einem damals 20-Jährigen. Bild: Franziska Scheidegger

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Der tragische Skiunfall im Berner Oberland vom Dezember 2018 hat in der Schweiz für Bestürzung gesorgt. Ein 4-jähriges Mädchen starb nach einem Zusammenprall mit einem damals 20-Jährigen in der Lenk. Die Schuld am Tod trägt der junge Mann. Die Staatsanwaltschaft Oberland in Thun hat ihn vor einem Monat per Strafbefehl wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Jetzt ist das Urteil rechtskräftig, wie die «SonntagsZeitung» vor zwei Wochen berichtete.

Gemäss dem Urteil war der Skifahrer im Skigebiet Metsch an der Lenk gegen 14.15 Uhr auf der blauen Piste unterwegs, die zur Mittelstation führt. Er hielt sich am linken Rand und fuhr «mit hohem Tempo (mind. 50 km/h)». Weiter unten erblickte er eine Kuppe, «übersah jedoch die davor liegende erste Kuppe und wurde davon aufgrund der hohen Geschwindigkeit mit den Skiern in die Luft abgehoben». In der Folge konnte er laut der Staatsanwaltschaft «weder bremsen noch die Flugbahn korrigieren, weshalb er ungebremst in das vor ihrer Mutter stehende oder ganz langsam fahrende Mädchen hineinflog». Am Abend des gleichen Tages verstarb das Mädchen trotz intensivmedizinischer Versorgung im Kinderspital Bern.

Kritik an der Strafe

Die Behörde beurteilt den Unfall an der Lenk als fahrlässige Tötung. Für diese sieht das Gesetz eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe vor. Der junge Mann aus dem Kanton Bern kommt mit einer bedingten Geldstrafe davon. Diese beträgt 11'000 Franken – 100 Tagessätze à 110 Franken. Zahlen muss der Unfallverursacher die Strafe nur, wenn er in den nächsten zwei Jahren wieder straffällig wird.

Zusätzlich kassierte er eine Busse von 2700 Franken, hinzu kommen Gerichtsgebühren und Auslagen von rund 7000 Franken. Diese muss er begleichen. Es ist möglich, dass noch mehr Kosten auf ihn zukommen, falls die Opferfamilie Schadenersatz oder Genugtuung verlangt. Diese Forderungen müsste die Familie vor einem Zivilgericht einklagen.

In den Userkommentaren zum Urteil kam viel Unverständnis der Leserinnen und Leser zum Ausdruck. Eine Leserin schrieb zum Beispiel: «Seit Jahren sind Raserunfälle ein Skandal, denn keiner der Täter landet je im Gefängnis trotz vorsätzlicher Tötung. Rasen ist vorsätzlich, egal, ob auf Piste, Strasse, Wasser. Hier ist endlich eine Verschärfung des Gesetzes nötig. Geldstrafen sind ein Hohn.»

Warum kein Prozess?

Beim Unfall starb ein Kind, und trotzdem fand kein Gerichts­prozess statt. Das stösst in den Kommentarspalten auf Unverständnis. Das Vorgehen steht im Einklang mit dem Gesetz. Wenn die beschuldigte Person im Vorverfahren den Sachverhalt eingestanden hat oder dieser ausreichend geklärt ist, kommt das Strafbefehlsverfahren zur Anwendung. Dies war vorliegend der Fall. Es gab also keine Gerichtsverhandlung. Gegen den Strafbefehl der Staatsanwaltschaft kann während 10 Tagen schriftlich Einsprache erhoben werden, und zwar von der beschuldigten Person und von weiteren Betroffenen. Ohne Ein­sprache wird der Strafbefehl zum rechtskräftigen Urteil, was in diesem Fall zutraf.

Die Reaktionen von vielen Leserinnen und Lesern zeigen, dass viele das Urteil als relativ mild beurteilen. Ist das Urteil milder ausgefallen als frühere Verdikte von Gerichten? «Nein», sagt Heinz Walter Mathys. Der ehemalige Berner Staatsanwalt und Experte bei Schneesportunfällen hat als gerichtlicher Experte zwei tödliche Kinderunfälle beurteilt. Das Urteil zum Fall an der Lenk entspricht laut Mathys in Bezug auf die rechtliche Würdigung und die Höhe der Strafe einem Bundesgerichtsurteil aus dem Jahr 1996. Die Richter in Lausanne hatten einen Unfall zu beurteilen, der mit demjenigen, der an der Lenk geschah, vergleichbar gewesen war.

Eine ähnliche Strafe bekam auch der Skifahrer, der den Tod eines 6-jährigen Mädchens auf einer schwarzen Piste in Les Mosses VD am 21. März 2017 zu verantworten hat. Der Skifahrer wurde im Mai 2018 wegen fahrlässiger Tötung zu einer bedingten Geldstrafe und zum Tragen der Verfahrenskosten verurteilt.

«Immer, wenn Kinder in Unfällen betroffen sind, erwarten die Leute höhere Strafen als bei Erwachsenen.»Heinz Walter Mathys, ehemaliger Berner Staatsanwalt

Das Urteil schöpft den Strafrahmen nicht aus, der bei einer fahrlässigen Tötung eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren vorsieht. Das entspricht der Praxis. Eine Statistik zu den aus­gefällten Strafen bei fahrlässigen Tötungen existiert nicht. In der Praxis werden kaum Maximalstrafen ausgesprochen. Dies zeigte auch eine Auswertung von Obergerichtsurteilen, welche diese Zeitung im Jahr 2013 durchgeführt hat.

Die Richter beachten beim Fällen der Urteile auch die persönlichen Umstände und die Reue der Unfallverursacher, was sich strafmildernd auswirken kann.

Warum kein Vorsatz?

Einige Leser warfen die Frage auf, ob es nicht mehr als fahr­lässig sei, zu schnell auf der Skipiste unterwegs zu sein. In der Juristensprache stellen die Leser die Frage, ob ein Eventualvorsatz vorliegt. Ist ein solcher gegeben, würde das Urteil viel strenger ausfallen. Einen Eventualvorsatz bejahen die Bundesrichter bei Rasern auf der Strasse aber nur «mit Zurückhaltung und in krassen Fällen». Beim Eventualvorsatz hält der Täter «die Ver­wirklichung eines Tatbestandes ernsthaft für möglich, findet sich aber mit diesem Risiko ab», wie es das Bundesgericht formuliert.

Die Gerichte gehen bei einem Skiunfall in der Regel nicht von einem Eventualvorsatz aus, weil die Unfallverursacher stets auch sich selber gefährden und folglich in der Regel darauf vertrauen dürften, dass sich die Unfallgefahr nicht realisiert.

Heinz Walter Mathys hat schliesslich eine weitere Er­klärung dafür, wieso das jüngste Urteil auf Unverständnis stösst: «Immer, wenn Kinder in Unfällen betroffen sind, erwarten die Leute höhere Strafen als bei Erwachsenen», sagt er. Doch das schweizerische Strafrecht beurteile in erster Linie das Verschulden eines Unfallverursachers, sagt er. Das Alter des Opfers spielt keine Rolle.

Diese Regeln gelten

Skifahren und Snowboarden findet nicht in einem rechtsfreien Raum statt. In der Schweiz bestehen gesetzliche Grundlagen, um Unfallverursacher zivil- und strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen. Schneesportler müssen sich an die FIS-Verhaltensregeln halten. Diese wurden im Jahr 1967 erlassen und gelten seit dem Jahr 1990 auch für Snowboarder. Die zehn Regeln des Internationalen Skiverbandes halten fest, wie man sich auf der Piste zu verhalten hat.

Regel 1 besagt zum Beispiel, dass Skifahrer Rücksicht auf die anderen nehmen müssen. Das sind zwar keine gesetzlichen Bestimmungen. Trotzdem stützen sich die Gerichte darauf, wenn sie Unfallhergang und Schuldfrage beurteilen müssen. Denn: Wer die FIS-Verhaltensregeln verletzt, handelt sorgfaltswidrig und damit potenziell fahrlässig. Wer fahrlässig handelt, kann für Schäden haftpflichtig werden.

Erstellt: 19.01.2020, 20:30 Uhr

Unfälle auf der Piste

Rasen ist kein Rechtsbegriff, kann aber mit rücksichtsloser und unbeherrschter Fahrweise umschrieben werden. 76'000 Ski­fahrer und Snowboarder verletzen sich jedes Jahr bei Unfällen auf Schweizer Pisten. Zu unterscheiden sind Selbst- und Kol­lisionsunfälle. Die meisten Ski­unfälle sind selbstverschuldet. Seit fast zehn Jahren sind höchstens 5 bis 7 Prozent der Unfälle aufeine Kollision mit einem anderen Pistenbenutzer zurückzuführen. Am gefährlichsten ist es nicht bei grossem Gedränge auf der Piste, sondern bei normalem Verkehrsaufkommen. Grundsätzlich haftet bei der Kollision derjenige, der sich nicht sorgfaltsgemäss verhalten hat. In den letzten Jahren gab es in der Schweiz immer wieder Stimmen, die eine staatliche Pistenpolizei mit Bussenbefugnis fordern.

In der Schweiz ist der Schneesport nicht gesetzlich geregelt.Der Pisten- und Rettungsdienst besorgt den Ordnungsdienst. Benutzer, welche sich den An­ordnungen der Sicherheitsverantwortlichen widersetzen, werden ermahnt. Ihnen kann der Fahrausweis entzogen werden. Wer durch rücksichtslose und unbeherrschte Fahrweise andere erheblich gefährdet, kann bei der Polizei oder der Staatsanwaltschaft wegen Störung des öffentlichen Verkehrs im Sinne von Art. 237 StGB angezeigt werden. Pisten sind öffentliche Verkehrsflächen.

Anders ist es in Italien: Mit Gesetz vom 24. Dezember 2003 wurde die staatliche Pistenpolizei mit Bussenbefugnis eingeführt. Seither sind Carabinieri, Poliziadi Stato, Guardia di Finanza und Corpo Forestale di Stato auf den Pisten tätig. Urs Kessler, Chef der Jungfraubahnen, hält wenig von einer Pistenpolizei. Er sagt: «Für mich ist die Selbstverantwortung jedes Einzelnen wichtig. Wir haben unsere erfahrenen Pistenpatrouilleure, welche täglich im Einsatz sind. Sie verfügen über ent­sprechende Kompetenzen.» (rag)

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