Vom Date im Schiesskeller zur eigenen Glock 17

Wem gehören die fast zwei Millionen legalen Pistolen und Gewehre in der Schweiz? Vier Waffenbesitzer erzählen, warum sie schiessen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In die rechte Hand nimmt sie die graue Pistole, mit der linken greift sie nach dem Magazin und schiebt es in die Waffe. Ein metallisches Klicken folgt, eingerastet. Nun stellt sich Madeleine Anker hüftbreit hin, hebt die Hände mit der Sig Sauer Kaliber neun, zielt auf die Scheibe, drückt ab. Der Schuss sitzt, die goldfarbene Patronenhülse fällt neben ihr auf den Boden.

Anker ist 40 Jahre alt, von Beruf Sachbearbeiterin und Mutter einer vierjährigen Tochter. Vor neun Jahren feuerte sie ihre erste Waffe ab; zusammen mit Anton Anker, den sie später hei­ratete. Der war damals noch Polizist und nahm sie beim zweiten Date mit in einen Schiesskeller. Sie war beeindruckt. «Da herrschten Ruhe, Disziplin und ­Respekt», sagt sie. So auch an diesem Nachmittag auf der Schiessanlage im aargauischen Oberentfelden.

Die Pistolen-Ästhetin

Die Ankers haben vor fünf Jahren die Firma AATS Group GmbH gegründet. Als Schiesstrainer bringt Anton Anker den Kunden den Umgang mit Schusswaffen bei. Es kommen Bankangestellte, Hausfrauen, auch Richter. Sie schiessen stillstehend oder in Aktion. Das heisst dann «Feuer und Bewegung». James-Bond-Feeling kommt auf.

Madeleine Ankers erste eigene Waffe war eine Glock 17, heute liegen zu Hause im Safe mehrere Schusswaffen, darunter auch Gewehre. Ihre Tochter, deren Namen sie als Tattoo unter dem Schlüsselbein trägt, ist daran gewöhnt und darf auch mit in den Schiesskeller. «Sie weiss, dass das keine Spielzeuge sind», sagt die Mutter. Madeleine Anker mag an Waffen nicht nur die Technik, auch die Optik zählt. Sie lacht. «Das ist wohl typisch Frau.» Auf einer ihrer Pistolen hat sie Eiger, Mönch und Jungfrau eingravieren lassen. Irgendwann will sie sich auch noch eine mit Swarovski-Steinchen leisten.

Laut Schätzungen des Bundes gibt es in der Schweiz rund zwei Millionen legale Schusswaffen. Tendenz steigend, wie die Zahl der neu ausgestellten Waffenerwerbsscheine zeigt. Diese lag 2013 bei 25'000, vier Jahre später bei 38'000. Ein Erwerbsschein berechtigt zum Kauf von drei Waffen.

Der Waffensammler

Wer zu Peter Meier will, muss ins fünfte Untergeschoss des Spreitenbacher Shoppingcenters Tivoli. Hier im Schiesskeller arbeitet der 77-Jährige als Schützenmeister und Schiessinstruktor. An seiner schwarzen Jacke prangt als Anstecknadel ein kleines, silbernes Maschinengewehr. Im Holster am Gurt steckt seine Ruger 1911, eine halbautomatische Pistole Kaliber 45. Es ist urchig im getäferten Vorraum, ein bisschen wie am Stammtisch. An der Wand macht sich ein Cartoon über SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga lustig. In Vitrinen sind die Schusswaffen für den Verkauf ausgestellt, in einer Schublade lagern Pistolen zum Mieten.

Ein Waffenschrank in der Schiessanalage beim Tivoli. Foto: Reto Oeschger

Meier ist Sportschütze und Waffensammler. Daheim in Oetwil an der ­Limmat bewahrt er in einem gesicherten Kellerraum 42 Schusswaffen auf, vom Revolver über die Schrotflinte bis hin zum Maschinengewehr. Sie alle faszinieren den gebürtigen Basler, ihre Machart, ihre Funktionsweise. Auf dem Tresen liegt ein Revolver von Smith & Wesson. Für dieses Modell stellt er die Munition selber her, weil man sie nicht mehr kaufen kann. Nachdenklich wiegt er die Waffe in der Hand, öffnet die Trommel, schiebt zur Demonstration eine Patrone hinein und nimmt sie wieder hinaus. Sein Umfeld habe nie negativ auf sein Hobby reagiert. «Aber ich habe halt auch keine linken Kollegen», sagt er und lacht laut.

Die Politik ist ihm im Moment besonders wichtig, weil die Schweizer im Mai über eine Verschärfung des Waffenrechts nach EU-Vorbild abstimmen. «Nicht zielführend» findet Meier die diskutierten Änderungen. «Terroristen benutzen sowieso illegal gekaufte Waffen. Schikaniert und kriminalisiert werden wir normalen Bürger.»

Ein Mann schiesst mit einem Gewehr im Schiesskeller beim Shoppingcenter Tivoli. Foto: Reto Oeschger

Ein Schütze kommt herein. «Sali Peter», grüsst er. Der junge Mann kauft ein Päckchen Munition vom Typ 7.65 Browning. «Die chliine Pfüpf», sagt er und lacht. «Muggefürz», antwortet Meier. An diesem Tag sind alle Besucher männlich. Den wenigen Frauen, die im ­Tivoli schiessen, geht es meist um die Selbstverteidigung. «Das bringt nur ­Ärger», sagt Meier. Besser dafür eigne sich eine Pumpgun mit Gummischrot. Damit könne man niemanden versehentlich töten. Und alleine das Geräusch beim Repetieren zeige Wirkung. Er imitiert den Ton und macht die passende Handbewegung. Zurück, vor, bereit zum Schuss.

Der bürgerliche Zen-Meister

Michael Merki sitzt im Garten seines gepflegten Einfamilienhauses in Schöfflisdorf im Kanton Zürich. Das karierte Hemd steckt in einer Jeans mit Ledergürtel. In seinem Ohrläppchen glänzt ein kleiner Stecker – die vergoldete Miniatur eines seiner Gewehre. Es ist mehr als Schmuck, es ist ein Etikett. «Ich gehe offen damit um, dass ich Schütze bin.»

Der 57-Jährige hat seine erste Schusswaffe als Rekrut bekommen. «Da hat der Staat mir zum ersten Mal Verantwortung übertragen», sagt er. Acht Jahre später wurde er Präsident des Schiessvereins Schöfflisdorf. Hier ist er geboren, aufgewachsen und geblieben. Ohne Sehnsucht nach Veränderung, ohne Fernweh. Wurzeln sind ihm wichtiger, genauso wie Ehrenamt und Ehrgeiz. Der ehemalige Berufsfeuerwehrmann und heutige Sicherheitsberater engagiert sich in fünf Vereinen und Verbänden. Vor fünf Jahren wurde er zudem in den Schöfflisdorfer Gemeinderat gewählt. Als Parteiloser. «Aber ich weiss schon, wo ich hingehöre», sagt er. «Gut bürgerlich.» Er grinst.

30 Schusswaffen und sieben «Sportgeräte» lagern in Merkis Keller. Foto: Reto Oeschger

Die meiste Freizeit verbringt Merki auf Schiessanlagen. Seit Jahren gewinnt der ehemalige Leichtathlet an den Schweizer Meisterschaften Medaillen. Beim Schiessen sei er total fokussiert, analysiere Windrichtung und Sonnenstand. Vor allem aber wolle er den eigenen Geist besiegen. «Nur dann kann man zehnmal hintereinander die 10 treffen.» Ein Zen-Meister des Schiessens.

Merkis 30 Schusswaffen und sieben Sportgeräte, so nennt er die Gewehre für die Wettkämpfe, lagern in einem separaten Kellerraum. Die Sportgeräte sind mit Vorliebe blau – die Farbe der Gemeinde Schöfflisdorf.

Er habe nichts gegen eine sinnvolle Verschärfung des Waffenrechts einzuwenden, sagt er. Doch das neue Gesetz bringe keine zusätzliche Sicherheit. «Wir haben in der Schweiz bereits Vorschriften, die wichtig sind und funktionieren.» Dazu gehört, dass Waffenbesitzer nur bedingt das Gesetz brechen dürfen. Eine Gewalttat oder zwei Verkehrsdelikte reichen aus, damit die Behörden die Waffen einziehen dürfen.

Der begabte Jungschütze

Marko Markovic steht noch am Anfang seiner sportlichen Karriere. Er ist 19 Jahre alt und gehört zum Kader der Pistolenschützen Baselland. Im Lauf seiner Kleinkaliberpistole steckt eine kleine Wettkampffahne. Die ist im Schiesssport Vorschrift und zeigt an, dass sich keine Patrone in der Waffe befindet. Markovic war neun Jahre alt, als er seinem grossen Bruder in den Schützenverein folgte. Zuerst schoss er mit einer Luftpistole, seit dem zehnten Geburtstag darf er scharfe Munition abfeuern. Mittlerweile besitzt er privat eine Kleinkaliberpistole der Marke Hämmerli und ein Sturmgewehr. «Waffen sind wie Uhrwerke. Alles muss ineinandergreifen, damit sie funktionieren», sagt Markovic.

«Der Waffenkauf sollte nicht erschwert werden», findet Gymnasiast Marko Markovic. Foto: Dominik Plüss

Der Gymnasiast schiesst im kantonalen Kader. Die Aufnahme ins nationale hat er abgelehnt, weil er sich auf die Schule konzentrieren wollte. Aus dem Hobby soll keine Pflicht werden, findet er. Auf der Schiessanlage kann er abschalten, er konzentriert sich dann nur auf den Augenblick. Am 19. Mai wird er Nein stimmen. «Der Waffenkauf sollte nicht erschwert werden», findet er.

In der Schiessanlage Oberentfelden legt Madeleine Anker ihre ungeladene Sig Sauer in einen kleinen, grauen Waffenkoffer. Für sie geht es bei dieser Abstimmung um Grundsätzliches, sie spricht von einer «schleichenden Entwaffnung der Schweizer Bürger». Dadurch, dass ganze Waffengruppen plötzlich illegal würden, gebe man leichtfertig Rechte auf. «Und die wieder zurückzubekommen, ist fast unmöglich», sagt Anker. Und klappt den Waffenkoffer zu.


Video – Den Streit um das neue Waffenrecht verstehen

Was die Abstimmung vom 19. Mai für den Besitz von Waffen bedeutet und welche Auswirkungen ein Nein für die Schweizer Bürgerinnen und Bürger hätte. (Video: Lea Koch, Nicolas Fäs)

Erstellt: 29.04.2019, 06:30 Uhr

Umkämpfte Vorlage

Am 19. Mai entscheiden die Schweizerinnen und Schweizer, ob sie das hiesige Waffengesetz nach EU-Vorbild anpassen wollen. Dabei geht es um Verschärfungen, die den Missbrauch von Schusswaffen eindämmen sollen. Bei einem Ja sind unter anderem halbautomatische Feuerwaffen mit grossem Magazin künftig nur noch mit einer Ausnahmebewilligung erlaubt. Die Besitzer müssen zudem nachweisen, dass sie Mitglied eines Schützenvereins sind oder regelmässig schiessen. Wesentliche Waffenbestandteile, wie etwa der Lauf, müssten zudem einzeln markiert werden. (red)

Artikel zum Thema

Das Waffengesetz steht auf der Kippe

Nur 53 Prozent unterstützen die Änderung des Waffengesetzes. Die Tamedia-Umfrage zeigt, wer die Abstimmung entscheiden wird. Mehr...

Das bringen Waffengesetz-Reformen wirklich: Die Zahlen

Infografik In der Debatte um die Abstimmung ging bisher vergessen, wie wirksam die Anpassungen der letzten 20 Jahre waren. Mehr...

«Auf dem Spiel steht die Freiheit»

Das Referendum gegen das gegen das verschärfte Waffengesetz kommt zustande. Die Gegner reichen 125'000 Unterschriften ein. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Weg mit hartnäckigen Fettdepots und Cellulite!

Sie möchten abnehmen, ohne auf lästige Diäten zurückzugreifen und ohne Sport machen zu müssen? Slim&more zeigt Ihnen, wie Ihre Pfunde ganz ohne Pillen und Eingriffe purzeln.

Die Welt in Bildern

Der Bilderbuchfan: Am Australien Open in Melbourne hat sich dieser Zuschauer eine spezielle Brille gebastelt.(21. Januar 2020)
(Bild: Michael Dodge/EPA) Mehr...