Kanton Bern

Vom Flüchtlingslager auf die Schulbank

Flüchtlingskinder ohne Deutschkenntnisse, Teenager ohne Begleitung: Wie bereiten sich die Schulen auf minderjährige Asylsuchende vor? Die Beispiele Bern und Zürich.

Viele Kinder sind von der Flucht traumatisiert: Ein Junge spielt zwischen Liegen in einem temporären Aufnahmezentrum im deutschen Passau. (15. September 2015)

Viele Kinder sind von der Flucht traumatisiert: Ein Junge spielt zwischen Liegen in einem temporären Aufnahmezentrum im deutschen Passau. (15. September 2015) Bild: Markus Schreiber/Keystone

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Angesichts der Flüchtlingsströme in Europa müssen sich die Kantone darauf einstellen, dass die Zahl der Asylsuchenden auch in der Schweiz deutlich ansteigt. Weil darunter auch viele Kinder und Jugendliche im schulpflichtigen Alter sein dürften, sei auch die Schule von dieser Entwicklung stark betroffen, schreibt etwa der Berner Lehrerverband in einer Mitteilung von Ende September.

Für den Verband ist klar, dass es nicht Sache der Schule sein könne, die notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Er stellt deshalb eine Reihe von Forderungen. So sei etwa flächendeckender Deutschunterricht nötig, bevor die Flüchtlingskinder in Regelklassen integriert werden könnten. Die Schule brauche aber auch Unterstützung von Fachpersonen, die sich um die Sozialisierung der Kinder und Jugendlichen kümmerten.

Flüchtlingskinder seien teilweise noch nie zur Schule gegangen, hätten traumatische Erlebnisse hinter sich und würden die Kultur und die geltenden Regeln nicht kennen. Der Berner Lehrerverband warnt davor, dass gerade junge Lehrpersonen von der Situation überfordert werden könnten.

Dachverband zieht nach

Beat W. Zemp, Präsident des Schweizer Lehrerdachverbands LCH, unterstützt die Position des Berner Lehrerverbands vorbehaltlos. Der LCH sei daran, zusammen mit der Westschweizer Lehrergewerkschaft SER eine gesamtschweizerische Position zu den Flüchtlingskindern zu erarbeiten.

Dabei orientiere man sich an der Stellungnahme aus den 1990er-Jahren, in der sich die Erziehungsdirektorenkonferenz zur Einschulung aller Flüchtlingskinder aus dem Balkan bekannte. Das Problem mit den gegenwärtigen Migrationsströmen sei aber, dass vermehrt unbegleitete Teenager darunter seien, warnt Zemp. Diese seien viel schwieriger einzuschulen als Kinder, die mit ihren Familienangehörigen geflüchtet seien. Möglicherweise brauche es dafür separate Schulen.

Die Erziehungsdirektion des Kantons Bern hat bisher kaum Vorkehrungen getroffen für den Fall, dass die Zahl der schulpflichtigen Flüchtlingskinder deutlich zunähme. Die Erziehungsdirektion stelle bei Bedarf zusätzliche Lektionen für die Förderung der Sprache und der Integration zu Verfügung, erklärt Johannes Kipfer vom Amt für Kindergarten, Volksschule und Beratung.

Für die Einschulung von Flüchtlingskindern sowie für das Lehrpersonal und die Infrastruktur seien die Gemeinden zuständig. Deutschunterricht als erste Integrationsmassnahme vor der Eingliederung von Flüchtlingskindern in Regelklassen sei bereits seit vier bis fünf Jahren gängige Praxis, sagt Kipfer. Je nach Anzahl Kinder werde Deutsch in separaten Intensivkursen oder zusätzlich zum Regelunterricht gelehrt.

Kanton Zürich wartet ab

Martin Wendelspiess, Chef des Zürcher Volksschulamts, sagt: «Die aktuelle Situation ist schwierig, aber nicht dramatisch.» Sollte die Zahl der Flüchtlingskinder im Kanton Zürich steigen, würden für sie weitere sogenannte Aufnahmeklassen in den kantonalen Durchgangszentren eingerichtet.

Dort erhielten sie Deutschunterricht und könnten sich in die Schweizerische Schulwelt einleben. Zur Betreuung von «Kindern mit besonderen Bedürfnissen» können laut Wendelspiess bereits in den Durchgangszentren heilpädagogische Fachpersonen oder interkulturelle Dolmetscher beigezogen werden.

Erstellt: 03.10.2015, 13:29 Uhr

Schulpflicht gilt für alle

In der Schweiz haben alle Kinder und Jugendlichen unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus das Recht und die Pflicht, die obligatorische Schule zu besuchen. So schreibt es die Bundesverfassung vor.

Entsprechend sind auch Kinder von Asylsuchenden und Kinder aus Familien, die in Nothilfezentren leben, schulpflichtig. Davon befreit sind sie nur zu Beginn, wenn sie noch unter der Obhut des Bundes sind. Die Einschulung ist kantonal geregelt. Bern und Zürich unterscheiden zwei Phasen.

Phase 1 betrifft den Unterricht während der Zeit in einer Kollektivunterkunft (Bern) respektive einem Durchgangszentrum (Zürich), Phase 2 den Unterricht nach der Zuteilung in eine Gemeinde.

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