Vom Gurten ins Flüchtlingscamp von Paris

Ein Verein sammelt Zelte, die an Open Airs stehen gelassen werden. In den ersten schlafen bereits Flüchtlinge in Paris.

Das Zeltdorf des diesjährigen Gurtenfestivals. In manchen Zelten könnten bald Flüchtlinge schlafen. Foto: Manuel Lopez (Keystone)

Das Zeltdorf des diesjährigen Gurtenfestivals. In manchen Zelten könnten bald Flüchtlinge schlafen. Foto: Manuel Lopez (Keystone)

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Bierdosen, PET-Flaschen, verlassene Zelte, dreckige Kleider, Campingstühle: Obwohl sich Veranstalter bemühen, Littering einzudämmen, gleichen Open-Air-Gelände nach ein paar Tagen einer Mülldeponie. Die Bilder dieser Abfallberge brachten den Verein «Stand up for Refugees» auf eine Idee: «In Europa gibt es Tausende Flüchtlinge, die dringend Zelte, Schlafmatten und Schlafsäcke brauchen», sagt Vorstandsmitglied Jessica Ladanie. Indem sie die Zelte nach Festivalende sammeln, so ihre Idee, leisten sie nicht nur einen Beitrag gegen ­Littering. Sie können auch Flüchtlinge unterstützen, die derzeit vermehrt auch in Europas grossen Städten auf der Strasse leben.

Auf Anregung eines Sympathisanten kontaktierte der Verein im Frühling die Veranstalter der grossen Schweizer Musikfestivals. Für einige kam die Anfrage zu kurzfristig, die Veranstalter des Open Airs St. Gallen und des Berner Gurten­festivals waren aber einverstanden. In St. Gallen führten Mitglieder der Juso die Sammelaktion durch. Nach dem letzten Konzert am Sonntagabend Ende Juni stellten sie sich an den Ausgang des Festivalgeländes im Sittertobel. Bald hatte sich die Aktion herumgesprochen, und die Leute gaben ihre Zelte von sich aus ab, wie Basil Kunz sagt, Vorstandsmitglied der Juso Kanton St. Gallen.

Später am Abend gingen sie auf das menschenleere Festivalgelände. «Wir sammelten alles, was Flüchtenden nützlich ist», sagt Kunz. Die Helferinnen und Helfer waren von den Abfallbergen schlicht überfordert. Obwohl sie eine Stunde lang intensiv sammelten, kamen sie höchstens 100 Meter weit ins Gelände hinein. Die Gruppe hätte ohne weiteres noch einen Tag sammeln und mit der Ausbeute mindestens drei Lieferwagen füllen können. Teilweise fand sie gar neue Zelte. «In einem lag noch der Kassenzettel mit dem Kaufbetrag von 120 Franken», sagt Kunz. Daneben lag die Transporttasche. Die Helfer konnten das Zelt einfach einpacken.

«Ihr Gutmenschen!»

Insgesamt kamen rund 80 Zelte, 40 Schlafmatten, 15 Schlafsäcke, Ruck­säcke und zahlreiche Campingstühle zusammen. Der Verein «Stand up for Refugees», der regelmässig Hilfstransporte in Flüchtlingslager organisiert, hat die Hälfte der Zelte bereits nach Paris gebracht. «Dort kommen täglich hundert Flüchtlinge an, die auf der Strasse ­leben», sagt Jessica Ladanie. Besonders die an den Festivals beliebten Zelte, die sich aufklappen und ohne Heringe aufstellen liessen, seien für Flüchtlinge in den Städten geeignet. Nach der erfolgreichen Premiere möchte der Verein das Projekt im nächsten Jahr ausbauen.

In St. Gallen ist eine Wiederholung möglich: «Wir sind grundsätzlich offen für solche Aktionen», sagt Sabine Bianchi, Mediensprecherin des Open Airs. Im Sittertobel zählten die Veranstalter dieses Jahr rund 11 300 Zelte. Dank eines Depotsystems haben die Besucher 87 Prozent davon wieder mitgenommen. Umgekehrt zeigt diese Zahl aber auch das Potenzial der Aktion: Weit über 1000 Zelte sind zurückgeblieben.

Auch am Open Air Frauenfeld führten die Veranstalter dieses Jahr ein Depotsystem ein. Gemäss eines Berichts von Tele Top nahmen die Besucher rund 70 Prozent der Zelte wieder mit. Ein klarer Fortschritt: Noch vor zwei Jahren machte das Open Air Schlagzeilen, weil Besucher am Ende ihre Zelte mit Stangen zerstörten – und liegen liessen. Trotz der Verbesserungen wären die Zeltsammler von «Stand up for Refugees» auch in Frauenfeld fündig geworden. Die Veranstalter reagierten jedoch nicht auf eine Anfrage des TA. Auf dem Berner Hausberg Gurten ist das Potenzial kleiner; auf dem Zeltplatz, der vom Festivalgelände abgetrennt ist, finden höchstens 3000 Zweierzelte Platz. Grössere Zelte oder Pavillons sind nicht erlaubt.

Für Jessica Ladanie sind Musikfestivals grundsätzlich ein guter Ort, um sich für Flüchtlinge einzusetzen: «Das Interesse an den Flüchtlingen ist in den letzten Monaten abgeflacht», sagt sie. Es sei wichtig, die Leute ab und an daran zu erinnern, was sich nicht weit von ihnen entfernt abspiele. Was aber nicht heisse, dass die Leute keinen Spass mehr haben sollten.

Das Engagement indessen wurde nicht von allen Festivalbesuchern geschätzt. Es gab Zuspruch, aber auch Spott und Kritik; nicht alle lassen sich an einem ausgelassenen Wochenende gerne an das Flüchtlingselend erinnern. «Ihr Gutmenschen!», rief man ihnen zu, oder brüllte «Sicher nicht für Flüchtlinge, von denen gibt es sowieso zu viele!»

Ein Erlebnis beschäftigt Basil Kunz noch Wochen später: Ein junger Mann, der seinen Campingstuhl wegwerfen wollte, überlegte es sich anders, als er hörte, wohin dieser kommen soll. Er nahm ihn dann doch mit nach Hause. Einen nächsten Versuch starten die Helfer von «Stand up for Refugees» heute Montag. Nachdem alle Festivalbesucher den Berner Hausberg Gurten verlassen haben, dürfen sie auf dem Zeltplatz nach brauchbaren Gegenständen suchen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.07.2016, 19:42 Uhr

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