Vom Torjäger zum Korruptionsbekämpfer

Der frühere GC-Stürmer Claudio Sulser muss die Korruptionsvorwürfe in der Fifa untersuchen.

Früher jagte er Tore für GC, heute korrupte Funktionäre für die Fifa: Claudio Sulser.

Früher jagte er Tore für GC, heute korrupte Funktionäre für die Fifa: Claudio Sulser. Bild: Keystone

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Nach dem Anpfiff des Schiedsrichters spielt Claudio Sulser den Ball kurz zu Raimondo Ponte. Der Spielmacher lanciert Ruedi «Turbo» Elsener mit einem weiten Pass am linken Flügel, und dessen Flankenball schiesst der aufgerückte Mittelstürmer Sulser ins gegnerische Tor. So funktionierte, etwas vereinfacht gesagt, das Spiel, mit dem der deutsche Trainer Helmuth Johannsen die Grasshoppers 1978 bis in den Halbfinal des Uefa-Cups führte. Ein Jahr später kam es fast noch besser. Auf dem Weg in den Viertelfinal des Meistercups, der heutigen Champions League, warf GC Real Madrid aus dem Rennen. Nach einem 1:3 im Auswärtsspiel reichte das 2:0 im Hardturm fürs Weiterkommen.

Beide Tore erzielte Claudio Sulser. Er könne sich noch genau an die beiden Treffer erinnern, sagte der Tessiner lange nach seinem Rücktritt, dieser Match sei sein absoluter Karrierehöhepunkt gewesen. Und das immerhin in einer Laufbahn, die zu den erfolgreicheren im Schweizer Fussball gehört. Von Mendrisio über Vevey war Sulser zu GC gekommen. In neun Jahren holte er mit den Zürchern vier Meistertitel und einen Cupsieg.

Auf dem Spielfeld gehörte Sulser nicht zu den Lauten. Und auch nach seinem sportlichen Karriereabschluss beim FC Lugano ist es eher ruhig um ihn geblieben. Zwar feierte er 2007 ein kurzes Comeback bei GC, als er seinem «alten Freund» Roger Berbig zuliebe in den Verwaltungsrat der neu gegründeten Grasshopper Fussball AG eintrat. Doch nach nur einem Jahr trat er wieder zurück, weil er dieses Mandat aus der Distanz nicht habe ausüben können. Sulzer, Anfang Monat 55 Jahre alt geworden, lebt im Tessin, wo er mit einem Partner eine Anwaltskanzlei führt. Um sein Rechtsstudium in Zürich abschliessen zu können, hatte er während seiner erfolgreichen GC-Zeiten Angebote von ausländischen Grossklubs ausgeschlagen.

Doch nun dürfte es mit dieser Ruhe vorbei sein. Als Präsident der Fifa-Ethikkommission muss sich Sulser nämlich mit den Korruptionsfällen befassen, die den Weltfussballverband im Zusammenhang mit den Weltmeisterschaften von 2018 und 2022 erschüttern. Dieses 15-köpfige Gremium wurde 2006 ins Leben gerufen, um den Ethikcode der Fifa durchzusetzen. Als unabhängige Instanz kann es selber Sanktionen verfügen. Im März dieses Jahres hat Sulser den früheren britischen Mittelstreckenläufer Sebastian Coe als Kommissionspräsidenten abgelöst.

Bisher hat er erst einmal einschreiten müssen: An den diesjährigen Weltmeisterschaften in Südafrika waren Gerüchte um bestochene Schiedsrichter aufgekommen. Mangels konkreter Hinweise hat er die Untersuchungen aber rasch wieder eingestellt. Ein ähnlich schnelles Ende ist beim jüngsten Korruptionsskandal nicht zu erwarten. Was Sulser von der Sache hält und was er nun genau unternimmt, war nicht zu erfahren. In einem Interview im «Corriere del Ticino» hatte er bei Amtsantritt jedoch klargemacht, was er unter einem «gesunden, sauberen Sport» versteht: Die Fifa dürfe Geschenke von kandidierenden Austragungsorten an Delegierte «keinesfalls tolerieren».

In der wenig transparenten Fifa dürfte es nicht einfach werden, diese Prinzipien durchzusetzen. Schwieriger jedenfalls als damals das Toreschiessen unter Helmuth Johannsen.

Bericht Seite 44 (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.10.2010, 12:16 Uhr

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