«Von einer solchen Reise ist ganz klar abzuraten»

Die beiden in Pakistan entführten Schweizer fuhren offenbar durch ein sehr gefährliches Gebiet. Sie könnten, so Experte Pietro Tilli, in die Hände der Taliban gefallen sein.

Punkte anklicken: Entführungen von Schweizern seit 2001.


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zwei Schweizer sind am Freitag in der Provinz Belutschistan in Pakistan entführt worden. Wie stehen die Überlebenschancen, wenn man in Pakistan entführt wird?
Bei früheren Entführungen gab es sehr wenige Fälle, in denen die Geiseln getötet wurden. Kidnapping in Pakistan endet meistens mit der Freilassung der Geiseln. Der US-Journalist Daniel Pearl wurde aus politischen Gründen ermordet. Und der polnische Geologe Piotr Stanczak wurde getötet, weil seine Regierung die Forderung der Entführer nicht akzeptierte. Der Uno-Mitarbeiter John Solecki, der ebenfalls in Belutschistan entführt worden war, wurde nach langen Verhandlungen freigelassen.

Sind solche Entführungen inPakistan meist politisch motiviert, oder geht es um Geld? Könnte das hier eine gegen die Schweiz gerichtete politische Entführung sein?
Ich glaube nicht, dass hinter dieser Entführung politische Motive gegen die Schweiz stehen. Einem Kidnapping geht meistens eine Phase der Überwachung der Geiseln voran. Es kann also sein, dass die Entführer die beiden Schweizer schon verfolgt haben, als sie in Dera Ghazi Khan losgefahren sind. Möglich ist aber auch, dass sie in die Hände von Kriminellen geraten sind, die einen Teil des Gebiets um Loralai kontrollieren. Es gab politisch motivierte Entführungen in der Vergangenheit, etwa Daniel Pearl und John Solecki. Beim polnischen Geologen aber glaubt man, dass er von Kriminellen entführt wurde und dann an eine militante Gruppe weiterverkauft wurde, die die Freilassung inhaftierter Kämpfer forderte.

Die beiden Schweizer fuhren von Dera Ghazi Khan nach Belutschistan hinein. Eine gefährliche Route?
Als Ausländer sollte man nie alleine reisen in den ländlichen Gebieten von Südpunjab, Zentral-Sindh, Belutschistan oder Khyber Pakhtunkhwa. Von einer solchen Reise ist ganz klar abzuraten. Dies sind keine sicheren Gebiete, auch weil dort viele kriminelle und militante islamistische Gruppen trainierten. Das ländliche Belutschistan ist das am dünnsten besiedelte Gebiet Pakistans. Es eignet sich sehr gut für Entführungen.

Wäre es vertretbar, das Gebiet mit Begleitschutz zu durchqueren?
Eine Polizeieskorte wirkt auf potenzielle Entführer abschreckend. Entführer berechnen immer das Verhältnis von Risiko und Gewinn, bevor sie jemanden in ihre Gewalt bringen. Zwei unbewaffnete Ausländer sind ein sehr einfaches Ziel.

Welches ist die gefährlichste Phase einer Entführung?
Die Gefangennahme. Das ist auch für die Entführer eine Stresssituation. Eine instinktive Reaktion einer Geisel kann zu einer ungewollten Reaktion der Kidnapper führen, und die Situation eskaliert.

Was ist die beste Überlebensstrategie in Geiselhaft?
Das Beste ist meistens, sich zu fügen und das zu tun, was die Entführer verlangen. Man sollte nicht versuchen, die Initiative zu ergreifen oder gar zu fliehen. Wenn der Entführer einem die Gelegenheit bietet, Kontakt zu ihm aufzubauen, dann sollte man diese nutzen. Aber nur, wenn man danach gefragt wird.

Wie hoch schätzen Sie die Möglichkeit ein, dass die Schweizer von Kriminellen verschleppt und an Taliban oder andere militante Gruppen weiterverkauft wurden?
Das ist gut möglich. Es hat schon viele Entführungsfälle durch Kriminelle gegeben, die die Geiseln weiterverkauft haben. Das passiert oft, wenn Pakistaner entführt werden. Auch bei Ausländern kann es passieren, dass Kriminelle die Geisel an eine Terrorgruppe verkaufen. So ein Handel ändert natürlich die Forderung der Entführer: Eine Terrorgruppe kann politische Forderungen stellen, anstatt bloss Lösegeld zu verlangen. Sie kann die Freilassung inhaftierter Kämpfer fordern und auch Medienaufmerksamkeit auf sich ziehen. Die Situation wird dadurch komplizierter, denn politische Forderungen können nicht immer erfüllt werden.

Wie werden Frauen behandelt, wenn sie in der Gewalt von pakistanischen Entführern sind?
Bisher wurden Frauen, die von Talibangruppierungen entführt wurden, nicht misshandelt. Das ist kulturell bedingt. Es ist unehrenhaft, eine Frau körperlich zu misshandeln. Wer dies täte, würde den Respekt seiner Stammesgemeinschaft verlieren. Aber man sollte nicht vergessen, dass es in Nord- und Südwaziristan nicht nur Pakistaner und Afghanen hat. Es gibt zahlreiche Ausländer, die bei den Terrorgruppen mitkämpfen, etwa Tschetschenen, Tadschiken und wahrscheinlich auch Somalier. Besonders die Tschetschenen akzeptieren keine kulturellen Bedingungen. Die machen, was sie wollen.

Wie kann man mit Entführern verhandeln?
Das wissen die pakistanischen Behörden am besten selbst, wenn einmal klar ist, wen sie vor sich haben. Pakistan hat öffentlich gesagt, dass eine Suchaktion im Gang ist. Das heisst, sie sind zuversichtlich, den Entführern auf die Spur zu kommen. Entführer haben immer ein Interesse zu verhandeln. Wenn sie jemanden kidnappen, tun sie das, weil sie etwas im Gegenzug dafür wollen.

Die meisten Entführungen in Pakistan scheinen Pakistaner selbst zu betreffen.
Das Entführen von reichen Pakistanern ist zum grossen Geschäft geworden. Es vergeht kein Tag, ohne dass irgendwo im Land ein Pakistaner verschleppt wird. Für Terroristengruppen ist das eine Art der Finanzierung. Ein neues Phänomen ist das sogenannte Quicknapping: Pakistaner der Mittelklasse werden entführt, und der Familienkreis muss das Lösegeld aufbringen. Das sind Summen zwischen 2000 und 5000 US-Dollar, also relativ kleine Lösegeldsummen.

Erstellt: 04.07.2011, 07:49 Uhr

Verlassen: Der VW-Bus der beiden entführten Schweizer.

Die ausgebildeten Polizisten begaben sich trotz Warnungen des EDA nach Pakistan: Die Reiseroute der Schweizer. (Bild: TA-Grafik san)

Der gebürtige Italiener Pietro Tilli ist Sicherheitsexperte in Pakistan. Er berät Botschaften, die UNO und internationale Organisationen.

Fahrt ins Rückzugsgebiet der Taliban

«Ich bin sehr betroffen», erklärte die Mutter des entführte Berner Polizisten gestern Abend am Telefon. «Mehr kann und darf ich nicht sagen.» Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) hat eine Taskforce im Fall der beiden in Pakistan verschwundenen Schweizer eingesetzt und informiert nicht darüber, ob ein Kontakt zu den Entführern bestehe und ob mit ihnen verhandelt werde. Üblich ist in solchen Fällen zudem, dass die Diplomaten Angehörigen abraten, sich gegenüber Medien zu äussern.

Die beiden ausgebildeten Polizisten auf Ferienreise waren am Freitagnachmittag in der pakistanischen Provinz Belutschistan entführt worden. Pakistanischen Medienberichten zufolge hatten Bewaffnete die Berner überfallen und gekidnappt. Laut Augenzeugen sollen die Entführten keinen Widerstand geleistet haben. Gegenüber der Nachrichtenagentur AP sagte der Innenminister von Belutschistan, Zafarullah Baloch, die beiden Schweizer seien in die Nachbarregion Südwaziristan verschleppt worden. Die Gegend galt lange als Hochburg der Taliban. Die Behörden von Südwaziristan und Stammesälteste seien um Mithilfe bei der Befreiung der Schweizer gebeten worden.

«Nicht selbst fahren»

Das Paar war mit einem blauen VW-Bus mit Berner Kennzeichen unterwegs. Es reiste von Indien quer durch Pakistan in Richtung des Iran. Die Reisenden missachteten Sicherheitsempfehlungen. Das EDA warnt eindringlich: «Wegen verschiedener hoher Risiken wird von Touristen- und anderen nicht dringenden Reisen nach Pakistan abgeraten.» Für doch notwendige Reisen mit einem Personenauto sei es «empfehlenswert, nicht selbst zu fahren, sondern sich einen Wagen mit einem Chauffeur zu mieten».

Das EDA weist seit 2008 auf die Terrorgefahr «im ganzen Land» hin und schreibt: «Ausserdem besteht für westliche Staatsangehörige das Risiko von Entführungen.» Für Belutschistan gilt gar «erhöhtes Entführungsrisiko». Auf der EDA-Homepage wird eingehend vor fast allen Regionen gewarnt, welche die Schweizer zu durchqueren gedachten. Das «unsichere» Grenzgebiet zu Afghanistan, in dem die beiden rund 30-Jährigen gekidnappt wurden, wird als «Rückzugsgebiet afghanischer Talibankämpfer» bezeichnet. Es gibt Fälle, in denen Kidnapper ihre Geiseln an die Gotteskrieger weitergaben, die dann politische Forderungen stellten.

Hohe Befreiungskosten

Meist kommen Entführte in Pakistan gegen Geldzahlungen frei. In früheren Fällen von entführten Schweizern in der Sahara-Region und in anderen Weltgegenden scheinen solche Zahlungen geflossen zu sein. Bestätigt wird dies aber selten, um nicht Nachahmungstäter zu animieren. Umstritten ist die Frage, ob den Entführten die staatlichen Kosten für ihre Befreiung übertragen werden können. «Hilfeleistungen sind in der Regel kostenpflichtig», steht auf der EDA-Homepage. Dies heisst: Opfer, die ohne fahrlässiges Handeln in die Hände von Entführern geraten, müssen nichts bezahlen. Andere, die sich unvorsichtig verhalten oder Warnungen missachten, werden zur Kasse gebeten.

Thomas Knellwolf

Artikel zum Thema

Schweizer Geiseln sind Polizisten

Die entführten Schweizer sind offenbar in eine ehemalige Taliban-Hochburg verschleppt worden. Noch immer ist unklar, wer die beiden entführt hat. Mehr...

Pakistan soll Tausende Zivilisten verschleppt und gefoltert haben

Die pakistanische Regierung soll systematisch Separatisten in der Bevölkerung verschleppt haben. Was mit den Entführten geschieht, bleibt unklar. Die Rede ist von äusserst brutalen Massnahmen. Mehr...

Schweizer in Mexiko entführt

Seit über 20 Jahren lebt ein Mann aus dem Berner Jura in Mexiko. Jetzt ist er beim Joggen entführt worden. Die Täter verlangen Lösegeld. Mehr...

Blog

Blogs

Mamablog Wären Sie gerne Ihr eigenes Kind?

Sweet Home Holen Sie sich die Natur ins Haus

Paid Post

Studieren von zu Hause aus

Erstmals in der Schweiz lässt sich ein Bachelor virtuell absolvieren. Dieses Set-up erlaubt es den virtuell Teilnehmenden ohne Pendeln zu studieren.

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...