Von machtvollen Kundgebungen zum Bratwurstfest

Seit Jahren sinkt der Anteil gewerkschaftlich organisierter Arbeitnehmer, während die Zahl der Erwerbstätigen steigt. Das Bild der aufbegehrenden Arbeiterklasse ist Gewerkschaftsnostalgie.

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Das Glück des Landes ist das Pech seiner Gewerkschaften. Zu gut sind die Arbeitsbedingungen in der Schweiz, als dass es zu grösseren Arbeitskämpfen käme. 1.-Mai-Veranstaltungen sind keine machtvollen Kundgebungen, sondern gemütliche Bratwurstfeste. Der Publikumsaufmarsch hängt vom Rahmenprogramm ab. Die Basis drängt es nicht auf die Strasse. Dort, wo der Tag der Arbeit überhaupt noch begangen wird, muss sie mühsam zusammengetrommelt werden. Das Bild von der aufbegehrenden Arbeiterklasse ist Gewerkschaftsnostalgie.

Die Zahl der Erwerbstätigen ist in der Schweiz seit 1975 von 3,2 auf 4,7 Millionen Menschen gestiegen. Im selben Zeitraum sank die Zahl derer, die in einer Gewerkschaft oder einem Angestelltenverband organisiert sind, von 890'000 auf 740'000. Der Gewerkschaftsbund, unter dessen Dach sich rund die Hälfte der organisierten Belegschaft sammelt, gibt seit dem grossen Mitgliederschwund Ende der Neunzigerjahre kräftig Gegensteuer. Insbesondere die Unia, mit rund 200'000 Mitgliedern grösste Einzelgewerkschaft, kann erste Erfolge verbuchen. Der Mitgliederschwund scheint aufgehalten. 2012 und 2013 wies sie wieder ein Wachstum von 2500 respektive 3500 Mitgliedern aus.

Ruder herumgerissen

Basis dieser Entwicklung ist die 2003 nach langen Verhandlungen vollzogene Fusion der Traditionsgewerkschaften GBI und SMUV zur Unia. Diese verpasste sich eine schlagkräftigere Kaderorganisation und begann systematisch, neue Mitglieder in den Dienstleistungsbranchen anzuwerben. Drei von vier Erwerbstätigen arbeiten heutzutage im Büro, während die Zahl der klassischen Industriearbeiter stetig zurückgeht. Vor allem aber lernte die Unia von den Umweltorganisationen, wie wirkungsvolle Kampagnenführung in der modernen Medienrealität funktioniert. Im Wissen um die Macht der Bilder wird heute jeder Auftritt in Betrieben oder auf Baustellen sorgfältig inszeniert. Bevor die herbeigerufenen Kameras aufkreuzen, fährt der Unia-Materialtransport mit Fahnen, Hüten und Megafonen auf.

Mehr Gesamtarbeitsverträge

Die offensive Öffentlichkeitsarbeit hat das Logo der Unia wieder ins Bewusstsein des Publikums gerückt. Bedeutender ist aber der wachsende Einfluss der Gewerkschaften. Mittels Initiativen sind sie auf die politische Bühne zurückgekehrt und sorgen wie aktuell mit der Mindestlohninitiative für landesweite Debatten. Auch wenn sie die Abstimmung vom 18. Mai aller Voraussicht nach verlieren, hat sich die Kampagne für sie gelohnt. Etliche Arbeitgeber erhöhten im Vorfeld die Löhne, um sich aus dem Schussfeld zu nehmen. Auch die Zahl der Gesamtarbeitsverträge, und das ist das eigentliche Ziel der Initiative, stieg in den letzten Jahren markant an.

Zu diesem Schluss kommt eine Untersuchung der Universität Lausanne. Auch die Neuausrichtung der Gewerkschaften habe dazu geführt, dass die Abdeckung mit Gesamtarbeitsverträgen in der Schweiz seit Mitte der Neunzigerjahre wieder zunimmt. Die Studie von Professor Daniel Oesch wird zwar erst im Mai publiziert, aber das von der Bundesverwaltung herausgegebene Magazin «Die Volkswirtschaft» hat bereits Auszüge daraus veröffentlicht. Demnach stieg die sogenannte GAV-Abdeckung in der Schweiz seit 2001 von 41 auf 49 Prozent. 1,7 Millionen Beschäftigten profitieren aktuell vom Schutz eines Gesamtarbeitsvertrages. Für fast 90 Prozent von ihnen enthält der GAV auch Mindestlohnvorschriften.

Oesch benennt noch weitere Gründe für diese Entwicklung. Die Abschaffung des Beamtenstatus habe dazu geführt, dass Staatsbetriebe wie Post, SBB oder Swisscom ihre Belegschaften einem GAV unterstellten. Der wichtigste Katalysator für den Abschluss neuer Verträge war allerdings ein ganz anderer: die Personenfreizügigkeit.

Die Furcht vor dem neuen Wettbewerb liess in der Schweiz die Chefs und ihre Belegschaften näher zusammenrücken. «Dies gilt insbesondere für bisher vor ausländischer Konkurrenz geschützte Branchen der Binnenwirtschaft», schreibt Oesch. Nun kamen die nötigen Mehrheiten von Arbeitgebern und Arbeitnehmern plötzlich dafür zustande, Gesamtarbeitsverträge für ganze Branchen vom Staat allgemein verbindlich erklären zu lassen – etwa in der Reinigungsbranche.

Grund zum Feiern

Und so fällt das Fazit zum 1. Mai 2014 freundeidgenössischer aus, als es die aktuell an der Oberfläche geführte Schlacht über den Mindestlohn vermuten liesse: Die Gewerkschaften konnten ihren Einfluss trotz Schwindsucht in den vergangenen Jahren eher wieder stärken. Und die Zahl der partnerschaftlich in massgeschneiderten GAV geregelten Arbeitsverhältnisse ist im Unterschied zu den meisten anderen OECD-Ländern gewachsen. Gute Gründe für die Gewerkschaften, heute ein Bratwurstfest zu feiern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 01.05.2014, 12:23 Uhr

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15 bis 20 Prozent sind in einer Gewerkschaft

Der Anteil der gewerkschaftlich organisierten Belegschaft ist in der Schweiz im internationalen Vergleich tief. Allerdings ist dabei zu berücksichtigen, dass vor allem in nordischen Ländern staatliche Anreize für die Mitgliedschaft in Gewerkschaften bestehen. In anderen Ländern wie Frankreich und Österreich verlangen Gesetze den Abschluss von Gesamtarbeitsverträgen. Gemessen an der Zahl der Erwerbstätigen, liegt der Organisationsgrad in der Schweiz bei rund einem Sechstel. Die Gewerkschaften messen den Organisationsgrad aber an der Zahl der Beschäftigten mit einem Pensum von über 50 Prozent, was zu etwas höheren Werten von rund einem Fünftel führt.

Die meisten Gewerkschafter gibt es im Kanton Bern. Gemäss den letzten auffindbaren Zahlen von 2008 hat der Gewerkschaftsbund hier 70 000 Mitglieder – der grössere Kanton Zürich lediglich 48 000. An dritter Stelle liegen die Waadt und das Tessin mit etwas über 30 000 Mitgliedern.

Sehr unterschiedlich ist auch die Entwicklung der einzelnen Verbände: Der schweizerische Lehrerverband wuchs seit 1960 kontinuierlich von 18 000 auf über 50 000 Angehörige, der Kaufmännische Verband ist nach einem Hoch mit fast 80 000 Mitgliedern in den 80er-Jahren wieder bei den rund 50 000 von 1960. Die Hotel- und Gastro-Union verdoppelte ihre Basis seit 1960 kontinuierlich auf rund 22 000, während der einst mächtige Eisenbahnerverband SEV um ein Viertel auf 45 000 Mitglieder schrumpfte. Die Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes VPOD blieb hingegen mehr oder weniger bei rund 36 000 Mitgliedern. Und die Unia ist mit rund 200 000 von der alten Stärke noch immer ein Stück weit entfernt: Über 260 000 Mitglieder hatten die Vorgängerorganisationen GBI, SMUV und VHTL in den 90ern.(hu)

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