WOZ provoziert Linke nach SNB-Schock

Journalist Yves Wegelin begrüsste in der Zeitung WOZ – wider die linke Meinung – die Aufhebung der Euro-Untergrenze. Was er auslöste – und wie er mit einem seiner Kritiker nun in Konfrontation geht.

«Die Reaktionen waren teilweise heftig», sagt Autor Yves Wegelin über seinen Artikel zum Nationalbankentscheid: Die Ausgabe der WoZ vom 22. Januar 2015.

«Die Reaktionen waren teilweise heftig», sagt Autor Yves Wegelin über seinen Artikel zum Nationalbankentscheid: Die Ausgabe der WoZ vom 22. Januar 2015.

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Als der erste Schock über die plötzliche Aufhebung des Euromindestkurses abgeklungen war, regten sich die Wirtschaftsgemüter. Die Schweizerische Nationalbank erhielt für ihren Entscheid gehässige Kritik und einige lobende Worte. Die Verteilung war eindeutig: Bürgerliche rühmten den «mutigen Schritt» (SVP-Nationalrat Thomas Matter), der «überfällig» (SVP-Nationalrat Lukas Reimann) gewesen sei. Von links war die Rede von einem «schwarzen Tag für den Werkplatz Schweiz» (SP-Ständerat Roberto Zanetti) und einer «brandgefährlichen» Massnahme (SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer).

Doch dann kam Applaus von unerwarteter Seite: Die linke «Wochenzeitung» (WOZ) gratulierte der Nationalbank unter dem Titel «Gut so, Herr Jordan». Wirtschaftsredaktor Yves Wegelin argumentierte aus einer globalen Sichtweise und warf den Linken Doppelmoral vor: SP, Grüne und Gewerkschaften sprächen sich angesichts der Wirtschaftskrise gerne für mehr Solidarität aus – doch mit der Aufrechterhaltung des Mindestkurses habe die Nationalbank in den vergangenen drei Jahren nichts anderes gemacht, als die Schweizer Wirtschaft auf Kosten von anderen, krisengeschüttelten Ländern zu unterstützen. Die Empörung der politischen Linken sei nicht gerechtfertigt, schrieb Wegelin.

Ein Affront gegenüber Lesern und Linken, was bei der WOZ in vielen Fällen dasselbe ist? «Die Reaktionen waren teilweise heftig», sagt Wegelin, stellvertretender Redaktionsleiter, gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Die Redaktion erhielt Leserbriefe, auf Facebook entbrannten kontroverse Diskussionen, Wegelin wurde in seinem persönlichen Umfeld tagelang auf den Artikel angesprochen. Auch von SP-Vertretern erhielt er Mails, «die meisten hatten kein Verständnis», sagt Wegelin, Namen möchte er keine nennen. Natürlich hätten die obligaten Negativ-Rundumschläge nicht gefehlt, doch der grosse Teil habe sachlich und qualifiziert argumentiert. Und er habe durchaus Verständnis für die Gegenseite, betont Wegelin mehrmals.

«Debatte auf hohem Niveau»

Es sei ihm mit der Nationalbank-Lobrede nicht um Provokation gegangen, sondern um die Debatte – die er offenbar angestossen hat. Noch am Tag, als der WOZ-Artikel erschien, reagierte der Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, Daniel Lampart. In einer Replik zerpflückte er die Argumente des «befremdenden WOZ-Applauses für die SNB» und schrieb, «selbst der gelobte Thomas Jordan wäre anderer Meinung». Wegelin sagt, sein Artikel habe in der SP-Basis eine Diskussion «auf sehr hohem Niveau» ausgelöst: «Heutzutage wird man unter den Linken nicht mehr gleich als Verräter beschimpft.» Ähnlich viele Reaktionen habe es vor zwei Jahren gegeben, als die WOZ die Abzockerinitiative infrage stellte.

Nicht zuletzt gratulierten ihm auf den sozialen Netzwerken und in Leserbriefen auch viele zu seinem Artikel. Dass die Diskussion weitergeführt wird, dafür sorgt die WOZ mit ihrer heutigen Ausgabe gleich selber: Darin führen Wegelin und Lampart ein Streitgespräch über die Aufhebung des Mindestkurses. Der WOZ-Journalist vertritt darin die Meinung, dass der überbewertete Franken durch die jahrelangen Exportüberschüsse und die Geldanlagen im Ausland in der Schweiz teilweise selbst verschuldet sei. Der Gewerkschaftsökonom schreibt die Überschüsse hingegen den Rohstoffhändlern, dem Finanzplatz und den Multis zu und verneint einen Zusammenhang mit dem Wechselkurs. Er warnt: «Wir müssen schauen, dass es in der Schweiz nicht zum Drama kommt.»

Erstellt: 29.01.2015, 15:34 Uhr

Yves Wegelin, Wirtschaftsredaktor und stellvertretender Redaktionsleiter bei der «Wochenzeitung». (Bild: www.woz.ch)

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