Wähler wetten auf unbekannte Pferde

Gewinner der Zürcher Wahlen sind die neuen Mitteparteien. Noch ist aber kaum bekannt, wer deren Politik umsetzen wird. Ein Kommentar von Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Reporterin Claudia Blumer.

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Die Grünliberalen sind in den vergangenen Jahren zur erfolgversprechenden Trendpartei der progressiven Linkswähler geworden. Doch diesen erdrutschartigen Gewinn hatte sich wohl selbst Parteipräsident Martin Bäumle in den kühnsten Träumen nicht erhofft. Die Grünliberalen haben im Kanton Zürich fast um das Doppelte ihres bisherigen Wähleranteils zugelegt und überholen damit die Grünen, die bei den letzten Wahlen auf die Überholspur wechselten und seither einen Bundesratssitz fordern. Nach den Verlustprognosen müssen die Grünen nun froh sein, ihren Wähleranteil überhaupt halten zu können. Umweltfreundlich und wirtschaftlich scheint heute die Zaubermischung für politischen Erfolg zu sein.

Für die Grünliberalen ein Traumresultat – für die CVP ein Albtraum. Sie verliert mit der Abwahl von Hans Hollenstein einen Regierungssitz und büsst proportional am meisten Parlamentssitze ein. Auch die FDP und die EVP verlieren massgeblich. Doch insgesamt hat die Mitte ihren Wähleranteil behalten, die Verluste der alten Parteien werden durch die Gewinne der neuen, Grünliberale und BDP, wettgemacht. Offenbar trauen die Wähler den neuen Mitteparteien mehr zu, obwohl sie damit auf unbekannte Pferde wetten - die Grünliberalen müssen geeignetes Personal erst noch rekrutieren, wer deren Politik umsetzt, ist ungewiss. Die Polparteien SP und SVP haben beide verloren, wenn auch nur wenig. Doch aus der Sicht der SP ist das Resultat nach dem massiven Verlust von 2007 dennoch enttäuschend. Die Partei hatte gehofft, ihren Sinkflug im Wahljahr 2011 endlich stoppen zu können.

Was bedeutet das Zürcher Resultat für die eidgenössischen Wahlen im Herbst? Die Parlamentswahl im bevölkerungsreichsten Kanton wird auch deshalb mit Spannung erwartet, weil daraus Schlüsse für die Sitzverteilung im Nationalrat gezogen werden. Die SP muss nach den Erfahrungen der vergangenen Wahlen damit rechnen, im Herbst nicht besser als in Zürich abzuschneiden. Auch die SVP und die Grünen können nach Adam Riese davon ausgehen, ihren Wähleranteil bei den eidgenössischen Wahlen zu verteidigen. Die Grünliberalen dagegen dürften weniger stark zulegen wie in Zürich.

Doch Prognosen und Einschätzungen sind mit Vorsicht zu geniessen. Nicht nur, weil Umfrageresultate oft danebenliegen. Nach den Befragungen der letzten Wochen wäre Regierungsrat Markus Kägi abgewählt worden, doch heute war er von Anfang an gut im Rennen. Die FDP hätte eine dramatische Einbusse erlitten, nun traf es die CVP. Und der BDP wurden zwei Prozent vorausgesagt, sie schafft aber mit über 5 Prozent die Hürde ins Zürcher Parlament.

Doch vor allem ist das Bewusstsein der Wähler volatil. Der Fukushima-Effekt, der die Zürcher Wahlen beeinflusst hat, wird verpufft sein, wenn die Wähler im Herbst ihre Listen einwerfen. Egal, ob die Probleme mit der Radioaktivität in Japan bis dahin gelöst sind oder nicht. Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko ist noch kein Jahr her, doch in der politischen Debatte spielt sie schon lange keine Rolle mehr. Kaum mehr Einfluss hat auch die Finanzkrise von 2008, trotz der direkten Auswirkungen in der Schweiz und der in dieser Sache hängigen Geschäfte im Parlament. Vielleicht rückt in den nächsten Monaten eine neuerliche Bewegung in Nordafrika wieder in den Vordergrund. Erste Asylgesuche von Libyern wurden in der Schweiz letzte Woche eingereicht.

Erstellt: 03.04.2011, 16:57 Uhr

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Der Fukushima-Effekt, der die Zürcher Wahlen beeinflusst hat, wird verpufft sein, wenn die Wähler im Herbst ihre Listen einwerfen: Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Inlandreporterin Claudia Blumer.

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