Waffenbesitz begünstigt den Selbstmord

Eine neue Studie zeigt den Zusammenhang zwischen der Verbreitung von Waffen und deren Gebrauch zum Selbstmord.

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In der Zentralschweiz sowie in den Kantonen Aargau, Bern und Baselland bringen sich überdurchschnittlich viele Menschen mit Schusswaffen um. In diesen Kantonen besitzen auch überdurchschnittlich viele Privatpersonen Pistolen und Gewehre. Für Studienleiter Vladeta Ajdacic ist der Zusammenhang klar: Wo Schusswaffen besonders verbreitet sind, werden diese häufiger für Suizide verwendet. Der Suizidforscher an der Psychiatrischen Uni-Klinik Zürich hat zum ersten Mal in der Schweiz die Häufigkeit von Schusswaffenbesitz und Schusswaffensuiziden untersucht. So ist in Uri, Ob- und Nidwalden der Anteil der Haushalte mit Schusswaffe mit 57 Prozent am grössten. Entsprechend bringen sich in diesen Kantonen auch am meisten Menschen mit einer Schusswaffe um, nämlich 32,7 Prozent. Auf der anderen Seite der Skala stehen Kantone mit einer Schusswaffenverbreitung unter 25 Prozent wie Basel-Stadt und Genf. Dort liegt der Anteil Selbstmorde mit Schusswaffen unter 20 Prozent.

100 Suizide pro Jahr weniger

Wer sich in einer akuten Krise umbringen wolle, für den sei der Griff zur Schusswaffe naheliegend, sagt Ajdacic. Denn sie sei ein schnelles und in der Regel tödliches Instrument. Einen Beleg dafür, dass die Zugänglichkeit ein Faktor sei, sieht er in der Entwicklung der letzten Jahre. 1998 betrug in der Schweiz der Anteil der Suizide mit einer Schusswaffe 30 Prozent, 2007 waren es noch 19 Prozent. Dies ging einher mit der Abnahme der Schusswaffen: 1998 lag in 38 Prozent der Haushalte eine Waffe, 2007 waren es 28 Prozent. Die Studie zeigt zudem, dass der Selbstmord mit Gewehr oder Pistole eine männliche Methode ist. Rund ein Drittel der Männer, die Selbstmord begehen, verwenden eine Schusswaffe. Bei Frauen sind es nur 3,4 Prozent.

Zwischen 1998 und 2007 nahmen sich in der Schweiz insgesamt 13?410 Menschen das Leben, also durchschnittlich 1341 Menschen pro Jahr. Ajdacic schätzt, dass in der Schweiz mit Prävention und anderen Massnahmen wie Waffeneinzug jährlich bis zu 100 Suizide verhindert werden könnten. Organisationen wie der Armee, der Polizei, Schützenvereinen und Jagdverbänden empfiehlt Ajdacic, die Prävention zum Schutz ihrer Mitglieder zu verstärken. Dazu könnten technische Massnahmen gehören, welche die Verwendung der Waffe zum Selbstmord erschwerten. Zur Prävention gehört für Ajdacic zudem die Sensibilisierung von Hausärzten, Seelsorgern oder Personalchefs, um die Selbstmordgefährdung zu erkennen.

Initianten sehen Bestätigung

Für die Initianten der Volksinitiative «Schutz vor Waffengewalt» ist die Studie ein weiterer Beleg dafür, dass der Einzug von Waffen in der Schweiz dringend sei. Dabei gehe es nicht nur um die Aufbewahrung der Armeewaffen im Zeughaus, sagt Mitinitiant Jo Lang. Der grüne Zuger Nationalrat verweist darauf, dass in der Schweiz rund 2,3 Millionen Waffen in den Händen Privater sind. Die Initiative verlangt einen Bedürfnisnachweis für den Waffenbesitz. Sportschützen, Waffensammler und Jäger dürften ihre Gewehre und Pistolen behalten. Für andere wäre der private Waffenbesitz verboten. «Unser Ziel ist es, die Zahl der Waffen in den Haushalten auf unter 1 Million zu bringen», sagt Lang.

Die Anhänger eines freiheitlichen Waffenrechts wollen sich dagegen nicht entwaffnen lassen und bekämpfen die Initiative. «Wer sich umbringen will, findet ein Mittel», sagt Willy Pfund, Präsident von Pro Tell. Wer selbst keine Waffe habe, hole sich jene des Nachbarn oder werfe sich vor den Zug. Um Selbstmorde oder andere Gewalttaten mit Waffen im Affekt zu verhindern, empfiehlt der ProTell-Präsident «erzieherische Massnahmen für den verantwortungsvollen Umgang mit gefährlichen Mitteln».

Erstellt: 28.07.2010, 22:39 Uhr

Keine Seltenheit in Schweizer Haushalten: Sturmgewehr neben Kinderspielzeug. (Bild: Keystone )

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