Wahrheit ist keine Staatssache

Entschädigungszahlungen für Verdingkinder sind richtig. Doch der Staat darf nicht Richter über die Vergangenheit sein.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zwangssterilisierte, Zwangsversorgte, Zwangsadoptierte. Misshandelte Heim- und Verdingkinder. Dieses Kapitel der Schweizer Geschichte tut weh, denn noch leben Tausende, die als Opfer und Täter dabei waren. Keine akademische Übung also wie der Deutungsstreit um Marignano oder den Wiener Kongress.

Das Gesetz, das der Bundesrat diese Woche präsentiert hat, um Zahlungen an die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen zu ermöglichen, steht in einer noch jungen Tradition: der des moralischen Umgangs mit der Vergangenheit. Was früher geschah, wird durch die Brille von heute betrachtet. Der Blick ist gelenkt von den Grundrechten, vom Respekt für individuelle Freiheit und Gleichheit. Staatliches Handeln, das einst rechtens und gesellschaftlich breit akzeptiert war, wird als Unrecht verurteilt.

Ein Zeichen der Anerkennung

Immer neue Gruppen von Diskriminierten, Verfemten und Entrechteten wurden in den letzten Jahren offiziell aus dem Schatten der Geschichte geholt: Die Schweizer Spanienkämpfer der 1930er-Jahre, die Flüchtlingshelfer aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, die «Kinder der Landstrasse», zwangssterilisierte Frauen, Administrativversorgte, Heim- und Verdingkinder. Und jetzt will der Bundesrat in der Logik dieser Opferkultur alle Opfer der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, die bis 1981 erlaubt waren, entschädigen.

Wer in einem Heim sexuell missbraucht wurde oder immer wieder schwere körperliche Strafen ertragen musste, hat häufig lebenslang darunter gelitten. Etwa weil ihn Angst vor Nähe plagte und er dadurch unfähig war, sich auf Beziehungen einzulassen. Wer als Verdingkind trotz guter Schulnoten nicht in die Sekundarschule durfte, erlitt später je nachdem berufliche und finanzielle Nachteile. Der Bundesrat versteht die Zahlungen als «Zeichen der Anerkennung erlittenen Unrechts». Wer dazu Nein sagt, verneint nicht nur begangenes Unrecht, sondern auch erlebtes Leid. Und fügt so den Betroffenen neues Leid zu – weil er ihren Erlebnissen das Traumatische abspricht.

Heikle Sache

Individuelle Wiedergutmachungszahlungen passen zum liberalen Staat. Oder wie Verfassungsjurist Stefan Schürer in einem Buch zum Thema geschrieben hat: «Der Staat legitimiert sich über den Schutz des freien und selbstbestimmten Individuums. Ist dem Einzelnen dieser Schutz versagt geblieben, ist Wiedergutmachung angezeigt.»

Bloss: Staatliche Wiedergutmachung für Vergangenes hat auch eine heikle Seite. Sie gibt uns mehr oder weniger vor, wie wir die Vergangenheit zu sehen haben. Und das passt nicht zum freiheitlichen Verfassungsstaat. Dieser ist nicht für die historische Wahrheit zuständig.

Versucht der Staat, ein offizielles Geschichtsbild zu verordnen, kann es dumm herauskommen. Die Spanienkämpfer hätten «für Freiheit und Demokratie» gekämpft, stand seinerzeit im Gesetz für ihre Rehabilitierung. Kein Historiker würde das so pauschal sagen – weil nebst Freiheitskämpfern auch Wirtschaftsflüchtlinge und von Moskau gesteuerte Partisanen in Spaniens Bürgerkrieg mitmischten. Was die vom Bundesrat eingesetzte Expertenkommission zur Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg 2002 präsentierte, hatte faktisch ebenfalls das Gewicht einer staatlich abgesegneten Wahrheit, wie sie in einer freiheitlichen Gesellschaft nichts verloren hat.

Nicht alle Kinder waren Opfer

Im Fall der Heim- und Verdingkinder will es der Bundesrat besser machen. Die vorgeschlagene Zahlung ist ein moralischer Akt, nicht die Folge einer offiziell fixierten Bewertung der früheren Fürsorgepolitik. Die umfassende historische Aufarbeitung soll erst folgen. Historiker und Betroffene erhalten etwa leichteren Zugang zu Akten. So ist es richtig: Dass der Bundesrat für die Opfer der früheren Fürsorgepolitik Entschädigungen bezahlen will, darf nicht bedeuten, die damalige Praxis pauschal zu verurteilen. Es gibt verschiedene Wahrheiten.

Häufig erlebten Kinder ein bestimmtes Heim zur selben Zeit völlig unterschiedlich. Nicht alle Heimleiter und Angestellten waren Unmenschen; manche meinten es gut und machten vieles richtig. Der Bundesrat erklärt, dass nicht alle Personen, die von fürsorgerischen Massnahmen oder Fremdplatzierungen betroffen waren, «Opfer im eigentlichen Sinn» seien. «Nicht alle Heim-, Pflege- oder Verdingkinder haben Verletzungen ihrer körperlichen, psychischen oder sexuellen Integrität erlitten.»

Das sind wichtige Präzisierungen. Der Bundesrat hat den Mut, die Komplexität der Fürsorge­geschichte zu akzeptieren.

Erstellt: 27.06.2015, 04:41 Uhr

Artikel zum Thema

Sie leiden wie Kriegsveteranen

Forscher untersuchten erstmals die psychischen Spätfolgen bei ehemaligen Verding- und Heimkindern. Mehr...

Verdingkind erhält Entschädigung

Möglicher Präzedenzfall im Thurgau: Der Kanton zahlt einem ehemaligen Verdingkind eine Entschädigung – für ein vor über 60 Jahren verschwundenes Sparheft. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Blogs

Never Mind the Markets Flucht ins Bargeld gibt Rätsel auf

Sweet Home Genussmomente für die Ferienzeit

Die Welt in Bildern

Grosstransport: Ein vietnamesischer Mann befördert eine Vielzahl an Gütern mit seinem Motorrad durch die Stadt Hanoi. (22. Juli 2019)
(Bild: Minh Hoang / EPA) Mehr...