Warum die Grünen dort stark wurden, wo die Stadt weit weg ist

Im Oberbaselbiet zeigt sich exemplarisch, was alles zusammenkommen muss, damit die Grünen tatsächlich eine Volkspartei werden können. Es ist ziemlich viel.

Diese drei Frauen haben grossen Anteil am Erfolg der Grünen im Oberbaselbiet: Florence Brenzikofer, Maya Graf und Laura Grazioli. Foto: Lucia Hunziker

Diese drei Frauen haben grossen Anteil am Erfolg der Grünen im Oberbaselbiet: Florence Brenzikofer, Maya Graf und Laura Grazioli. Foto: Lucia Hunziker

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Sogar rechnen können sie schneller. Zwei Informatik-Kollegen des Parteipräsidenten sitzen vor selber gebastelten Excel-Tabellen und schicken ihre Hochrechnungen fortlaufend ins Regierungsgebäude nach Liestal. Lange bevor die offiziellen Resultate bekannt gegeben werden, wissen die Baselbieter Grünen: Das ist ihr Tag. Sechs Sitze gewinnen sie bei dieser Landratswahl hinzu; acht sogar, wenn man die Abgänge zweier Mitglieder im Laufe der Legislatur einbezieht. Neu ist die grüne Partei mit 14 Sitzen im kantonalen Parlament vertreten. «Am Anfang konnte ich es gar nicht glauben», sagt Bálint Csontos, der 23-jährige Präsident der Partei.

Ende März war das, und der grüne Sieg im Baselbiet fügte sich nahtlos ein in die bisherige Erzählung dieses Wahljahrs. Klimawandel, Greta, protestierende Schüler – Grün gewinnt.

Es sind immer die gleichen Fragen, die den Grünen-Hype begleiten. Wie nachhaltig ist der Erfolg? Wo ist die Grenze? Gibt es überhaupt eine Grenze?

Kurz nach den Wahlen im Baselbiet machte sich etwa die Schweizer Ausgabe der «Zeit» Gedanken darüber, wie das Land noch grüner werden könnte. In die Mitte müsse die Partei, dorthin, wo es wehtue. Weg aus der hippen Innenstadt und aufs Land, in die ländliche Agglo, in die konservative Mitte.

Mit anderen Worten: Die Grünen müssen nach Sissach. Bezirkshauptort im oberen Baselbiet, etwas mehr als 6500 Einwohner, zwei Schnellzug-Halte pro Stunde nach Norden und nach Süden, eine halbwegs verkehrsberuhigte Fussgängerzone und der einzige Ort im Kanton (und wohl auch schweizweit – es fehlen verlässliche Daten), in dem die Grünen die stärkste Partei überhaupt sind. Bei den Landratswahlen machten die Grünen in Sissach 27,3 Prozent aller Listenstimmen. Mehr als die FDP (21,4) oder die SVP (20,1).

Und die Grünen müssen nach Oltingen, ein paar Dörfer weiter. Knapp 500 Einwohnerinnen, zwei Busverbindungen nach Gelterkinden in der Hauptverkehrszeit, viele Bauernbetriebe und ein über das Tal hinaus bekannter jährlicher Markt. Bei den Landratswahlen machten die Grünen in Oltingen 38 Prozent aller Stimmen und wurden nur ganz knapp von der SVP geschlagen.

In dieser ländlichen Agglo, in dieser konservativen Mitte scheinen die Grünen also schon zu sein. Und darum fügen sich die Wahlen in Baselland eben nur auf den ersten Blick in die Erzählung dieses Wahljahrs ein. Hier ist etwas Sonderbares im Gange. Gegen jedes Klischee sind die Baselbieter Grünen dort besonders stark, wo die Stadt am weitesten entfernt ist. In der Agglomeration Basel kamen sie auf 13 Prozent der Wähleranteile, im Oberbaselbiet auf fast 20 Prozent.

Was passiert da? Sind die Grünen auf dem Weg, eine Volkspartei zu werden? Ausgerechnet im Oberbaselbiet? Dem Land der Turnerabende, Kirschbäume und Schaumpartys?

«Es gibt, wie immer, mehr als eine Erklärung», sagt Florence Brenzikofer (43) in einer hübsch eingerichteten Küche in Sissach, gleich an der Strasse zur Sissacher Fluh, dem Wahrzeichen des Ortes. Neben ihr sitzen Laura Grazioli (33) und Maya Graf (57), und gemeinsam sind die drei Frauen ein grosser Teil dieser Erklärung. Brenzikofer ist Sekundarlehrerin, die ehemalige Präsidentin der Grünen im Kanton, seit Jahren im Landrat und hat bei den Wahlen im März gemessen an den Stimmberechtigten in ihrem Wahlkreis das beste Ergebnis des ganzen Kantons erzielt.

Einen Bezug zum Boden

Laura Grazioli, HSG-Absolventin, Landwirtin, kandidierte zum ersten Mal und machte gleich das beste Resultat in ihrem Wahlkreis. Vor allen Bisherigen. Und dann ist da noch Maya Graf, Nationalrätin, eine der beliebtesten Politikerinnen im Kanton. Bei den letzten eidgenössischen Wahlen holte sie am meisten Stimmen im ganzen Baselbiet.

Grazioli und Graf leben und arbeiten in Sissach, Brenzikofer in Oltingen. Sie sind in Vereinen, seit Jahren präsent, haben sich einen Namen gemacht, etwa beim Kampf gegen den Abbau des ÖV. Sie sind greifbar, sichtbar, gehören zum Dorf. Sie alle würden auch in ein hippes Innenstadtquartier passen, doch sie haben das Leben auf dem Land gewählt. Das sei ein Teil der Erklärung, sagt Grazioli. «Wir sind sehr verwurzelt hier. Als Bäuerinnen haben wir einen Bezug zum Boden, wir wissen, wovon wir reden.»

Engagement, Glaubwürdigkeit – das wird Grazioli, Brenzikofer und Graf auch von der Konkurrenz attestiert. «Weil ihre Fraktion im Landrat nicht sehr gross ist, kumuliert das viele Themen auf einzelnen Personen. Und die machen es engagiert und gut», sagt SP-Landrätin Sandra Strüby-Schaub aus Buckten. Sie sagt aber auch: «Die Grünen sind hier sehr mittig aufgestellt. Manchmal frage ich mich, ob die Leute wissen, wie bürgerlich die Grünen in unserem Kanton teilweise sind.»

Sie meint damit Leute wie Finanzpolitiker Klaus Kirchmayr oder Regierungsrat Isaac Reber (auch er ein Sissacher), die auch bei den Grünliberalen eine Heimat finden würden. «Wir sind eine breit aufgestellte Partei, der Mitte sehr zugänglich», sagt Grazioli. «Und weil wir so breit sind, hatte es nie Platz für die Grünliberalen», ergänzt Graf.

Es ist ein anderes Grün im Oberbaselbiet, nicht das gleiche wie in der Stadt, nicht ein ideologisches. Eher ein bodenständiges, konservatives fast. Und dieses Grün trifft jetzt, da alle vom Klima reden, im Oberbaselbiet auf eine fast inexistente Mitte, eine schwächelnde SVP, eine nicht besonders starke SP und eine FDP auf Sinnsuche. Der perfekte Sturm.

«Unser Kanton, vor allem der obere Kantonsteil, ist sehr landwirtschaftlich geprägt. Dass diese Verbundenheit mit der Natur auch dazu führt, dass man sich ökologische Gedanken macht, leuchtet ein», sagt FDP-Nationalrätin Daniela Schneeberger aus Thürnen, gleich neben Sissach. Schneeberger tritt bei den Ständeratswahlen gegen Maya Graf an, und sie hat ihre Lehren aus dem Wahlsonntag im März gezogen. Umweltschutz und Klimaschutz gehörten zur DNA des Freisinns, auch im Baselbiet, sagt sie. «Wir haben das in den vergangenen Jahren vielleicht zu wenig gut kommuniziert. Im Herbst werden wir das besser machen.»

Neue Möglichkeiten

Die FDP, die auf die Grünen zugeht – auch das ist eine Folge dieser Wahlen. Die neue Stärke der Grünen könnte das Bild des politischen Baselbiets grundsätzlich verändern; plötzlich sind neue Konstellationen möglich. Bereits haben Freisinnige signalisiert, in Zukunft vermehrt mit den Grünen zusammenarbeiten zu wollen. Etwa bei Verkehrs- und Infrastrukturprojekten.

Durch eine engere Zusammenarbeit mit den Grünen könnte sich die FDP aus der oft schmerzhaften Umklammerung der SVP befreien. Die Mitte würde dadurch gestärkt: Bereits heute bilden Grüne und EVP eine Fraktion, die bei Umweltthemen auf die Unterstützung der CVP zählen kann. Ganz neue Möglichkeiten für einen Kanton, der in seinem Kern immer noch konservativ ist. Und das alles nur wegen ein paar grüner Nester im Oberbaselbiet.

Erstellt: 23.04.2019, 09:53 Uhr

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