Warum die Grünliberalen Bäumle brauchen

Schon vor zwei Jahren wollte GLP-Chef Martin Bäumle parteiintern Verantwortung abgeben. Nach seinem Herzinfarkt stellt sich die Frage: Ist ihm dies gelungen?

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Parteipräsident, Nationalrat, Stadtrat: GLP-Chef Martin Bäumle tanzt auf vielen Hochzeiten. Der Vollblutpolitiker eilt von Podien zu Fernsehauftritten, vertritt seine Überzeugungen mit Verve und seine Partei mit Leidenschaft. Doch die energieraubende Omnipräsenz hat einen Preis, wie sein Herzinfarkt vor drei Wochen verdeutlicht hat. Bereits vor genau zwei Jahren hatte der 49-Jährige einen Schwächeanfall erlitten. Damals hatte er gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet angekündigt, parteiintern Arbeit und Verantwortung abgeben zu wollen. Trotz dieses Vorsatzes räumt er nun ein: «Ich möchte mehr Vertrauen schenken können und Aufgaben delegieren.»

Hat Bäumle es also versäumt, seine Partei in den letzten zwei Jahren personell und strukturell breiter aufzustellen – und sich dadurch zu entlasten? Nein, findet GLP-Generalsekretärin Sandra Gurtner-Oesch. Schliesslich sei die lange angekündigte Erweiterung der Parteispitze 2012 vollzogen worden. Seither amtet der Genfer Laurent Seydoux als Vizepräsident mit einer breit aufgestellten Geschäftsleitung. Und auch das Generalsekretariat werde kontinuierlich ausgebaut; heute sei es mit 340 Stellenprozenten besetzt und koordiniere Kommunikation, Kampagnen sowie Fraktionsarbeit. «Innerhalb von Milizstrukturen dauert es eben eine Weile, bis sich ein neues Gremium konstituiert und eingespielt hat.» Solange das Team noch nicht krisenerprobt gewesen sei, sei Bäumle das Loslassen schwergefallen. «Die letzten drei Wochen haben ihm aber Vertrauen gegeben. Auch ohne ihn hat die Parteiarbeit in dieser Zeit einwandfrei funktioniert», so Gurtner-Oesch.

«Wir mögen das Wort nicht»

Sektionsaufbau, Parteiprogramm, Medienarbeit, Nachwuchsförderung – Baustellen gibt es in der GLP indes noch ausreichend. Zurückhaltung dürfte ein tatkräftiger Präsident wie Bäumle daher als Zwang empfinden. Doch Gurtner-Oesch sieht ihre Partei auch in diesen Bereichen auf gutem Weg. So sei Bäumle etwa seit letztem Jahr nur noch in Ausnahmefällen in die Gründung neuer Kantonalsektionen involviert. Bundeshausfraktionschefin Tiana Angelina Moser habe aktuell etwa die Koordination für die Gründung der 19. Sektion in Schaffhausen übernommen.

Der Kritik, die GLP habe die programmatische Arbeit vernachlässigt, entgegnet sie: «Wir mögen das Wort ‹Programm› nicht – und stehen dazu. Um flexibel und effizient agieren zu können, wollen wir uns auf Leitlinien beschränken. Positionspapiere sollen diese präzisieren.» Auch Politgeograf Michael Hermann sieht in dieser Hinsicht keinen dringenden Handlungsbedarf: «Die inhaltliche Unschärfe ist gewollt. Und entspricht der Lebensrealität der GLP-Wähler. Viele Menschen lehnen heute starre Ideologien ab.» Alleine durch das Label sei die Position der Grünliberalen links der Mitte eindeutiger definiert als etwa jene der ebenfalls noch jungen BDP.

Sachkompetenz statt Passion

Doch trotz der strukturellen Konsolidierung und dem Ausbau des Vorstands: Noch immer verkörpert Bäumle wie niemand sonst die GLP. Neben seiner langjährigen Zürcher Weggefährtin Verena Diener ist sein Name nicht nur untrennbar, sondern vor allem auch alternativlos mit der Partei verknüpft. Denn Seydoux bleibt auch nach eineinhalbjähriger Amtszeit als Vizepräsident in der Deutschschweiz ein unbeschriebenes Blatt, und Fraktionschefin Moser sucht die mediale Präsenz nicht. Mit dieser Haltung verkörpert sie den typischen GLP-Bundesparlamentarier. Dieser will mit Sachkompetenz und seriöser Dossierarbeit überzeugen – er hat ein technokratisches Politikverständnis.

«Der verbale Schlagabtausch liegt den Grünliberalen fern, Medien- und Kommunikationsarbeit halten sie für vernachlässigbar. Sie politisieren konstruktiv, nüchtern, zurückhaltend – aber eben auch passionslos. Politik umfasst nicht nur Fleissarbeit und Aktenstudium», so Hermann. Vielmehr lebe sie von engagierten Persönlichkeiten, die ihren Parteien ein Gesicht geben. Dagegen würden die GLP-Vertreter die mit ihrer Funktion einhergehende Bühne nicht ausreichend nutzen. Dieses grünliberale Selbstverständnis mache es Bäumle umso schwieriger, kürzerzutreten. Dass der fehlende Geltungsdrang ihrer Exponenten für die Partei ein Nachteil werden könnte, glaubt Hermann jedoch nicht. Denn genau diese Zurückhaltung mache den Stil der GLP aus und decke sich mit den Erwartungen der angepeilten Wählerschaft. In der Scharnierfunktion zur Öffentlichkeit bleibe der redegewandte und kommunikative Bäumle jedoch zentral.

Darum wünschte sich Gurtner-Oesch oft einen stärkeren Geltungsdrang der Parteiexponenten. Wenn immer nötig, biete das Generalsekretariat Unterstützung in der Öffentlichkeitsarbeit. «Doch die Kommunikation muss auch dem Naturell eines Politikers entsprechen.» Und daher bleibt dies der vordringlichste Handlungsbedarf der Partei, wie Hermann bestätigt: Sie muss Identifikationsfiguren aufbauen, um ihren Präsidenten nachhaltig zu entlasten. «Personen, welche mit Inbrunst die links-liberale Position der Partei vertreten wie einst Doris Leuthard als Präsidentin die sozial-liberalen Werte der CVP. Bäumle hat es geschafft, die Partei nach links abzugrenzen – nun müsste dies jemand nach rechts tun.»

Erstellt: 02.04.2014, 17:36 Uhr

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