Warum die Jungen die AHV brauchen

Bei der AHV-Reform geht es nicht nur um die Alten.

Die AHV ist ein soziales Werk. Sie schützt die Kinder und Jugendlichen, die Erwachsenen und die Alten. Foto: Keystone

Die AHV ist ein soziales Werk. Sie schützt die Kinder und Jugendlichen, die Erwachsenen und die Alten. Foto: Keystone

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«An mir geht die AHV komplett vorbei», schrieb gestern mein 28-jähriger Kollege Dominik Osswald auf dieser Seite. Die AHV-Debatte sei abgehoben. Er selbst werde um das Jahr 2054 herum pensioniert und möge sich keine Sekunde mit dem befassen, was dann hypothetisch sein könnte.

Osswald bringt zum Ausdruck, was viele Junge denken. Gemäss einer aktuellen Abstimmungsumfrage gibt es einen Nein-Trend bei Jugendlichen. Sie wenden sich von der Altersreform ab. Man kann das nachvollziehen: Die AHV, das ist doch etwas für alte Leute, so wie Rollatoren und mechanische Pflegebetten. Doch die Realität ist eine andere. Die AHV schützt auch die Kinder.

Als ich neun Jahre alt war, begann mein Vater sich merkwürdig zu verhalten. Er sass mit uns am Tisch und war doch nicht richtig da. Wenn er sprach, dann mit langen Pausen zwischen den Worten. Er verwechselte den Samichlaus und das Christkind. Einmal besuchten wir zu zweit einen Anlass in Stein am Rhein. Als ich mich umsah, war er plötzlich nicht mehr da. Mein Vater war alleine nach Hause gefahren. Er hatte mich vergessen.

Kurz darauf, es war die Woche vor Weihnachten 1992, wurde bei ihm ein Gehirntumor diagnostiziert. Nach den Sportferien kam er auf die Intensivstation. Wir begruben ihn am 18. März 1993.

Wenn ich heute auf die Jahre seit dem Tod meines Vaters zurückschaue, gibt es kaum eine Zeit, in der die AHV keine Rolle in meinem Leben spielte. Vor seiner Krankheit hatte mein Vater als Friedhofsgärtner gearbeitet. Meine Mutter übernahm Samstagsschichten an der Migros-Kasse. Das tat sie auch nach dem Tod meines Vaters. Über Wasser hielten wir uns aber nur dank der Witwenrente, also der AHV.

Mit 19 Jahren ging ich als erstes Kind in unserer Familie an die Universität. Andere Studenten hatten Eltern, die ihnen das Studium finanzierten. Ich hatte meine Halbwaisenrente, auch sie ist Teil der AHV.

Selbst heute, da ich 34 Jahre alt bin, meinen Lebensunterhalt selbst bestreite und noch eine halbe Ewigkeit von meiner Pensionierung entfernt bin, ist die AHV präsent in meinem Leben. Meine Mutter wurde vor einigen Jahren pensioniert. Mit ihrer AHV bezahlt sie die Miete und die Krankenkasse. Es beruhigt mich, zu wissen, dass sie keine finanziellen Sorgen hat. Und wenn ich selbst Kinder habe, dann gibt die AHV meiner Mutter vielleicht die Freiheit, sich hie und da um meine Kinder, ihre Enkel, zu kümmern.

Was liegt für mich drin?

Natürlich bin ich eine Ausnahme. Nur wenige Kinder verlieren früh einen Elternteil. Und doch erstaunt es mich, wie die AHV-Debatte zuletzt wegdriftete von der Frage, wie wir unsere Eltern, Geschwister, Nachbarn und Mitbürger schützen wollen vor Armut, Alter und Schicksalsschlägen. Die Fragen, die ich stattdessen ständig höre: Was bringt mir diese Reform? Wo ist da mein Vorteil? Was liegt da für mich drin?

Sinnbildlich dafür sind die Rentenreform-Rechner im Internet. Sie vermitteln den Eindruck, es liesse sich auf den Franken genau bestimmen, was die Vorlage jeden Einzelnen kostet und was sie ihm bringt. Als wäre die AHV-Reform irgendein Aktienfonds. Ein Investment, das gefälligst rentieren muss – und, rechnet es sich nicht, abgelehnt gehört.

Es scheint, als verfange diese Taschenrechnerlogik gerade bei uns Jungen. Das ist bemerkenswert. Schliesslich sind wir es, die die Freiheiten moderner Lebensentwürfe voll auskosten. Wir wollen vielleicht mal das Pensum reduzieren. Eine Weiterbildung machen. Eine Auszeit nehmen. Oder einen weniger gut bezahlten, dafür erfüllenderen Job annehmen. All dies ist unverträglich mit der Idee, man könne Einkommen und Rentenbeiträge auf die gesamte Erwerbszeit hochrechnen und zack, zack erfahren, ob man zu den Gewinnern oder Verlierern gehört. Biografische Brüche sind in den Rentenrechnern nicht vorgesehen. Schicksalsschläge, wie der Tod eines Vaters, auch nicht.

Die AHV ist ein soziales Werk. Sie schützt die Kinder und Jugendlichen, die Erwachsenen und die Alten. Nächste Woche können wir dieses Werk sichern. Nicht für alle Ewigkeit. Aber lange genug, dass die Politik in Ruhe daran arbeiten kann, der nächsten Generation eine gesunde AHV zu übergeben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.09.2017, 23:17 Uhr

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