Warum die Linke auf Managed Care setzt

Die Initianten der Einheitskasse wollen durch besser koordinierte medizinische Behandlungen zwei Milliarden Franken sparen.

Das Stichwort heisst Managed Care: Elektrokardiogramm eines Patienten in der Arztpraxis (4. Mai 2006). Foto: Martin Rütschi (Keystone)

Das Stichwort heisst Managed Care: Elektrokardiogramm eines Patienten in der Arztpraxis (4. Mai 2006). Foto: Martin Rütschi (Keystone)

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Rund 25 Milliarden Franken pro Jahr betragen die Ausgaben der obligatorischen Krankenversicherung. Bis zu zehn Prozent dieser Kosten wollen die Initianten der Einheitskasse einsparen. 300 Millionen entfallen auf Werbeausgaben und Kosten für Kassenwechsel, die mit einer einzigen Kasse nicht mehr anfallen. Weitere zwei Milliarden sollen gespart werden, indem die Behandlung von chronisch Kranken besser koordiniert wird. «Mit der Förderung von koordinierten Versorgungsprogrammen und Prävention können pro Jahr bis zu zwei Milliarden eingespart werden», steht im Argumentarium für die Einheitskasse, über die wir am 28. September abstimmen. Managed Care heisst das Stichwort.

Allerdings hat die gleiche Linke, die nun für die integrierte Versorgung wirbt, vor zwei Jahren gegen die Managed-Care-Vorlage des Parlaments das Referendum ergriffen und die Reform mithilfe der Ärzteschaft sowie der SVP zum Absturz gebracht. Wie begründen die Initianten diese Kehrtwende?

Die Parlamentsvorlage habe die «Versicherungslogik» vertreten, sagt SP-Vizepräsidentin Jacqueline Fehr. Versicherte wären in Managed-Care-Modelle gedrängt worden, weil sie für die freie Arztwahl ausserhalb dieser Modelle mehr Selbstbehalt bezahlt hätten. Nun gehe es darum, die «Behandlungslogik» anzuwenden. Ziel sei es, dass die öffentliche Kasse gemeinsam mit den Leistungserbringern – Ärzte, Spitäler, Ernährungsberater, Physiotherapeuten – bessere und effizientere Behandlungspfade er­arbeite. Vorbild seien etwa die existierenden Standards für Aids-Kranke, die durch die ärztlichen Fachgesellschaften gemeinsam definiert worden seien. Für die Patienten und Ärzte bleibe Managed Care auch in der öffentlichen Krankenkasse aber freiwillig, betont Fehr.

«Den Hausarzt aufzwingen»

Die Gegner der Einheitskasse glauben ­jedoch nicht an diese Freiwilligkeit. Alarmiert sind jene Ärzte, die bereits heute in der integrierten Versorgung arbeiten. An die Stelle der Vielfalt von Versicherungsmodellen werde ein einziges, staatliches Managed-Care-Modell treten, sagt Felix Huber, Verwaltungsratspräsident des Ärztenetzes Medix. «Die Folge wären staatlich verordnete Behandlungsprogramme», warnt Huber. «Die Einheitskasse soll den Versicherten einen Hausarzt aufzwingen und sie durch das Gesundheitswesen steuern.» Im geltenden System würden verschiedene Krankenkassen mit einer Vielzahl von Ärztenetzwerken Verträge aushandeln. Die Konkurrenz bringe Innovationen hervor und auf die Patienten ausgerichtete Modelle. Zudem seien Einsparungen von zwei Milliarden nur möglich, wenn Leistungen rationiert würden, sagt Huber.

Allerdings gewähren heute die Kassen jenen Versicherten, die sich einem Managed-Care-Modell anschliessen, Prämienrabatte von 10 bis 20 Prozent, was zumindest die Zielsetzung der Initianten erklären lässt. Fraglich ist aber, ob sich unter einer Einheitskasse die integrierte Medizin flächendeckend durchsetzt. Denn im Initiativtext steht nichts über Managed-Care-Medizin. Die Initiative schreibt lediglich vor, dass die Grundversicherung über eine einzige öffentlich-rechtliche Einrichtung abgewickelt wird statt über mehrere private Krankenkassen. Ob Managed Care mit der Einheitskasse gefördert würde, hätte das Parlament zu entscheiden.

Bürgerliche machen kaum mit

Die bürgerliche Mehrheit dürfte jedoch bei einem Ja zur Einheitskasse kaum auf die Wünsche der Initianten eintreten. Die SVP hatte 2012 bereits die Parlamentsvorlage mit der Begründung bekämpft, die integrierte Medizin nehme den Patienten die freie Arztwahl und damit «den letzten Rest an Freiheit». Und die damaligen Befürworter aus CVP und FDP werden den Einheitskassen-Initianten nicht entgegenkommen, nachdem diese vor zwei Jahren die Managed-Care-Reform versenkt haben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.09.2014, 07:43 Uhr

Krankenversicherungen

«Ein Dutzend Kassen sind genug»

Auch nach einem Nein zur Einheitskasse dürfte die Anzahl Krankenkassen weiter zurückgehen.

1996, bei der Einführung des Krankenversicherungsgesetzes, gab es 146 Krankenkassen. Heute sind es noch 62. Und auch ohne Einheitskasse werden weitere verschwinden. Gesundheitsökonom Heinz Locher geht im Fall einer Ablehnung der Einheitskasseninitiative von einer anhaltenden Konzentration aus und hält diese für zwingend. Heute gebe es zwar formal rund 60 Kassen. Berücksichtige man aber, dass die grossen Konzerne drei bis vier Kassen unter einem Dach vereinten, seien es faktisch noch rund 20, denen rund 90 Prozent der ­Versicherten angehörten. Die restlichen kleinen Kassen seien «Folklore». Sie haben auf die Gesundheits- und Tarifpolitik keinen Einfluss, sondern stützen sich auf die beiden Branchenverbände und deren Tariforganisationen.

Locher hält 10 bis 12 Kassen für ausreichend, um für die nötige Effizienz in der Versicherungsbranche zu sorgen. Eine solche Zahl genüge auch, um die Kassenvielfalt und eine gewisse Differenzierung des Serviceangebots zu gewährleisten. Locher, ein Gegner der Einheitskasse, steht der heutigen Rolle der Kassen kritisch gegenüber. Die Kassen träten nicht als marktgestaltende Vertragspartner auf, Gleiches gelte für Leistungserbringer wie die Ärzteschaft. «Dieses Versagen als Vertragsparteien wird zwangsläufig zu noch grösserem Einfluss des Staats führen.» Beispiel dafür sei Bundesrat Alain Bersets Eingreifen in den ­Tarifstreit um die Abgeltung von Haus- und Spezialärzten.

Auch gehe von den Kassen keine Innovation mehr aus. Einst sei es die Winterthurer Krankenkasse KFW gewesen, die die ersten HMO-Kliniken initiiert habe. Leider sähen es die Kassen aber nicht mehr als ihre Aufgabe, Gesamtverantwortung für die Gesundheitsversorgung zu übernehmen. Locher erhofft sich künftig einen Wettbewerb unter gut einem Dutzend Kassen, die vom Bund regulatorische Auflagen erhalten. Diese könnten in einzelnen Bereichen strenger sein als heute. Solche Auflagen müssten verhindern, dass Kassen mit elektronischen Hürden ältere Versicherte fernhielten oder sie die Patienten ihre Medikamente zuerst selber zahlen liessen und so chronisch Kranke abwimmelten. (bro)

(Tages-Anzeiger)

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