Warum die Managed-Care-Vorlage scheiterte

Eine Studie hat festgestellt, dass in erster Linie die Einschränkung in der Arztwahl die Wähler bei der Managed-Care-Vorlage abschreckte. Zudem hielten sich viele Parteigänger nicht an die Parolen ihrer Parteien.

Nicht so stark von der Parteizugehörigkeit abhängig: Das Wahlverhalten bei der Managed-Care-Vorlage.


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Es war vor allem die Sorge um die freie Arztwahl, die die Managed-Care-Vorlage zu Fall brachte. Viele Stimmende sahen aber ohnehin keine Vorteile im neuen Modell und glaubten auch nicht, dass es ihnen tiefere Prämien bescheren würde.

Dies ist das Ergebnis der heute veröffentlichten VOX-Analyse zum Urnengang vom 17. Juni, bei dem auch über die Staatsvertragsinitiative und über eine Bausparinitiative abgestimmt worden war. Managed Care sorgte allerdings für die grösste Überraschung, wurde die Vorlage doch mit wuchtigen 76 Prozent Nein-Stimmen verworfen.

Ablehnung bei SVP-Anhängern am grössten

Mit 87 Prozent am deutlichsten Nein sagten gemäss VOX-Analyse die Parteigänger der SVP, deren Fraktion der Vorlage in den eidgenössischen Räten noch zugestimmt hatte. Bei der CVP betrug der Nein-Anteil 68 Prozent, bei der FDP 72, obwohl beide Parteien die Ja-Parole ausgegeben hatten. Informationen zum Wahlverhalten der kleineren Parteien wie den Grünen, BDP oder den Grünliberalen sind nicht bekannt.

Die Haltung zur Gesundheitsreform im Generellen und zum Managed-Care-Modell im Speziellen war offensichtlich nicht von der Parteiverbundenheit abhängig. Dazu kommt, dass es selbst denjenigen, die sich üblicherweise an den Parteistandpunkten orientieren, angesichts der teilweise grossen Uneinigkeit innerhalb der jeweiligen Parteien schwer gefallen wäre, parteikonform zu entscheiden.

Zu komplex

Auch positive Erfahrungen konnten die Vorlage nicht retten: Nur jeder dritte Stimmberechtigte, der bereits in einem Ärztenetzwerk versichert war, legte ein Ja in die Urne. Die VOX-Analyse kommt auch zum Schluss, dass der Kenntnisstand der Stimmenden nicht ungewöhnlich tief war. Der Mangel lag in der Vorlage selber: Diese hatte zahlreiche unterschiedliche Aspekte, von welchen die Stimmenden nur einzelne als Entscheidungsgrundlage heranzogen.

Dazu gehörte allem voran die Furcht vor der Einschränkung der freien Arztwahl. Fast drei Viertel der Befragten waren überzeugt, dass Managed Care genau dazu führen würde. Fast zwei Drittel glaubten ausserdem, dass die Gesundheitskosten für sie ohnehin weiter ansteigen würden.

Tiefer Graben

Nicht besser erging es der Staatsvertragsinitiative der Auns. Laut VOX-Analyse verlief der Graben zwischen Befürwortern und Gegnern in etwa zwischen SVP-Anhängern und dem Rest der Stimmenden. Die Gegner führten vor allem ins Feld, dass das Stimmvolk mit zusätzlichen Abstimmungen überfordert würde.

70 Prozent der Befragten waren der Ansicht, dass das Schweizer Stimmvolk schon jetzt über die wichtigsten aussenpolitischen Belange entscheiden kann. Gemäss der Untersuchung genossen aber gewisse Argumente der Initianten grössere Sympathie, als es der deutliche Abstimmungsausgang von 75,3 Prozent Nein vermuten lässt.

Ebenfalls eine Abfuhr erlitt die Bausparinitiative des Hauseigentümerverbands. Bei dieser verlief der Bruch nicht entlang der Parteigrenzen. Wichtiger war gemäss VOX-Analyse der persönliche Nutzen, den man sich von der Vorlage versprach. War dieser hoch, stieg auch die Zustimmung, war er unwichtig, wurde das Volksbegehren wahrscheinlich abgelehnt.

Für die VOX-Analyse hat das Forschungsinstitut GfS Bern innerhalb von 15 Tagen nach der Abstimmung 1507 stimmberechtigte Personen aus allen drei Landesteilen befragt. Die Analyse führte das Institut für Politikwissenschaft der Universität Bern durch. (ses/sda)

Erstellt: 10.08.2012, 11:29 Uhr

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