Hintergrund

Warum die Rega ins Rotieren kommt

Der TCS bietet neu auch Rettungsflüge an und konkurrenziert die Rega. Diese wehrt sich heftig und erhebt den Vorwurf der Rosinenpickerei.

Die Rega, nationales Symbol seit 60 Jahren, könnte Konkurrenz bekommen: Helikopter am Hauptquartier der Rega in Kloten (Symbolbild).

Die Rega, nationales Symbol seit 60 Jahren, könnte Konkurrenz bekommen: Helikopter am Hauptquartier der Rega in Kloten (Symbolbild). Bild: Keystone

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Die Schweizerische Rettungsflugwacht (Rega), nationales Symbol seit 60 Jahren und verlässliche Retterin von ­Menschen in Not, setzt sich zur Wehr. Vordergründig geht es dabei um ein neues Angebot des Touring Club Schweiz (TCS), der ab dem Aargauer Flugplatz Birrfeld neuerdings seinen einzigen Helikopter auch für Rettungsflüge bei Unfällen zum Einsatz bringt. Das Schweizer Fernsehen (SRF) berichtete am Montag über diese «unmittelbare Konkurrenz», die der Rega mit ihren zwölf Heli-Basen gar nicht passe. Hinter den Kulissen kämpfe die Rega «mit allen Mitteln gegen den neuen, ungeliebten Konkurrenten». Erstaunt nehmen dabei mehr als 2,4 Millionen Rega-Gönner und rund 1,6 Millionen TCS-Mitglieder zur Kenntnis, dass sich da zwei Organisationen in den Haaren liegen, die über beachtliche Traditionen verfügen.

An der Spitze der Rega steht dabei ein Mann, der sich mit Leib und Seele für die Belange seines erfolgreichen ­Unternehmens einsetzt, das eine gemeinnützige Stiftung ist: CEO Ernst Kohler. Er wehrt sich gegen die von TCS-Generaldirektor Stephan Grötzinger befeuerte Ansicht, bei der Luft­rettung handle es sich um einen Markt, dem Konkurrenz gut anstehe. Der TCS führt als Beweis für seine belebende Konkurrenz seinen um etwa einen Fünfliber günstigeren Flugminutenpreis von 82 Franken an. Auch dagegen setzt sich Kohler zur Wehr.

Erfolgreiches Modell verteidigt

«Aus unserer Sicht bringen Doppelspurigkeiten in der Luftrettung keinen Mehrwert für die Bevölkerung und für die Patienten. Im Gegenteil, mittelfristig leiden Qualität und Sicherheit», sagt Kohler im Gespräch mit der BaZ. Die Rega versorge die Bevölkerung bis in den hintersten Winkel des Landes und leiste damit einen wichtigen Service ­public – zum Nulltarif für den Staat und damit für den Steuerzahler.

Kohlers Sorge betrifft aber vielmehr das Fundament, auf dem das Erfolgsmodell Rega nach finanziell leidvoller Erfahrung in den 60er-Jahren auf­gebaut ist: Eine kostenintensive und ­eigentlich defizitäre Dienstleistung an Patienten und Verunglückten medizinisch, logistisch und finanziell erfolgreich zu betreiben. Hintergründig geht es im Zwist zwischen Rega und TCS also um nichts weniger als um das Aufrechterhalten einer Spitzenleistung, für die es in keinem anderen Land vergleich­bare Werte gibt.

Qualität der Rega ohne Gönner undenkbar

Die Rega erreicht jeden Unfallort im Land in 15 Flugminuten. Für sie arbeiten 40 Helikopterpiloten als Teil einer Belegschaft von 321 Angestellten. Dazu kommen 140 Notärzte, die im Rotationsprinzip auf den Basen Dienst tun. In der Schweiz verfügt die Rega über einen Helikopter pro 500 000 Einwohner. In Deutschland kommt einer auf eine Million. Bei über 8000 Menschen in Not flog vergangenes Jahr ein Rega-Heli an. «Unsere Heli-Basen bringen pro Jahr je ein Defizit von zwei bis drei Millionen Franken», sagt Rega-Chef Kohler. Trotzdem steht die Rega dank den Gönnerbeiträgen finanziell kerngesund da.

Andernorts leisten defizitäre Staaten Millionenbeihilfen für einen Service, der nicht annähernd den Standard der Rega erreicht. Da gilt es, den Erfolg zu verteidigen, vorab im Interesse der Patienten, aber auch im Interesse der staatlichen Gesundheitsversorgung. «Die Grundversorgung durch die Rega kostet den Staat und die Kantone heute keinen Franken und erfolgt auf Top-­Niveau», sagt Kohler.

«Wenn nun ­einzelne Anbieter beginnen, Rosinen zu picken, dann fehlt irgendwann das Geld und auch das Know-how, um die Grundversorgung auch in entlegenen Berg­tälern sicherzustellen. Wir sind überzeugt, dass dies zum Nachteil der Be­völkerung und der Patienten ist.» Ohne das starke Fundament der Gönner seien das dichte Einsatznetz und die Qualität der Rega in ihrer heutigen Form undenkbar. Wenn sich eigennützige, kommerzielle Organisationen aus diesem Service pub­lic nun Vorteile verschaffen, werde diese umfassende Grundversorgung untergraben.

Kein Ausbau der Notfallflüge

Der TCS gab sich aufgrund der entstandenen Aufregung gestern bemüht, keinen weiteren Staub aufzuwirbeln. Notfalleinsätze am Unfallort, sogenann­te Primäreinsätze, stünden für den TCS nicht an erster Stelle, sagt Kommunikationschef Moreno Volpi. «Der TCS will die Rega bei den Primäreinsätzen nicht konkurrenzieren, die Rega macht da einen sehr guten Job.» Dies hindere den TCS aber nicht daran, zu helfen, wenn es um Leben und Tod gehe und wenn sein Helikopter im Kanton Aargau am nächsten bereitstehe.

Nach Volpi plant der TCS keinen Ausbau der Primärrettung. Für den TCS stünden Sekundärtransporte seiner Mitglieder im Vordergrund, also der Transport und die Repatriierung von TCS-Versicherten in Schwierigkeiten. Hier plant der TCS einen Ausbau.

Kohler sagt dazu für die Rega: «Wir gehen davon aus, dass andere Dienstleister erkennen werden, dass sich mit Rettungsflügen kein Geld verdienen lässt – schon gar nicht dann, wenn man diese als Teil der Grundversorgung der Bevölkerung anbietet.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 24.04.2013, 10:53 Uhr

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