Warum die Rentenreform abstürzte

Die Auswertung der Tamedia-Nachbefragung zeigt, wer mehrheitlich Nein sagte.

Plakat der Gegner zur Altersvorsorge 2020 in Hunzenschwil. Bild: Keystone/Walter Bieri

Plakat der Gegner zur Altersvorsorge 2020 in Hunzenschwil. Bild: Keystone/Walter Bieri

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War es primär die ordnungspolitische Disziplin des Schweizer Stimmvolks, die zum Scheitern der Altersvorsorge 2020 führte? So jedenfalls interpretiert es die FDP-Präsidentin Petra Gössi: Die Mehrheit der Bevölkerung wolle keinen Ausbau der AHV um 70 Franken, erklärte Gössi im Interview mit dem TA. Die Tamedia-Nachbefragung legt allerdings nahe, dass die Motivation der Nein-Stimmenden vielschichtiger gewesen sein könnte.

Wie die über 10'000 ausgewerteten Antworten nämlich zeigen, beurteilten Frauen die Reform deutlich skeptischer als Männer. Hätten am Sonntag nur Männer abgestimmt, wären die zwei miteinander verknüpften Vorlagen womöglich durchgekommen: Das Paket mit den Gesetzesänderungen wurde von 51 Prozent der männlichen Umfrageteilnehmer gutgeheissen, die höhere Mehrwertsteuer zugunsten der AHV von 54 Prozent. Bei den Frauen hingegen kam die Zusatzfinanzierung nur auf einen Ja-Anteil von 46 Prozent, die eigentliche Reformvorlage gar nur auf 42 Prozent.

Zwar wurde in der Umfrage nicht erhoben, welches Argument den Ausschlag für die eine oder die andere Entscheidung gab. Die Skepsis der Frauen scheint allerdings ein Indiz dafür zu sein, dass die radikale Linke mit ihren Narrativen durchaus Anklang fand: Für Frauen hätte die Reform sehr viel direktere Auswirkungen gehabt als für Männer, wäre doch ihr Rentenalter von 64 auf 65 Jahre gestiegen. Diese Erhöhung vor allem war es, die den Widerstand von links aussen befeuerte.

Je jünger, desto skeptischer

Bei den Jungen wiederum haben FDP und SVP offenbar den Nerv getroffen. Hier ist der Trend eindeutig: Je jünger die Stimmberechtigten, desto eher legten sie ein Nein ein. Von den 18- bis 34-Jährigen äusserten sich nur 43 Prozent positiv zu den beiden Vorlagen. Mit zunehmendem Alter steigt der Ja-Stimmen-Anteil kontinuierlich. Bei den 50- bis 64-Jährigen hat zumindest die Zusatzfinanzierung eine Mehrheit (53 Prozent), bei den über 65-Jährigen sind es sogar beide Vorlagen: 57 Prozent für die höhere Mehrwertsteuer, 53 Prozent für das Reformpaket.

Infografik: Frauen und Jüngere haben beide AHV-Vorlagen abgelehnt Grafik vergrössern

In der Kampagne der bürgerlichen Gegner wurden die Jungen als Hauptbetroffene gezielt umworben, insbesondere von den Jungfreisinnigen: Die Generation der unter 30-Jährigen müsse am meisten bluten, da ihr mehr vom Lohn abgezogen werde und sie noch am längsten zu arbeiten habe. Überdies mache der vorgeschlagene AHV-Ausbau in Zukunft noch umfangreichere, schmerzhaftere Reformen notwendig. Die Nachbefragung zeigt, dass diese Argumentation verfangen haben könnte. Mit den Frauen und den Jungen hätten somit die zwei am schwerwiegendsten betroffenen Gruppen das Nein herbeigeführt – wenn auch Erstere aus eher «linken», Letztere aus «rechten» Motiven heraus.

Kein Neid auf die eigenen Enkel

Umgekehrt scheint das rechtsbürgerliche Lager bei der Generation der Pensionierten nicht durchgedrungen zu sein. Im Abstimmungskampf wurden die heutigen Rentner von FDP und SVP als Benachteiligte hingestellt, da nur Neurentner die 70 zusätzlichen AHV-Franken bekommen hätten. Die ältere Generation missgönnte ihren Kindern und Enkeln diesen Zustupf aber offenbar nicht, wie die Umfrage zeigt.

Im Weiteren förderte die Nachbefragung folgende Befunde zutage:

  • Grosse Parteientreue: Die Parteien hatten ihre Gefolgsleute bei der Abstimmung gut im Griff. So hiess die Anhängerschaft von CVP, SP, Grünen, Grünliberalen und BDP die Reform mehrheitlich gut – am deutlichsten jene der SP mit 74 Prozent (Gesetzespaket) respektive 76 Prozent (Mehrwertsteuer). Die Basen von FDP und SVP wiederum sagten Nein. Bemerkenswerterweise zeigte sich just bei der FDP, die den Kampagnenlead innehatte, die deutlichste innerparteiliche Spaltung: Das Gesetzespaket fand hier immerhin 39 Prozent Zustimmung, die Mehrwertsteuer gar 43 Prozent. Grosse Geschlossenheit zeigte dagegen die SVP.
  • Stadt-Land-Graben: Die Bewohner der Städte waren dem Projekt gewogener als die ländlichen Gebiete. Die Städte unterstützten die Reform mit 53 (Gesetzespaket) respektive 55 Prozent (Mehrwertsteuer). Die Landgebiete kommen hier nur auf Werte von 43 und von 47 Prozent. Die Werte der Agglomerationen liegen in der Mitte – ziemlich nahe bei den Endergebnissen der Volksabstimmung (46 und 50 Prozent).
  • Skeptische Geringverdiener: Wer 7000 Franken und mehr verdient, stimmte der Reform tendenziell zu. In den Gehaltskategorien darunter hingegen dominierte die Ablehnung. Vor allem die Mehrwertsteuervorlage stiess bei Geringverdienern auf Widerstand.
  • Gebildete sagten Ja: Unter Universitätsabgängern liegt die Ja-Stimmen-Quote bei rund zwei Dritteln. Exakt umgekehrt verhält es sich bei jenen, die nur die obligatorische Schule hinter sich gebracht haben.

Video: Wie weiter in der Rentenfrage?

Politologe Lukas Golder erklärt im Interview, wo er Chancen für einen Erfolg sieht. (Key-SDA) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.09.2017, 22:24 Uhr

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