Warum sich viele Opfer nicht melden

Nur etwa 20 Prozent der Missbrauchsopfer in der Schweiz erstatten Anzeige. Einer der Gründe dafür ist gemäss einem Bericht des Bundesrats das «mangelnde Vertrauen in die Polizei und die Justizbehörden».


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Wie oft in der Schweiz schwere Sexualdelikte begangen werden, lässt sich aufgrund der hohen Dunkelziffer nur schätzen. Einen wichtigen Hinweis auf die Häufigkeit derartiger Übergriffe liefert die polizeiliche Kriminalstatistik. Sie zeigt auf: Die Polizei hat in den letzten vier Jahren im Durchschnitt wöchentlich 25 Anzeigen wegen sexueller Handlungen mit Kindern erhalten, wie die «SonntagsZeitung» in ihrer heutigen Ausgabe schreibt. Total gingen demnach im vergangenen Jahr 1203 Anzeigen ein. Das entspricht einer leichten Abnahme: 2011 wurden 1403 Fälle gemeldet. Im Jahr zuvor waren es 1133 Anzeigen, und 2009 gar 1526.

Sexuelle Handlungen mit Kindern beinhalten sexuelle Missbräuche jeder Art an unter 16-Jährigen durch Erwachsene oder durch Jugendliche. Diese Anzeigen machen gemäss «SonntagsZeitung» rund die Hälfte aller Anzeigen wegen schwerer Sexualdelikte aus. Die Zahlen der Kriminalstatistik verdeutlichen weiter: Im Wochendurchschnitt werden auch zwölf sexuelle Nötigungen, elf Vergewaltigungen sowie drei Schändungen gemeldet.

Doch die weitaus grösste Zahl ist jene, die nicht in der Statistik erscheint: Denn 80 Prozent der schweren Sexualdelikte werden der Polizei nicht gemeldet. Zu diesem Schluss kommt ein Bericht des Bundesrats. Und dieser birgt Zündstoff: Das Schweigen der Opfer liege auch am «mangelnden Vertrauen in die Polizei und die Justizbehörden», heisst es dort. Voraussetzung dafür, dass mehr Sexualstraftäter verurteilt werden, wäre demnach ein zunehmendes Vertrauen. Auch mehrere Opferanwälte monieren gemäss «SonntagsZeitung», dass nicht zuletzt mangelhafte Polizeiarbeit Sexualstraftäter ungeschoren davonkommen lässt. So nennen sie etwa Vergewaltigungsfälle, in denen der offensichtliche Täter freigesprochen wurde, weil das Gericht von den Aussagen des Opfers nicht überzeugt war.

Meldungen nicht ernst genommen

Verheerend sei, wenn sich die Opfer von der Polizei nicht ernst genommen fühlten, sagt Psychologin Regula Schwager von der Beratungsstelle Castagna. Zwar verhielten sich die meisten Beamten korrekt. Dennoch gebe es auch Opfer, die stark verunsichert würden: «Wieso hätte er das tun sollen?», sei beispielsweise eine junge Frau gefragt worden. Sogar bei sexuellen Handlungen mit Kindern würden Meldungen manchmal nicht ernst genommen, weiss Monika Egli-Alge, Leiterin des Forensischen Instituts Ostschweiz. So hätten Polizisten gelegentlich den Eindruck, die Kinder hätten nur ein wenig «dökterlet».

Kathrin Wandeler von der Kantonspolizei Solothurn schildert in der «SonntagsZeitung», wie ein korrekter polizeilicher Ablauf nach einer entsprechenden Meldung auszusehen hat. Denn die ersten Stunden nach einer Tat seien massgeblich, um später erfolgreich prozessieren zu können. Erhalten die speziell geschulten Solothurner Polizistinnen einen Pager-Alarm, stehe die Anweisung der Patrouille vor Ort an erster Stelle: Das Opfer darf nicht duschen, nicht auf die Toilette gehen und nicht trinken oder rauchen. Kurz: Die Spuren dürfen nicht verwischt werden.

Danach erfolge die Untersuchung im Spital, bei der die für den Prozess wichtigen DNA-Spuren sichergestellt werden. Dabei würden auch Verletzungen fotografiert. Erst nach der zweistündigen Untersuchung erfolge die Befragung. Die ersten Aussagen des Opfers seien zentral für einen Schuldspruch vor Gericht. Deren Qualität entscheide darüber, ob eine seriöse Aussage zur Glaubhaftigkeit des Opfers gemacht werden könne, sagt Christoph Ill, St. Galler Staatsanwalt und stellvertretender Leiter des Luzerner Kompetenzzentrums für Forensik und Wirtschaftskriminalität. Wichtig sei, dass die Opfer in eigenen Worten und ausführlich erzählten, was geschehen sei. «Ein häufiger Fehler ist, dass ein Fragenkatalog heruntergerattert wird und Mehrfachfragen gestellt werden», hält Henriette Haas, Professorin für Forensische Psychologie an der Universität Zürich, fest.

Viel Überwindung

Doch wie könnten mehr Opfer dazu bewegt werden, ihr Schweigen zu brechen? Dass sie mehrfach vor fremden Leuten ausführen müssten, was sich ereignet habe, brauche viel Überwindung, sagt Rechtsmedizinerin Corinna Schön. Zudem mangle es an der Aufklärung. Viele Opfer wüssten nicht, welche Möglichkeiten sie haben. Unabhängig davon, ob sie später Anzeige erstatten oder nicht, sei es wichtig, dass die Frauen oder Kinder sich innerhalb von 72 Stunden medizinisch untersuchen lassen. (rbi)

Erstellt: 28.04.2013, 12:18 Uhr

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