Warum wir so reich sind

Die Schweiz funktioniert dank der Berufslehre – die Matura ist kein Garant mehr für eine Karriere. Ein Hoch auf den dritten Bildungsweg.

Eine angehende Pflegefachfrau zeigt an den Zentralschweizer Berufsmeisterschaften 2017 ihr Können. Foto: Alexandra Wey (Keystone)

Eine angehende Pflegefachfrau zeigt an den Zentralschweizer Berufsmeisterschaften 2017 ihr Können. Foto: Alexandra Wey (Keystone)

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Derzeit erleben wir in der Schweiz die Berufsbildungswoche. In den Berner Expo-Hallen finden die Swiss Skills 2018 statt, die schweizerischen Berufsmeisterschaften.

Eltern, Lehrpersonen und wirtschaftlich Interessierte sollten den Einblick in die Vielfalt und Exzellenz des dualen Berufsbildungssystems nicht verpassen. Insgesamt präsentieren sich 135 Berufe mit eidgenössischem Abschluss. 75 Berufe organisieren vor Publikum die mehrtägigen Berufsmeisterschaften mit 900 jungen Berufsleuten.

Es ist die grösste Berufsschau der Welt, welche die Konkurrenzfähigkeit und Innovation der Schweizer Wirtschaft vor Augen führt. Die temporäre Einrichtung dieser gewaltigen Lernfabrik ist eine Riesenleistung der Gewerbe- und Berufsverbände.

Besucher der Berufsmeisterschaften erleben dort augenfällig, warum wir so reich sind. Unser Reichtum hängt nicht bloss am Seil der weltweit bekannten Schweizer Konzern-Flaggschiffe, die hier zwar auch Berufsleute ausbilden, aber heute je über 80 Prozent ihres Personals im Ausland halten.

Nein, 68 Prozent aller Arbeitsplätze in der Schweiz finden sich in jenen über 300'000 kleineren und mittleren Unternehmen (KMU), die sich mit dem Qualitätsgaranten der Berufslehre wettbewerblich und innovationsmässig behaupten. Sie stellen 87 Prozent aller Lehrstellen bereit und bilden das stabilisierende Rückgrat der Schweizer Wirtschaft. Sie garantierten bisher auch die stabile Einkommensverteilung. Denn der hohe Einkommensdurchschnitt eines Landes ergibt sich rechnerisch nicht aus der Spitze, sondern aus der Breite.

Die Schweiz funktioniert

Wer vom Ausland in die Schweiz heimkehrt, erlebt es immer neu: Die Schweiz funktioniert! Dieser Minimalkonsens von links bis rechts ist quasi unsere verbliebene gemeinsame Identität.

Die Schweiz funktioniert dank der Berufslehre. Zwei Drittel aller Jugendlichen in der Deutschschweiz beginnen ihre Berufskarriere mit einer Berufsbildung. Die helvetische Arbeitskultur von Präzision, Zuverlässigkeit, Pflichtbewusstsein, Termintreue erlernt und übt man früh im Lehrbetrieb. Die Kombination von praktischer Kompetenz im Betrieb und theoretischem Wissen aus der Berufsfachschule und den überbetrieblichen Kursen mobilisiert und qualifiziert auch die praktische Intelligenz bei Jugendlichen.

Nach der beruflichen Grundbildung mit Lehrabschluss absolviert rund die Hälfte Weiterbildungen: mit einer Berufsmaturität zur Fachhochschule (Tertiär A) oder mit Höherer Berufsbildung (Tertiär B) in die berufliche Spezialisierung als mittlere Kader, Techniker oder Teamchefs. Wir haben ein allseits durchlässiges Bildungssystem nach dem Prinzip «kein Abschluss ohne Anschluss».

Diese Fachleute mit Tertiärbildung und vorangehender Berufslehre sind zahlenmässig die begehrtesten Fachkräfte in der Wirtschaft. Die Höhere Berufsbildung wird oft verkannt, aber sie ist heute das wichtigste Vehikel für den raschen Transfer der neuesten Technologien und Digitalkompetenzen in die KMU-Wirtschaft.

Viele Eltern wissen das nicht. Manche forcieren ihre Jungen ins Gymnasium, in die Kantonsschule, selbst wenn diese längst schulmüde sind und nach neun Schuljahren mal etwas Praktisches tun möchten. Der Eintritt ins Gymnasium ist heute kein Garant mehr für eine Berufskarriere.

Schule unter Reformdruck

Ich erfahre an Elternabenden in städtischen Schulen immer wieder, wie Eltern aus Deutschland oder hiesige Akademiker die Lehrerschaft beschimpfen, weil sie ihre Jungen nicht fürs Gymi empfehlen. Solche Kampfeltern kennen unser durchlässiges Bildungssystem nicht und halten die Berufslehre als Karriere-Sackgasse. Unsere Bildungselite wertschätzt die Berufsbildung wenig – und feiert sich selbst.

Freilich hat auch das Berufsbildungssystem seine Schwächen und steht unter Reformdruck. Digitalisierung und Sprachkompetenz in Deutsch und technischem Englisch erfordern überarbeitete Lehrpläne und neue Konzepte.

Nach Jahren des Winterschlafs hat auch die Bundespolitik ihr Interesse für die Berufsbildungsreform wiederentdeckt. Das Departement von Bundesrat Johann Schneider-Ammann muss nun auf Begehren der Bildungskommission des Nationalrats konkretisierende Reformpläne vorlegen. Der Departementschef, der sehr viel für das gesellschaftliche Prestige der Berufslehre im In- und Ausland geleistet hat, konnte seine Begeisterung für die Berufsbildung weder in seinem Departement noch bei der Entwicklungszusammenarbeit des EDA zur Geltung bringen.

Die letztjährigen Grosserfolge der Schweizer Berufsbildung an den World Skills 2017 in Abu Dhabi haben auch in der Politik die nötige Beachtung und Reformbereitschaft wiedererweckt. Immerhin.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2018, 15:50 Uhr

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