Was bei einem Coronavirus-Ausbruch in der Schweiz passiert

Wie gehen die Kantone vor, wenn sich Menschen mit dem neuen Virus anstecken? Die Antworten sind erstaunlich.

Eine Forschergruppe aus Hongkong hat errechnet, dass es schon am 25. Januar in Wuhan 76’000 Fälle gegeben haben müsse: Isolationsabteilung in einem Spital in der chinesischen Provinz Anhui. Foto: Feature China/Barcroft Media (Getty Images)

Eine Forschergruppe aus Hongkong hat errechnet, dass es schon am 25. Januar in Wuhan 76’000 Fälle gegeben haben müsse: Isolationsabteilung in einem Spital in der chinesischen Provinz Anhui. Foto: Feature China/Barcroft Media (Getty Images)

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Quarantäne, Abriegelung, Isolation: Weltweit treffen Behörden strenge Massnahmen, um die Verbreitung des neuen Coronavirus einzudämmen. Dass es auch in der Schweiz bald erste Fälle gibt, ist sehr wahrscheinlich.

Wer entscheidet dann, was mit den Patienten geschieht? Leiden die Betroffenen an einer schweren Lungenentzündung, ist der Fall klar. Das medizinische Personal betreut sie in einem Isolationszimmer im Spital. Doch was geschieht, wenn ein Infizierter, wie bei diesem Coronavirus auch möglich, selbst nicht schwer erkrankt?

In Bayern sassen letzte Woche vier Infizierte während Tagen ohne nennenswerte Symptome in einer Münchner Klinik und langweilten sich. Trotzdem schätzten die Behörden diese Massnahme als wichtig ein, weil es im Moment vor allem darum gehe, weitere Ansteckungen zu verhindern und die Bevölkerung nicht zu beunruhigen.

Der Föderalismus steht über allem

Auf die Frage, was man in der Schweiz in einem solchen Fall tun würde, gab der Infektiologe Pietro Vernazza am Montagabend im Schweizer Fernsehen zum Vorgehen im Kanton St. Gallen eine erstaunliche Antwort: «Wenn es eine milde Form der Erkrankung ist, würden wir den Patienten wie jeden anderen Patienten mit einer Atemwegserkrankung zu Hause weiterbetreuen», sagte er im Gesundheitsmagazin «Puls».

Beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) möchten die Zuständigen diese Aussage nicht kommentieren. Es ist wie so oft in der Schweiz: Auch beim Umgang mit dem neuen Coronavirus steht der Föderalismus über allem. «Die einzelnen Kantone sind zuständig dafür, die Massnahmen bei bestätigten Fällen umzusetzen», sagt Patrick Mathys, stellvertretender Leiter der Abteilung für übertragbare Krankheiten. Zwar gebe das BAG gewisse strategische Rahmenbedingungen vor, die Umsetzung aber liege bei den Kantonen, also den kantonsärztlichen Diensten.

«Wir können die Infektionen kaum mehr aufhalten.»Pietro Vernazza, Chefarzt Infektiologie Kantonsspital St. Gallen

Bei 26 Kantonen kämen so im Extremfall 26 unterschiedliche Notfallszenarien zusammen. Das BAG selbst ist mit den Grenzärzten nur an den internationalen Schweizer Flughäfen für die Betreuung möglicher Patienten zuständig, bevor diese Schweizer Boden betreten.

Nicht alle Kantonsärzte teilen die Einschätzung Vernazzas. Im Kanton Zürich haben die Verantwortlichen vor, jeden Infizierten – egal, wie mild seine Symptome sind – in einem Isolationszimmer im Spital zu behandeln und mögliche Kontaktpersonen in Quarantäne zu setzen. Ein ähnliches Vorgehen plant auch der Kanton Basel-Stadt. «Das wird fallbezogen entschieden», sagt Kantonsarzt Thomas Steffen. Wegen der besonderen Situation, des erhöhten Bedarfs für Monitoring und des öffentlichen Interesses rechne er aber damit, dass die Hospitalisation am «realistischsten und zweckmässigsten» wäre.

Pietro Vernazza, Chefarzt der Infektiologie am Kantonsspital St. Gallen, schätzt die Lage grundsätzlich anders ein. «Wir können die Infektionen mit dem neuen Coronavirus kaum mehr aufhalten», sagt er. Doch die Krankheit verlaufe in vielen Fällen auch nicht so schwer, wie das den Anschein mache. «Wir sehen nur die Spitze des Eisbergs.»

Noch herrscht keine Klarheit darüber, wie gefährlich das neue Coronavirus tatsächlich ist. Vernazza bezieht sich auf eine Studie im Fachmagazin «Lancet», die Ende letzter Woche erschienen ist. Eine Forschergruppe aus Hongkong hat darin errechnet, dass es schon am 25. Januar in Wuhan 76’000 Fälle gegeben haben müsse. Falls die Zahlen stimmen, gäbe es tatsächlich vielfach einen milden Verlauf, und die Todesrate würde tiefer liegen als die momentan vermuteten 2 Prozent.

Bei Fieber gibt es keine Ausnahme

Vernazza hält deshalb an seiner Einschätzung fest, dass Infizierte mit milden Symptomen nicht in ein Isolationszimmer im Spital gehören. Auch die Quarantäne für mögliche Kontaktpersonen hält er für übertrieben. «Quarantäne ist eine Massnahme, die bei hochgefährlichen Erkrankungen wie Ebola angezeigt ist.» Für sinnvoll halte er allgemeine Hygienemassnahmen wie häufiges Händewaschen, das Gesicht nicht berühren, Abstand halten und in die Armbeuge oder in ein Taschentuch husten. Bei Fieber müssten sich Betroffene sofort melden.

Die Hongkonger Epidemiologen geben in ihrer Studie strengere Empfehlungen: Sie warnen vor grossen Ausbrüchen, falls nicht sofort «substanzielle gesundheitspolitische Massnahmen auf Bevölkerungsebene und auf persönlicher Ebene» getroffen würden, um die Epidemie einzudämmen.

Erstellt: 06.02.2020, 10:08 Uhr

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