Was bringen solche Kampag­nen überhaupt?

Der Bund lanciert eine weitere Kampagne zur Alkoholprävention – der Nutzen wird stark bezweifelt. Immunologe Beda Stadler würde das Problem über das Portemonnaie lösen.

Prost, Santé, Salute! In der Schweiz trinkt jeder Fünfte über 15 Jahre zu viel. Dagegen nützen die Informationen des Bundes aber wenig, finden Kritiker.

Prost, Santé, Salute! In der Schweiz trinkt jeder Fünfte über 15 Jahre zu viel. Dagegen nützen die Informationen des Bundes aber wenig, finden Kritiker. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Pascal Strupler genehmigt sich auch ab und zu ein Gläschen. Aber unter den empfohlenen Richtlinien, wie der Di­­rektor des Bundesamts für Gesundheit (BAG) gestern vor Medien betonte: «Es ist durchaus möglich, Alkohol zu trinken, ohne seine Gesundheit zu ge­fährden.» Die Frage sei: Wie viel ist zu viel?

Diese Frage steht auch im Zentrum der neu lancierten Alkoholpräventionskampagne des Bundes. «Wir wollen die Bevölkerung auf humorvolle Art zum Denken anregen», sagte Petra Baumberger vom Fachverband Sucht. Auf der Internetseite www.alcohol-facts.ch be­­antwortet ein spielerisches Quiz die häufigsten Fragen und dient als Eingangsportal zu weiteren Informationen.

«Wie viel trinken Sie?»:Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat bei Passanten in Zürich nachgefragt. (Video: Lea Blum, Lea Koch)

Laut BAG konsumierte 2013 in der Schweiz jeder Fünfte über 15 Jahre Alkohol in risikoreichen Mengen – das sind rund 1,5 Millionen Personen. Sie tranken entweder zu viel und/oder zu oft. Das BAG empfiehlt gesunden Männern, sich mit nicht mehr als zwei bis maximal drei Gläsern pro Tag zufrieden­zugeben. Frauen sollten sich auf ein bis zwei Gläser beschränken. Pro Woche sol­­len mindestens zwei alkoholfreie Tage eingehalten werden. Kinder unter 16 Jahren sollten keinen Alkohol trinken, jun­ge Erwachsene selten und wenig.

Doch was bringen solche Kampag­nen überhaupt? Sehr viel, zeigt sich BAG-Direktor Strupler überzeugt. Der Nutzen sei wissenschaftlich nachweisbar und werde re­gelmässig untersucht. Auch die Kampagnen seien regelmässig durchzuführen. Schliesslich gebe es immer wieder neue Generationen, die denselben Verlockungen ausgesetzt seien. Die ak­tuelle Kampagne kostet über drei Jahre hinweg rund zwei Millionen Franken.

Zahlen sinken dennoch nicht

Fakt aber ist: Die Präventionskampagnen der vergangenen Jahre scheinen kaum Wirkung zu zeigen. Gemäss Bundesamt für Statistik tranken in den Jahren 2002 und 2007 rund 39 Prozent der 15- bis 24-Jährigen ein bis zwei Mal pro Woche Alkohol. 2012 waren es schon 41 Prozent. Auch beim Tabakkonsum ist kaum ein Rückgang zu verzeichnen: So rauchten 2002 etwa 37 Prozent der Jugendlichen; 2007 sank der Anteil auf 33 Prozent, stieg 2012 aber wieder auf 36 Prozent.

Für Beda Stadler sind solche Kampagnen denn auch rausgeworfenes Geld: «Würde es etwas nützen, ein schlechtes Gewissen zu ma­­chen, wären alle Amerikaner schlank», sagt der Immunologe. Seit Jahren zeige sich, dass solche Kampagnen gar nichts nützten. Komme hinzu: Auf der einen Seite bekämpfe der Staat den Alkohol- und Tabakkonsum. Auf der anderen Seite profitiere er nicht nur über die AHV davon, sondern subventioniere auch noch Wein- und Tabakbauern. Stadler ist überzeugt: «Gerade beim Rauchen hilft vor allem der Preis und nicht die Prävention.»

Auch der Basler SVP-Nationalrat Sebastian Frehner ist sicher, dass die Präventionskampagnen nichts nützen. Das Mitglied der Gesundheitskommission plädiert gar für deren Abschaffung: «Das ist ohnehin keine Staatsaufgabe.» Die Bevölkerung wisse durchaus, dass zu viel Rauchen und Trinken schädlich ist. Kampagnen hielten sie dennoch nicht davon ab. «Wäre das BAG ehrlich, würde es versuchen, solche Genussmittel zu verbieten», sagt Frehner. «Aber das Amt weiss, dass es damit an der Urne keine Chancen hätte.» Deshalb werde versucht, den Konsum über Umwege einzuschränken.

Methodisch schwierig

Der Erfolg von Prävention ist schwer messbar. Das BAG hatte 2007 Studien zur Kosten-Nutzen-Analyse in Auftrag gegeben und kam 2010 zum Schluss, dass der Nutzen die Kosten überwiege. Ganz so sicher ist man sich aber dann doch nicht: «Der Zusammenhang zwischen einer Präventionsmassnahme und ihrer direkten gesundheitlichen Wirkung ist methodisch schwierig zu belegen», schrieb das Bundesamt in seinem Newsletter Spectra vom Mai 2010.

Skeptisch gegenüber den Präven­tionskampagnen des Bundes ist auch die Aargauer CVP-Nationalrätin Ruth Humbel: «Es sind regelmässig dieselben Themen, die flächendeckend ver­­breitet werden», sagt sie. «Das stumpft ab und er­­reicht die Betroffenen nicht.» Für den Erfolg brauche es konkretere Massnahmen wie die Gesundheitsförderung an Schulen oder über Vereine sowie die Information der Eltern. (Basler Zeitung)

Erstellt: 24.04.2015, 09:52 Uhr

Artikel zum Thema

Wie viel Bier ist zu viel?

Alkoholkonsum hinterfragen statt verteufeln: Die neue Präventionskampagne des Bundes stellt Fragen und will dadurch Antworten liefern. Mehr...

Play/Listen: Bourbon, Scotch, Beer

Hat Spiess-Hegglin bloss zu viel getrunken? Sie ist in bester Gesellschaft: Wir spielen und suchen Songs über Alkohol. Der überzeugendste Vorschlag wird prämiert. Mehr...

Wie viel Alkohol ist «normal»?

Wenn das Feierabendbier problematisch wird: Trinkmuster und deren Verbreitung in der Schweiz. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Blogs

Outdoor Der Boulder-Slang – von Arête bis Undercling

Sweet Home Zeitreise im Zickzack

Paid Post

Profis lassen sich nicht von Emotionen leiten

Intelligente Roboter verbessern unseren Alltag. Warum nicht auch unsere Investments?

Die Welt in Bildern

Nacktbaden: TeilnehmerInnen des Dark Mofo Sommersonnenwenden Nackschwimmens stürzen sich in den Fluss Derwent im australischen Hobart. (22.Juni 2018)
(Bild: Rob Blakers/EPA) Mehr...