Was es bedeutet, von einem Tag auf den anderen in U-Haft zu sitzen

Zuerst der Schock, dann die Deprivation: Die psychischen Folgen einer Inhaftierung sind massiv.

Das Nötigste zum Menschsein: Diese Gegenstände erhalten U-Häftlinge im Zürcher Bezirksgefängnis. Foto: Urs Jaudas

Das Nötigste zum Menschsein: Diese Gegenstände erhalten U-Häftlinge im Zürcher Bezirksgefängnis. Foto: Urs Jaudas

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14. November 2012, Sitz der Amtsstelle, Staatsanwaltschaft I, Zürich: Ein mächtiger US-amerikanischer Eisbrecher bahnt sich einen Weg durch die Ant­arktis. Die Wolken türmen sich schwarz, dazwischen leuchtet eiskalt die Sonne. «Rosenrot» steht auf dem Bug aus Stahl. Im Video zum Song von Rammstein geht es um Selbstjustiz, Mord, Verführung, Schuld und Unschuld. «Rosenrot, o Rosenrot, tiefe Wasser sind nicht still . . .»

Iris Ritzmann, Titularprofessorin der Universität Zürich, richtet ihren Blick wieder auf den Staatsanwalt, der vor dem seltsam deplatzierten Rammstein-Plakat sitzt, versucht, sich nicht davon einschüchtern zu lassen. «Dazu mache ich keine Aussage.» «Keine Aussage.» «Dazu kann ich keine Aussage machen», antwortet sie auf seine Fragen. Jetzt nur nichts Falsches sagen.

Im Kanton Zürich sitzen gegenwärtig 400 U-Häftlinge; durchschnittliche Haftdauer: 2 Monate. Schweizweit sitzen rund 2000 Personen ein. Ein dringender Tatverdacht muss gegeben sein, damit Untersuchungshaft angeordnet werden kann, und mindestens ein «besonderer Haftgrund»: Fluchtgefahr. Wiederholungsgefahr. Verdunkelungsgefahr. Ausführungsgefahr.

Der prominenteste U-Häftling der Schweiz wurde am Dienstag nach 106 Tagen Haft entlassen. Der Ex-Raiffeisendirektor Pierin Vincenz erfuhr am eigenen Leib, was es heisst, von einem Tag auf den anderen aus einem bürgerlichen Leben gerissen zu werden. So wie Iris Ritzmann und ihr Ehemann Eberhard Wolff an diesem Morgen im November 2012. Als sie um 6.30 Uhr verhaftet werden, denkt Ritzmann erst, dass sich dieser Irrtum bald auflösen werde. Ihr wird vorgeworfen, im Zuge der «Mörgeli-Affäre» geheime Dokumente an Journalisten weitergegeben zu haben. Christoph Mörgeli verlor im Rahmen der Affäre seinen Job.

Iris Ritzmann und ihr Ehemann Eberhard Wolff. Foto: Urs Jaudas

Später am Abend, alleine in einer Zelle des provisorischen Polizeigefängnis (Propog) in Zürich, zeichnet Ritzmann den Raum auf Gefängnispapier: Türe, Klappe, Knöpfe, Lavabo, WC, Bett. Sie klammert sich an die Masterarbeit einer Studentin, die sie fertig korrigieren muss. Es war das Einzige, was sie hierher mitnehmen durfte. Öffnet sie das Fenster, weht kalte Luft in die Zelle. Schliesst sie es, steigt ihr der beissende Geruch von Erbrochenem und Reinigungsmittel in die Nase. Ihr Mann Wolff, einen Bau weiter, denkt währenddessen nach. Denkt, denkt, denkt, ohne sich konzentrieren zu können. Geistig legt er sich einen Panzer um.

Dröhnen im Kopf

Cemil*, ein Mann in den Vierzigern, der ein paar Jahre später am gleichen Ort sitzen wird, kann das nicht, «einen Panzer umlegen». Er ist ausgeliefert. Der Familienvater drückt sich in der U-Haft so fest die Hand auf sein Kinn, dass sich seine Zähne schmerzlich nach hinten verschieben. «Warum? Warum ich?»

«Es ist wie ein Konzert, das mit einem Knall beginnt und dann immer lauter und schneller wird», sagt Ritzmann. Ihre Verhaftung ist über fünf Jahre her. Doch das Konzert hallt nach. Cemil, der Zürcher mit kosovo-albanischen Wurzeln, der letztes Jahr fälschlicherweise eines Raubüberfalls verdächtigt wurde, hat immer noch Krach im Kopf.

Alle drei waren vor ihrer Verhaftung noch nie in ein Strafverfahren verwickelt, alle drei wurden sie im Nachhinein für unschuldig befunden, alle drei erlitten sie nach ihrer Verhaftung einen sogenannten Haftschock. «Die Stressreaktion äussert sich in Orientierungslosigkeit und Bewusstseinsstörungen. Die Betroffenen erleben alles wie durch einen Nebel», erklärt Andreas Maercker, Psychologe an der Uni Zürich. Das Gefühl des Schocks halte meist nur Stunden an. In einer zweiten Phase fühlen die Betroffenen ein akutes Gefühl der Machtlosigkeit. Depression, Ängste oder Aggressivität können die Folge sein. In der dritten Phase, nach etwa einer Woche, bewältigen U-Häftlinge die Situation individuell. «Einige – ob schuldig oder unschuldig – beginnen, rational ihre Chancen abzuwägen, andere flüchten sich in Fantasien, wieder andere verdrängen ihre Tat.»

Am meisten wirkt die sogenannte Deprivation in U-Haft auf die Psyche: der totale Verlust stimulierender Reize – ohne Handy, Kontakt zu anderen, zur Aussenwelt, 23 Stunden pro Tag in einer leeren Zelle, allein, manchmal zu zweit, ohne Ende in Sicht. Ausgenommen sind jene, die es gewohnt sind, mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen. Unschuldigen und solchen, die ihre Tat verdrängen oder als legitim betrachten, geht es schlechter. Es gibt U-Häftlinge, die eine posttraumatische Belastungsstörung davontragen. Jene, die das alles zum ersten Mal erleben, trifft es härter. Wie Pierin Vincenz – und Iris Ritzmann.

Bilder: Strafuntersuchung gegen Vincenz

Irgendwann bringt ihr ein Polizist zwischen den Einvernahmen ein Sandwich, eine seltene menschliche Geste: «Ihr Mann hat das nicht fertig gegessen, wollen Sie es noch?» Es beruhigt Iris Ritzmann, dass ihr Mann etwas essen konnte, seit Stunden hat sie ihn nicht mehr gesehen. Ihre Gedanken drehen sich um ihn und ihre Töchter, 10 und 12 Jahre alt. «Versucht nicht, uns anzurufen, wir sind weg», war einer der wenigen Sätze, die sie ihren Kindern noch sagen durfte, geweckt wurden sie von einer Polizistin. Jetzt ist Ritzmann ein Häftling mit einer Nummer. «Mitkommen», «ausziehen», «Füsse hierhin», «Fingerabdrücke abgeben» – währenddessen erzählt der Polizist seinem Kollegen von seinen letzten Ferien.

«Ich erlebte es wie eine schrittweise Entmenschlichung», sagt Eberhard Wolff. «Der normale menschliche Umgang fällt weg, man kriegt keine Antworten mehr auf Fragen, man verliert die Kontrolle.» Nach seiner Freilassung, nach nur eineinhalb Tagen in Polizeigewahrsam, verbringt Wolff mehrere Wochen in psychiatrischen Einrichtungen.

Mögliche Folgen: Depression, Ängste oder Aggressivität.

«Ich schwöre bei Gott, dass ich nichts damit zu tun habe», ruft Cemil. «Ich bin unschuldig», Cemils Stimme bricht. «Ich schwöre bei Gott, das bin nicht ich.» Es ist sein dritter Tag in Polizeigewahrsam, und er spürt, dass der Staatsanwalt ihm nicht glaubt. Cemil kann es nicht fassen. Der Staatsanwalt beantragt U-Haft, Verdunkelungsgefahr. Cemils Frau und Kinder erfahren erst jetzt, wo er ist. Cemil fürchtet sich vor seinen Mitinsassen. Er kann nicht schlafen. Schlafmittel will er nicht nehmen, weil er befürchtet, nie wieder aufzuwachen. Der grosse Mann, bis dahin im Sicherheitsdienst tätig, kann nicht mehr.

«Die Betroffenen befinden sich in einer unvorstellbaren Stresssituation», sagt Cemils Anwältin Ursula Lang. «Gleichzeitig müssen sie wichtige Aussagen machen, in denen jedes Wort zählt.»

Und bei den Befragungen wird Druck aufgesetzt. Als Cemil die Person nennt, die sein Alibi bestätigen kann, droht der Staatsanwalt, den Kollegen ebenfalls zu verhaften: «Was sagen Sie dazu?», fragt er. «Ich kann Ihnen zu 1000 Prozent garantieren, dass er nichts damit zu tun hat», sagt Cemil verzweifelt. «Sie können alles überprüfen!» Der Staatsanwalt prüft es erst nach 11 Tagen U-Haft.

Auch bei Ritzmann und Wolff gab es Druck. Zu Wolff sagte der Staatsanwalt laut Einvernahmeprotokoll: «Die Frage ist, ob Sie aufgrund Ihres unkooperativen Verhaltens bereit sind, Ihre Kinder alleinzulassen!» und «Ich als Vater kann für solch eine Aussageverweigerung überhaupt kein Verständnis aufbringen». Drohungen sind in Einvernahmen eigentlich gesetzlich verboten. Staatsanwälte müssen extrem objektiv sein. Sie sind verpflichtet, in gleichem Masse entlastende sowie belastende Beweise zu sammeln – egal, was ihre These ist.

Ewig in Untersuchungshaft

Die Nationale Kommission zur Verhütung von Folter (NKVF) kritisierte die Härte der Schweizer U-Haft in den vergangenen Jahren heftig. «In England beispielsweise ist das Verhältnis umgekehrt», sagt Sandra Imhof von der NKVF: «Lockereres Regime in der U-Haft, härteres Regime bei Vollzug der Gefängnisstrafe.» Seit den Berichten der NKVF denkt man auch in der Schweiz darüber nach, ob und wie man das Haftregime erleichtern könnte. Bestrebungen und Pilotprojekte sind im Gang.

Das ist die Zukunft, vielleicht. Die Gegenwart ist eine andere. Wie viele Verdächtigte unschuldig in U-Haft sitzen, ist unbekannt. Cemils Anwältin Lang sagt: «Ich habe die Erfahrung gemacht, dass schon wenige Tage Untersuchungshaft zu einer Destabilisierung der Betroffenen führen können, mit lang anhaltenden Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit und ihre psychische Verfassung.» Selbst wenn später ihre Unschuld festgestellt und eine Genugtuung bis zu 200 Franken pro Hafttag zugesprochen werde, könne dies die negativen Folgen der Haft in keiner Weise wettmachen. Cemil hat seinen Job als Sicherheitsangestellter noch in der U-Haft verloren. Heute, fast ein Jahr später, ist er vergesslich, hat paranoide Züge, ist arbeitslos und vom Schweizer Staat bitter enttäuscht. Bei Iris Ritzmann bleibt eine tiefschürfende Verunsicherung. Wolff surft nie mehr im Internet ohne das Gefühl, ein Dritter könnte mitlesen. Ihre U-Haft, sie dauert bis heute an.

* Name aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert

* Dieser Artikel erschien erstmals am 13. April 2018 auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2018, 08:38 Uhr

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