Was für die Jungen der Botellón, ist für die Alten die Abstimmung

Die Politik ist heute der einzige Ort, an dem sich Bürger noch dem Exzess hingeben können.

Hauptsache hemmungslos: Botellón auf Zürichs Blatterwiese 2008.

Hauptsache hemmungslos: Botellón auf Zürichs Blatterwiese 2008. Bild: Keystone

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Der Historiker Oliver Zimmer beklagte im «Tages-Anzeiger» die Hilflosigkeit des Linksliberalismus angesichts der ausländerfeindlichen Abstimmungspropaganda der SVP. Mit dieser Diagnose hat er nach dem Ja zur Ausschaffungsinitiative zweifellos recht, sie ist aber nicht sonderlich originell. Die eigene Hilflosigkeit zu beklagen, gehörte in den letzten Jahren zu den lieb gewonnenen Ritualen, mit denen der Montagskater nach verlorenen Abstimmungen bekämpft wird.

Die vorgeschlagene Therapie ist allerdings ebenso hilflos, folgt sie doch bekannten Mustern: Man muss die Ängste des Volkes ernst nehmen. Das Muster ist eine bieder-pädagogische Variante der Aufklärung: Das Volk hat recht, man muss dieses Recht aber durch Aufklärung und Erziehung in die richtigen Bahnen lenken. Eine rechte Erziehung kommt den Ängsten des Volkes entgegen und erklärt ihm zugleich seine wirklichen Interessen. Daraus ergeben sich Kampagnen mit herzigen Negermeitli oder philippinischen Krankenschwestern, die ein Grossmami pflegen. Zugleich wird ein Gegenvorschlag geliefert, der das Original mit menschenrechtlichem Zuckerguss überzieht.

Das Volk hat keine Ängste

Doch das Volk will weder erzogen noch in seinen Ängsten ernst genommen werden, schon allein deshalb nicht, weil es gar keine Ängste hat. In einem paternalistischen Irrtum werden dem Volk irgendwelche imaginären Ängste unterstellt, die geheilt werden sollen. Doch allein die Tatsache, dass die Ausschaffungsinitiative dort so erfolgreich war, wo es kaum Ausländer gibt, macht die Angstthese fragwürdig.

Was also motiviert das Volk? Laut dem französischen Philosophen Georges Bataille kann eine Gesellschaft nur harmonisch funktionieren, wenn sie gefährliche Bereiche wie Gewalt, Tod und Sexualität ausschliesst. Weil sich diese aber nicht dauerhaft unterdrücken lassen, muss sie abgegrenzte Zeiten und Räume für den Exzess zur Verfügung stellen. In alten Zeiten erfüllten die Saturnalien, organisierte Sexorgien und verordnete Saufgelage, diese Funktion, in christlicher Zeit die Fasnacht. Die Aufklärung hat diese verbotenen Bereiche zunehmend domestiziert: Die Sexualität wurde normiert und reguliert, und später, unter der Fahne der Gesundheitsvorsorge, auch alle anderen Genüsse. Sie wurden nicht verboten, sondern auf das natürliche Mass zurechtgestutzt. Die Linke ist auf diesen Zug der Domestizierung des Lebens aufgesprungen. Linke Politik ist zur Psychoedukation verkommen, betrieben von Hygiene- und Gesundheitsparteien.

Sinnfreier Hau-den-Lukas

Eigentümlicherweise kehrt der Exzess inmitten jener Sphäre wieder, die ursprünglich dazu da war, den Exzess zu verhindern: in der Politik. Die Minarett- und die Ausschaffungsinitiative erlauben unter dem Mantel der Rechtschaffenheit einen vollkommen sinnfreien Hau-den-Lukas. Blanker Unsinn lässt, wenigstens für einen kurzen Augenblick, das längst verlorene Gefühl der Souveränität wieder erleben. Welche Befreiung, für einmal ohne Rücksicht auf Vernunft und Anstand, auf Recht und Gesundheit, dem eigenen Ressentiment nachgeben zu können! Welch obszöne Perversion, wenn just das Gesetz ein hemmungsloses Geniessen erlaubt!

In dieser Konstellation muss alle Aufklärung versagen. Appelle an Vernunft und Recht schlagen in ihr Gegenteil um, denn sie steigern die Lust. Dass die letzten SVP-Initiativen die Menschrechte verletzten, spricht eher für als gegen sie. Die SVP hat den Kern des Problems viel genauer erkannt als alle Linksintellektuellen: Es geht nicht um Ängste, sondern um das Gefühl der Souveränität, Souveränität als Willkür verstanden.

Lust am Ausnahmezustand

Was für die Jungen der Botellón, ist für die ältere Generation die Volksabstimmung: ein organisierter Ausnahmezustand. Probieren Sie es mal selber aus, wie viel Spass es macht, eine Nonsense-Initiative zu erfinden. Mein Vorschlag: Kindern von schwedischen Staatsbürgern den Zugang zu unseren Kindergärten zu verwehren, um unsere Sprache vor der Infiltration des Schwedischen zu schützen.

Linke Politik muss aufhören, Therapie sein zu wollen und sich repolitisieren. Statt das Leben zu regulieren, muss sie die Lust entdecken. Der letzte Parteikongress der SP hat es vorgemacht, als er beschloss, den Kapitalismus abzuschaffen.

* Daniel Strassberg ist Psychoanalytiker in Zürich.

Erstellt: 16.12.2010, 11:39 Uhr

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