Was hat der Scheich mit dem Vibez-Festival zu tun?

Streit mit der Emirates-Airline, mysteriöse Verbindungen zu Dubai: Das Vibez-Festival in Biel sorgt vor der Premiere für Schlagzeilen.

Unterstützt das «wundervolle Projekt»: Scheich Suhail Mohd Al Zarooni mit einem Vibez-Vertreter. Foto: PD

Unterstützt das «wundervolle Projekt»: Scheich Suhail Mohd Al Zarooni mit einem Vibez-Vertreter. Foto: PD

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Fussballstadion, Autobahn, Möbelhaus. Der Bieler Stadtrand präsentiert sich wie das Klischee eines Industrieareals. Hier, auf diesem charmefreien Fleckchen Erde, sollen ab heute erstmals Tausende Menschen zum «innovativsten und coolsten Festival der Schweiz» zusammenkommen: dem Vibez. Ob diese Party wirklich innovativ und cool wird, ist völlig offen. In der Branche misstraut man dem Neuling. Manche sprechen gar von einem Desaster, das sich in Biel ankündigt.

Im hart umkämpften Livemusikmarkt sind Neid und Missgunst allgegenwärtig. Neue Player haben es schwer. Zumal sie mit einer eigenen App, die vom Ticket bis zum Bierkauf alles regeln will, nichts weniger als eine Revolution versprechen. Doch die Vibez-Macher haben bisher nicht viel dafür getan, dass sich ihr Bild in der Öffentlichkeit verbessert. Im Gegenteil. Je näher der erste Festivaltag rückte, umso unschärfer wurde alles. Das hat einiges zu tun mit einem bizarren Disput, den sich die Bieler mit dem vermeintlichen Hauptsponsor, Emirates Airline, lieferten. Und es hat viel zu tun mit einem Mann namens Suhail Mohd Al Zarooni, einem Scheich aus Dubai, der sich im Zuge dieses Zwists plötzlich als Geldgeber des Bieler Festivals präsentierte. Welche Rolle der Geschäftsmann in diesem Spiel um Musik und Millionen spielt – unklar. Dessen Verbindung zu Emirates – unklar.

Daniel Meili – der Chef hier, kurze Hosen und Baseballcap – steht mitten auf dem noch leeren Platz vor der grossen Bühne und sagt zur Begrüssung: «Zu Emirates, Al Zarooni und all dem kann ich absolut keinen Kommentar abgeben.» Er wird es dann später doch noch tun, vage zwar nur. Vorerst redet er von den Besuchern, die zahlreich an den Stadtrand von Biel strömen werden. «Sie werden kommen», sagt er mit dem Selbstbewusstsein eines 28-Jährigen, der ein Millionenbudget verwaltet und verantwortlich ist für mehrere Hundert Mitarbeiter. Wie er so schnell vom Wirtschaftsinformatiker zum Festivalboss aufstieg – unklar. Es hat aber viel mit der App zu tun, an der er massgeblich beteiligt ist.

Plötzlich 60 statt 120 Franken

Von 50'000 Besuchern sprach man beim Vibez ursprünglich. Meili will davon nichts mehr wissen.

Es ist nicht die einzige Ziffer, die nach unten korrigiert werden musste. Nur wenige Wochen vor dem Start hatte das Vibez die Preise halbiert. Statt 120 kostet ein Tageseintritt nur noch 60 Franken. Die Branche war sich sicher: eine Panikreaktion wegen des schlechten Vorverkaufs.

Die Vibez-Leute hatten für die unübliche Preisreduktion eine ganz andere Erklärung. Sie präsentierten die Fluggesellschaft Emirates als neuen Sponsor und begründeten die Verbilligung durch den Zuzug des potenten Partners aus Dubai. Auf der Website des Schweizer Festivals prangte von nun an das rot-weisse Logo der global operierenden Airline (Nachtrag: Donnerstagnachmittag wurde es entfernt). Für das Festival aus Biel war das ein Coup. Nur: Emirates schien von dieser Partnerschaft nichts zu wissen. In einer Pressemitteilung betonte das Unternehmen, dass es zu keinem Zeitpunkt irgendeine Art von Partnerschaftsvereinbarung mit Vibez gegeben habe. Die Anwälte seien angewiesen worden, entsprechende rechtliche Schritte einzuleiten. In Biel zeigte man sich davon wenig beeindruckt. Die Vereinbarung sei auf höchster Ebene gemacht worden, behauptete ein Vibez-Mitarbeiter, und zwar direkt mit Scheich Ahmed bin Saeed Al Maktoum, dem CEO der Airline.

So blieb das Logo auf der Website, obwohl die Pressestelle von Emirates den Ton verschärfte und eine Unterlassungserklärung formulierte. Die Antwort aus Biel bestand laut dem «Bieler Tagblatt» aus dem Versprechen, Beweismaterial für die Partnerschaft zu liefern.

Festival als Versuchslabor: So sah es auf dem Gelände in Biel am Montag aus – heute beginnt hier das dreitägige Vibez-Event. Foto: Adrian Moser

Ein mit Stempeln und Wasserzeichen versehenes Schriftstück aus Dubai erreichte tatsächlich die Schweizer Medien – aber das machte das Chaos nur noch schlimmer. Denn das Papier stammte nicht vom Emirates-CEO. Stattdessen lobte ein gewisser Scheich Suhail Mohd Al Zarooni das «Open Air Event» als «wundervolles Projekt» und sicherte dem Vibez den vollen Support als Beschützer und Investor zu.

Der Brief dieses Scheichs warf noch mehr Fragen auf. Nicht nur blieb dessen Verbindung zu Emirates im Dunkeln, auch das Interesse des arabischen Unternehmers an einem Bieler Festival blieb rätselhaft. Eine auf dem Papier erwähnte Website mit seinem Namen ist nicht vergeben, ebenso wenig die Telefonnummer und die Mailadresse. Aktiv scheint er nur auf seiner Facebook-Seite zu sein. Mehrere Anfragen blieben unbeantwortet.

Auf Social Media zeigt sich Al Zarooni bei Treffen in einem prunkvollen Saal mit arabischen Geschäftsmännern und indischen Prominenten. Zu welchem Zweck, bleibt offen. Sicher ist nur, dass Al Zarooni ein passionierter Sammler ist. Er scheint die grösste Modellautokollektion der Welt zu haben. Zudem sammelt er Starbucks-Tassen und Toblerone-Schachteln. Und vieles mehr.

Digitalisierung als Chance

Daniel Meili sitzt im Mitarbeiterzelt hinter der grossen Bühne. Die Kaffeemaschinen sind noch nicht in Betrieb, eine Cola muss reichen. Er nimmt einen grossen Schluck. Er spricht nun über das, worüber er am liebsten referiert: die Chancen der Digitalisierung. Das ist sein Thema. Als Wirtschaftsinformatiker habe er im Event-Bereich viel Ineffizienz gesehen. Darum hat er mit seinen Mitstreitern eine App entwickelt, die den Ticketverkauf, das Bezahlsystem vor Ort – einfach alles, was einen Event betrifft – abdeckt. Zum ersten Mal kommt seine App nun am Vibez zum Einsatz.

Für Daniel Meili geht es um «das komplette Abbilden der Consumer Journey», oder auf Deutsch: das Abbilden der Konsumentenreise.

Von den Problemen spricht er weniger. Ebenso wenig vom Datenschutz. Von der Degradierung des Festivalbesuchers, der mithilfe von Big Data zum gut leitbaren Konsumenten moduliert wird. Oder von einem möglichen Black-out des digitalen Bezahlsystems, geschehen einst am Gurten-Festival. Auf dem Weg in die Zukunft sind das für ihn nur kleine Rückschläge. So könnten laut Meili Festivalbesucher irgendwann einmal über die entsprechende App Burger am Foodstand bestellen, sich per Drohnen in die hinterste Ecke des Zeltplatzes Bier bringen lassen. «Hey, aber das sind jetzt nur Fantasien», sagt Meili.

Realitätstest für Meilis App

Zuerst muss sich nun seine App beweisen. In der Realität. Dafür braucht er das Vibez, das möglichst viele User generiert. Das Festival ist darum so etwas wie ein Versuchslabor. Hier in Biel wird am Festival der Zukunft gefeilt. Was war zuerst? Die Softwarelösung oder das Festival? Zum ersten Mal überlegt Meili etwas länger. Schliesslich antwortet er: «Ich würde sagen: gleichzeitig.»

Nach dem dreitägigen Versuch, wird Meili es wissen. Wie viele Besucher, sich an den Bieler Stadtrand haben locken lassen. Und vor allem: ob seine App funktioniert. Er lässt durchblicken, dass das auch andere interessieren wird. «Das könnte zum Beispiel eine Airline sein, welche ja mit einem direkten Verkauf von Tickets noch mehr Geld verdienen könnte.» Jetzt lacht er. Er scheint mehr zu wissen. Deutet er damit an, dass sie durchaus mit Emirates in Kontakt stehen? Oder spricht er von Al Zarooni? Wir werden es vielleicht nach dem Festival erfahren. Vielleicht aber auch nicht.

Erstellt: 05.06.2019, 18:34 Uhr

Verwaltet ein Millionenbudget: Vibez-Chef Daniel Meili. Foto: PD

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