Was in Neuhausen geschieht, grenzt für Laien an Zauberei

Fast nirgends in der Schweiz verdienen Firmen so viel und zahlen so wenig Steuern wie hier am Rheinfall. Und so geht das.

Das neue Neuhausen: In Glasbauten am Rhein wirtschaften Rechtsabteilungen und Europa-Hauptsitze internationaler Unternehmen. Foto: Doris Fanconi

Das neue Neuhausen: In Glasbauten am Rhein wirtschaften Rechtsabteilungen und Europa-Hauptsitze internationaler Unternehmen. Foto: Doris Fanconi

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Im Industriequartier von Neuhausen, gleich neben dem Rheinfall, spielte sich Mittag für Mittag das gleiche Ritual ab: Punkt zwölf Uhr strömten Hunderte Arbeiter aus dem Fabrikareal der SIG, um essen zu gehen. «Schwarz vor Menschen» sei der Vorplatz jeweils gewesen, sagt Gemeindepräsident Stephan Rawyler. «Wir waren eine Blue-Collar-Gemeinde.»

Lange ists her. Heute lebt Neuhausen nicht mehr davon, Züge oder Pistolen in der ganzen Welt zu verkaufen. Die 10'000-Einwohner-Gemeinde hat ein neues Geschäftsmodell: Sie lockt Unternehmen aus der ganzen Welt zu sich.

1991 in der SIG-Fabrik: Eine Frau arbeitet am Verschlussgehäuse eines Sturmgewehrs. Foto: Keystone/Archiv

Die Krise der Industrie in den 90er-Jahren traf Neuhausen hart, ein Drittel der Arbeitsplätze verschwand. Die Folgen: Arbeitslose, wenig Steuern, leere Wohnungen. «Es sah düster aus», sagt Rawyler, Doktor des Rechts, FDP-Mitglied, in Neuhausen aufgewachsen. Seit 2005 leitet er die Gemeinde im Vollamt.

Mit seinem grauen Haarkranz und dem grünen Jackett wirkt der 57-Jährige ein bisschen altmodisch. Doch das täuscht. Rawyler ist ein Mitkämpfer im internationalen Steuerwettbewerb, er beobachtet genau, was die Konkurrenz macht, in Irland, Luxemburg, Belgien. Englisch nennt er seine zweite Amtssprache, über die Fusionen von US-Unternehmen redet er so selbstverständlich wie über lokale Bauprojekte.

Tiefe Steuern statt Industrie

Heute hat Neuhausen die postindustrielle Depression beinahe überwunden. Als Heilmittel wirkten vor allem Unternehmen, die an den Rheinfall gezogen sind. Sie heissen Curtiss-Wright, Trapeze, Kennametal oder Tektronix.

Rawyler zählt Vorteile seiner Gemeinde auf: günstige Büros, eine International School in der Nähe, Züge nach Zürich im Halbstundentakt, kurze Wege in die Politik. «Hier kann man die Regierungsräte direkt anrufen.» Auch die Standortförderung habe tolle Arbeit geleistet.

Doch der eigentliche Grund für die vielen Zuzüge liegt anderswo: in der Tiefsteuerpolitik, mit der Schaffhausen auf die 90er-Krise antwortete. Die Unternehmenssteuern liegen hier mit gut 16 Prozent zwar höher als in Obwalden oder Appenzell; doch der Kanton erreicht in der Schweiz die tiefste Nettosteuerquote.

Von 18 Milliarden Gewinn bleiben dem Staat gerade 51 Millionen.

In Neuhausen geht das so: 619 steuerpflichtige Firmen erwirtschafteten im Jahr 2014 (neuere Zahlen gibt es nicht) gemeinsam einen Reingewinn von fast 18 Milliarden Franken. Das ist sehr viel im Schweizer Vergleich. Jede der Neuhauser Firmen hat im Schnitt also knapp 29 Millionen Franken vorwärtsgemacht. Wobei: Pneushop und Baumschule verdienten wohl deutlich weniger, die internationalen Konzerne sehr viel mehr.

Von diesem Geld nimmt sich der Staat kaum etwas. Gemeinsam lieferten die Firmen in Neuhausen 44,1 Millionen Franken Bundessteuern ab. An die Gemeinde Neuhausen zahlten sie 2014 weitere 7,25 Millionen. Zusammen ergibt dies eine Steuerquote von knapp 0,3 Prozent. Bei einem Gewinn von 1000 Franken erhält der Staat also 3 Franken. Damit liegt Neuhausen ganz vorne im Schweizer Steuerwettbewerb.

Der Magier verrät seine Tricks nicht

Dass reiche Firmen so wenig Steuern zahlen, grenzt für Laien an Zauberei. Und wie bei Zaubertricks üblich, reden die Profis nicht allzu gern darüber. Auch Stephan Rawylers Gesprächigkeit stockt beim Thema Steuern: «Da haben der Kanton und der Bund das Sagen.»

Die dortigen Steuerverwaltungen verweisen auf den «Beteiligungsabzug». Dank diesem lässt sich der steuerbare Betrag stark verkleinern. Davon profitieren Firmen, die Tochtergesellschaften im Ausland oder in der Schweiz haben. Sie überweisen ihre Gewinne an die Muttergesellschaft in Neuhausen. Diese Beiträge kann die Muttergesellschaft vom steuerbaren Gewinn wegrechnen. Laut Andreas Wurster, Chef der Schaffhauser Steuerverwaltung, machen bei manchen Unternehmen solche Abzüge bis zu 100 Prozent der Einnahmen aus. Sie zahlen folglich gar keine Steuern.


Bilder: Die Steueroasen der Welt


Bund und Kanton halten dieses Mittel für unproblematisch. Das bestätigt René Matteotti, Professor für Steuerrecht an der Universität Zürich: «Es vermeidet Mehrfachbesteuerungen. Die Tochtergesellschaften haben auf ihre Gewinne bereits im Herkunftsland Abgaben bezahlt, daher müssen sie es in der Schweiz nicht mehr tun.» Viele Länder gewähren solche Abzüge, neu auch die USA.

Doch ein Zweifel bleibt: Werden alle Gewinne, die in die Schweiz fliessen, in den Herkunftsländern wirklich besteuert? «Das lässt sich nicht immer so leicht überprüfen», sagt Dominik Gross, Steuerexperte bei Alliance Sud. Damit bestehe die Möglichkeit, dass die Firmen am Ende nirgendwo Steuern ablieferten.

Umstrittene Methoden

Die Tiefststeuern in Neuhausen haben zwei weitere Ursachen: Rabatte und das Holdingprivileg. In der Schweiz können Kantone Firmen mit bis zu zehnjährigen Steuervergünstigungen anlocken. Als Gegenleistung müssen die bevorzugten Unternehmen Arbeitsplätze schaffen. Während der Nullerjahre verteilte der Kanton Schaffhausen solche Geschenke relativ grosszügig. In Neuhausen seien heute aber fast alle Erleichterungen ausgelaufen, sagt Rawyler.

Die Haupteinkaufsstrasse in Neuhausen. Foto: Doris Fanconi

Diese Methode ist umstritten, da sie andere Firmen und andere Kantone benachteiligt. «Zudem muss man genau hinsehen, dass die Privilegien nicht mit Tricks verlängert werden», sagt Steuerrechtsprofessor René Matteotti.

Als dritte Ursache gilt die Sonderbesteuerung von Holdinggesellschaften. Davon profitieren – wie beim Beteiligungsabzug – oft international tätige Unternehmen. Das Holdingprivileg befreit sie zusätzlich von den meisten ­Steuern auf Schweizer Gewinne. Schaffhausen schont Holdinggesellschaften ausserdem mit einer tiefen Kapitalsteuer. Entsprechend schätzen sie den Kanton. Rund 400 solcher Gesellschaften gibt es dort. Wie viele es in Neuhausen sind, verraten die Behörden nicht.

Firmen drohen abzuwandern

Die Bevorzugung bestimmter Firmen wird die Schweiz mit der Steuervorlage 17 wohl bald abschaffen. Die EU und die OECD bekämpfen sie als unlauteren Wettbewerb. Schaffhausen plant daher, den Steuersatz für Firmen von 16 auf mindestens 12,5 Prozent zu senken. So will der Kanton jene Unternehmen behalten, die durch den Wegfall der Sonderbehandlung mehr zahlen müssen.

Mit 12,5 Prozent bleibe Schaffhausen international konkurrenzfähig, sagt Stefan Kuhn, Leiter Unternehmenssteuern bei der Beratungsfirma KPMG. Manche Firmen könnten dennoch abwandern, da heute viele Konzerne ihren Hauptsitz in einem einzigen Land bündelten.

Die Reichen am Rhein

All die Milliarden, die in Neuhausen umgesetzt werden, sieht man der Gemeinde kaum an. Im Zentrum drängen sich Nachkriegsblöcke zwischen Gründerzeithäusern. Entlang der Hauptstrasse reihen sich Kebab-Läden, Beizen, Kleingewerbe. An einigen Schaufenstern kleben «Zu vermieten»-Zettel.

Kebab-Laden an der Hauptstrasse. Foto: Doris Fanconi

Das reiche Neuhausen sammelt sich am Rhein unten. Dort spiegeln Glasfassaden die Umgebung, in Neubauten haben sich Gesellschaften mit Namen wie Albany International, Covidien oder Johnson Controls eingemietet. Es handelt sich um Rechtsabteilungen, Verkaufsorganisationen oder Europa-Hauptsitze internationaler Konzerne.

«Oft starten solche Gesellschaften mit zwei Leuten und einem Pult. Mehr brauchen sie nicht», sagt Rawyler. Entsprechend mobil seien sie. Etwa Tyco. Kürzlich entschied sich die Sicherheitsfirma, einen Teil ihrer Verwaltung nach Irland zu verlegen statt nach Neuhausen – obwohl sie gerade einen mehrjährigen Mietvertrag abgeschlossen hatte.

Neuhausen will Wintermantelzulage streichen

Viele «Headquarters» sind Neuhausen seit über 15 Jahren treu geblieben. Trotzdem prägten sie die Gemeinde weniger stark, als es die Industrie tat, sagt Rawlyer. Oft beschäftigen sie nicht allzu viele Leute. Und eben: Sie bringen kaum Steuern. Es fehlt an Substanz, wie Fachleute sagen. Und doch profitiere Neuhausen, findet Rawyler. Das lokale Gewerbe, Cateringfirmen oder Inneneinrichter, bekomme neue Aufträge.

Das genüge nicht, finden Kritiker. Auf Holdings könne man sich nicht verlassen. «Wir sollten die Wirtschaft breiter abstützen, Innovation und Bildung fördern», sagt Nicole Hinder, Co-Präsidentin der Schaffhauser AL und Einwohnerrätin in Neuhausen. Stattdessen werde überall gespart. So wollte Neuhausen schon mehrmals die Wintermantelzulage streichen, ein Zustupf für die Ärmsten. «Die tiefen Firmensteuern sind ein Hohn dagegen», sagt Hinder.

Das reiche Neuhausen sammelt sich am Rhein unten. Foto: Doris Fanconi

Auch der Nachbarkanton Zürich hat mässig Freude. Der wachsende Steuerunterschied könnte gewisse Firmen bewegen, Richtung Norden auszuweichen.

«Was zählt, ist, dass die Unternehmen in der Schweiz bleiben», entgegnet Rawyler. Zürich biete andere Vorteile, an die Schaffhausen nie herankomme: ein urbanes Umfeld, Hochschulen, den See, hohe Löhne. «Viele Junge, die hier arbeiten, wohnen im Raum Zürich.»

Industriebetriebe «fahrlässig» zerschlagen

Und das Ansiedlungsgeschäft: Es stottert. Seit kurzem ziehen kaum noch Unternehmen an den Rheinfall. Der internationale Wettbewerb habe angezogen, sagt Rawyler. Und die Masseneinwanderungsinitiative schrecke Firmen ab. «Sie wollen vor allem Sicherheit.»

Trotzdem: Ins SIG-Areal kehrt das Leben zurück. Ein Fabrikturm wird zum Lofthaus umgebaut, daneben künden Gespanne den Abriss alter Wohnhäuser an. Auch die Industrie macht weiter. In ein paar der alten Hallen werden nach wie vor Dinge hergestellt, Verschlüsse für Kartonverpackungen zum Beispiel, oder selbstfahrende Busse. Einige internationale Firmen haben Teile der früheren SIG-Produktion übernommen.

Zentrum mit neuen Loftwohnungen auf dem ehemaligen SIG-Areal. Foto: Doris Fanconi

Wie viele Neuhauser hadert Stephan Rawyler bis heute damit, dass die Industriebetriebe «fahrlässig» zerschlagen und verkauft wurden. Aber weg ist weg. Dafür kündet sich Neues an, zumindest auf den Computerbildern, welche die Zukunft des SIG-Areals darstellen. Darauf sieht es aus wie in Zürichs früheren Industrievierteln: frohe Kreative, die in Lofts und Gartencafés Projekte besprechen. Hoffen erlaubt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.05.2018, 22:12 Uhr

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