Was ist gegen den Fachkräftemangel zu tun?

Mit welcher Strategie Rudolf Strahm den Mangel an Fachkräften beheben würde.

Der ehemalige Nationalrat und Preisüber­wacher wechselt sich 
mit Politgeograf Michael Hermann und mit der Autorin und Schauspielerin Laura de Weck ab.

Der ehemalige Nationalrat und Preisüber­wacher wechselt sich mit Politgeograf Michael Hermann und mit der Autorin und Schauspielerin Laura de Weck ab. Bild: PD

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Zehn Jahre nach meinem Rücktritt als Parlamentarier habe ich mir den zeitlichen Luxus geleistet, am Radio die mehrstündige Dampfablass-Debatte zur Masseneinwanderungsinitiative im Nationalrat mit der privilegierten Distanz des Veteranen zu verfolgen.

Geboten wurde das Bild eines polarisierten, blockierten Parlaments. Im unversöhnlichen Gegensatz standen Siegerpose mit Häme auf der einen Seite und Frust mit Schuldzuweisungen auf der anderen. Für brauchbare Kompromissansätze und/oder gar ein Entgegenkommen gegenüber den Unterlegenen gibt es angesichts der aktuellen Psycholage noch keinen Spielraum.

Auch 1992, nach der knappen Ablehnung des EWR mit 50,3 Prozent, prallte Katerstimmung auf Triumph­gehabe, was zu irrationalen Reaktionen führte. Erst nachdem wichtige Protagonisten dieser Polarisierung die politische Arena verlassen hatten, wurde ab 1997 konstruktiv nach Lösungen gesucht. Das Resultat waren die Bilateralen I mit den flankierenden Lohnschutzmassnahmen.

Schweigen zur zentralen Frage

Im Vorfeld der Abstimmung zur Masseneinwanderungsinitiative wurde der Mangel an Fachkräften als wichtigstes Argument für die Personenfreizügigkeit ins Feld geführt. Was geschieht jetzt in dieser zentralen Frage? In der langen, intellektuell schmalbrüstigen Parlamentsdebatte gab es dazu von allen politischen Lagern nichts. Plötzlich ist den Politikern die Fachkräfteproblematik nicht mehr so wichtig. Einzig die CVP-Frau Ruth Humbel brachte ein Bekenntnis zugunsten einer intensivierten inländischen Fachkräfte­ausbildung über die Lippen.

Mit der ungehinderten Rekrutierung von Fachkräften im Ausland konnte die Ausbildungslücke bisher locker geschlossen werden. Das Problem musste wegen der Personenfreizügigkeit im Inland nicht unbedingt angegangen werden. Man konnte sich einfach auf den Import von Fachkräften verlassen und die Ausbildung im Inland vernachlässigen.

Wir haben in der Schweiz nicht generell einen Akademikermangel, sondern Lücken in einer Reihe von Berufen: Wir haben einen Mangel an Ärzten, an Pflegepersonal, an Ingenieuren und Informatikern, an ausgebildeten Gastrofachleuten. Diese Lücken sind hausgemacht und auf das Laisser-faire des Wirtschafts- und Bildungsdepartements in der Berufsbildung zurückzuführen.

Stichwort Ärztemangel: Vorletztes Jahr haben sich 4000 Schweizer Maturanden für das Medizinstudium gemeldet. Aber wegen des Numerus clausus an den Universitäten standen landesweit lediglich 1170 Studienplätze zur Verfügung. Nur 738 Studienabschlüsse wurden registriert, sodass 1200 Ärzte im Ausland rekrutiert wurden. 1700 Studienplätze sind laut dem Gesundheitsobservatorium (Obsan) in den nächsten Jahren nötig.

Stichwort Pflegepersonalmangel: 4500 Jugendliche, die letztes Jahr eine Lehrstelle als Fachangestellte im Gesundheits- oder Betreuungsbereich suchten, wurden laut dem Lehrstellenbarometer nicht fündig. Im Schnitt mussten sich Lehrstellensuchende 16-mal bewerben. Zwischen 1995 und 2005 wurden in der Schweiz nur halb so viele Fachangestellte im Pflegebereich ausgebildet wie nötig. Heute sind es mehr, aber immer noch zu wenige.

In Zukunft muss die Zuteilung von Kontingenten für ausländisches Personal an eine Ausbildungspflicht im Inland gebunden werden. Ein Vorschlag: Die Spitäler müssen 8 Ausbildungsplätze pro 100 Beschäftigte anbieten, wenn sie Fachkräfte im Ausland rekrutieren wollen.

Stichwort Mangel an Mathematikern, Informatikern, Naturwissenschaftern und Technikern (Mint). Auch diese Lücke ist selbst verursacht, vor allem durch die elitäre Sprach­lastigkeit unseres Bildungssystems. Für den Zugang zum Gymnasium zählen in den meisten Kantonen die Noten in Sprachfächern mehr als in Naturwissenschaften und Mathematik. Wer gute Voraussetzungen für ein Ingenieurstudium hat, aber nicht stark genug in den Sprachfächern ist, schafft schon den Sprung ans Gymnasium nicht. Die Folge der Maturitätsordnung 95 ist, dass 44 000 Studierenden in den Geistes- und Sozialwissenschaften an den Universitäten heute nur 24 000 in den exakten und Naturwissen­schaften gegenüberstehen.

Die Informatikbranche bildet seit Jahren zu wenige Lehrlinge aus. Aber Jahr für Jahr suchen tausend Jugendliche in diesem Bereich erfolglos eine Lehrstelle. Und die Gastroszene, die behauptet, ohne importiertes Servicepersonal nicht auskommen zu können, hat mehr als andere Branchen die interne Ausbildung vernachlässigt. Nur jeder elfte Gastrobetrieb bildet überhaupt Lehrlinge aus. Ungeachtet dessen ist das Lamento der Hoteliers und Wirte grenzenlos.

Eine stringente Strategie zur Behebung des Fachkräftemangels könnte wie folgt aussehen:

  • In Zukunft muss jede Branche, die Kontingente für ausländische Fachkräfte beansprucht, ein bestimmtes Angebot an Ausbildungsplätzen im Inland anbieten.
  • Die Kontingente sind aufgrund eines Knappheitsindikators zu vergeben (etwa die Zahl der offenen Stellen im Verhältnis zur Zahl der Arbeitslosen in einer Branche), damit auch Arbeitsuchende im Inland zum Zuge kommen.
  • Ein sanfter, flexibler Inländervorrang bei der Personalrekrutierung dürfte Tausende von gut qualifizierten über 50-Jährigen in den Arbeitsmarkt zurückbringen.
  • Die längst fällige Aufwertung der schweizerischen Diplomabschlüsse wird zur gerechteren Titelbewertung führen. In manchen nicht akademischen Abschlüssen der höheren Berufsbildung in der Schweiz steckt mehr Fachkompetenz als in den akademischen Titeln, welche die Massenuniversitäten unserer Nachbarländer vergeben.

In einer polarisierenden Analyse wurde auf dieser Seite am Samstag von einer weltoffenen «Ehrgeiz-Schweiz» geschwärmt, die – im Gegensatz zur «Ballenberg-Schrumpfschweiz» – die klugen Köpfe aus dem Ausland anlockt. Bisher hat diese «Ehrgeiz-Schweiz» aber just im Inland den Ehrgeiz vermissen lassen, die einheimischen Köpfe und Talente besser zu fördern und zu nutzen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.03.2014, 03:36 Uhr

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