Was unsere Politiker von Obamas Internetwahlkampf lernen sollten

Mit Facebook und Twitter lassen sich im Wahlkampf Stimmen holen. Das hat Barack Obama vor seiner Wahl zum US-Präsidenten demonstriert. Werden die Schweizer Kandidaten seinem Beispiel folgen können?

Online im Nationalrat: Die Grünen Luc Recordon und Ueli Leuenberger.

Online im Nationalrat: Die Grünen Luc Recordon und Ueli Leuenberger. Bild: Keystone

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Barack Obama hats vorgemacht. In seiner 20 Monate dauernden Kampagne vor der Wahl zum US-Präsidenten hat er die Möglichkeiten des Internets voll ausgeschöpft. Er veröffentlichte unzählige Videos auf Youtube, verschickte Massenmails, sammelte enorme Spendensummen und rekrutierte über das Internet Tausende von Freiwilligen, die er zu professionellen Wahlkämpfern ausbilden liess. Auch auf den sozialen Netzwerken Facebook, Myspace und Twitter war Obama omnipräsent. Und auf seiner Website Mybarackobama.com konnten seine Anhänger eigene Profile anlegen, Gruppen bilden und sich vor allem zu gemeinsamen realen Aktionen verabreden. Experten gehen davon aus, dass die offensive Internetstrategie sein Image des jungen, offenen und weltmännischen Kandidaten deutlich verstärkt hat. Zudem hat er so die Stimmen von Jungwählern geholt, die sonst kaum wählen gegangen wären.

Ist eine Onlinekampagne wie diese auch in der Schweiz möglich? «Nein», sagt Mark Balsiger, Politikberater und Autor zweier Handbücher über den Wahlkampf. «Sie könnte nie eine derart grosse Durchschlagskraft entwickeln wie in den USA.» Zum einen liessen sich Amerikaner viel schneller als die Schweizer für eine Kampagne begeistern. Zum andern sei es nicht dasselbe, ob zwei oder Tausende von Kandidaten um die Gunst der Wähler buhlten. Kommt hinzu, dass die Schweizer laut Balsiger eine geringere Affinität zum Internet haben als die Amerikaner.

Internetkampagne braucht Zeit

Dennoch können Schweizer Politiker im Hinblick auf die eidgenössischen Wahlen im Herbst von Obama lernen. Zum Beispiel, dass Social Media nicht Werbung, sondern Dialog sind. «Von den Schweizer Politikern hat das noch fast niemand verstanden, oder die zeitlichen Ressourcen fehlen», sagt Balsiger. Lernen könne man von Obama auch, dass ein Engagement im Internet einen langen Atem brauche. Es sei «vergebene Liebesmüh», so der Politexperte, erst zwei Monate vor dem Wahltermin ein Facebook-Profil zu eröffnen und möglichst viele Freunde zu sammeln. Ein Politiker müsse bereit sein, viel Zeit in die sozialen Netzwerke zu investieren.

Und schliesslich kann man sich laut Balsiger auch beim Spendensammeln ein Vorbild an Obama nehmen: «Es ist nichts Anrüchiges dabei, wenn einer die Nummer seines Postkontos auf der Website aufführt. Obama holte mit zahllosen Kleinspenden Millionen herein.»

Einer der wenigen, der bereits bei den Wahlen 2007 Spenden übers Internet generierte, ist der St. Galler SVP-Nationalrat Lukas Reimann. Wie kaum ein anderer hat er das Potenzial der Neuen Medien erkannt: Er betreibt eine eigene Website, einen Blog sowie einen Videokanal auf Youtube und verfügt über ein Facebook-, ein Twitter- und ein Xing-Profil. Regelmässig meldet sich Reimann auf diesen Kanälen zu Wort – und sei es nur, um einen anderswo publizierten Artikel zu posten. Sein Onlineengagement begründet der 28-Jährige mit einem Wort: «Spass». Um dann anzufügen: «So komme ich in direkten Kontakt mit den Bürgern. Sie geben mir Feedback. Und ich spüre, was sie bewegt.» Vor allem Facebook sei ein «wichtiges Barometer» für seine politische Arbeit: «Wenn ich mich zu einem Thema äussere und auf diese Meldung 100 Kommentare eingehen, weiss ich: Da muss ich dranbleiben.»

«Eine riesige Chance»

Der SVP-Nationalrat ist überzeugt, dass die Neuen Medien 2007 bei seiner Wahl eine Rolle gespielt haben. Und dass ihre Bedeutung laufend zunimmt. «2011 ist es für Politiker noch möglich, den Sprung nach Bern ohne eigene Website und Facebook-Profil zu schaffen. In acht bis zwölf Jahren hingegen wird eine Wahl ohne Internet nicht mehr möglich sein.» Soziale Netzwerke würden Politikern helfen, neue Wähler an die Urne zu bringen und bisherige an sich zu binden. «Wer die neuen Möglichkeiten nicht nutzt, vergibt eine riesige Chance.»

Ganz anderer Ansicht ist Reimanns Parteikollege Elmar Bigger, der von sich sagt, dass er «noch nie im Internet gesurft» habe. Auch über eine E-Mail-Adresse verfügt der 61-Jährige nicht. «Ich bin kein Bürolist», sagt der SVP-Nationalrat. «Wer etwas von mir will, kann mich auf dem Handy anrufen oder mir einen Fax schicken.» Er habe neben der Arbeit auf seinem Hof, im Nationalrat und in diversen Nebenämtern keine Zeit, jeden Tag unzählige Mails zu beantworten.

Bigger nimmt in Kauf, dass er mit seiner Internetabstinenz die Chance vergibt, im Herbst zusätzliche Stimmen zu holen: «Wer sich nur im Internet tummelt, kommt nicht auf mich. Das kann ein Nachteil sein. Doch nur wegen des Wahlkampfs fange ich nicht damit an.» Viele seiner Wähler seien «auch keine Internetspezialisten», ist er sich sicher. Er setzt darauf, dass man weiss, wie er politisiert. «Ich bin ja ein Bisheriger.»

Erstellt: 03.03.2011, 21:30 Uhr

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