Wehrlis Welt

In Oberstammheim wird einer der schönsten Dorfweiler der Schweiz für viel Geld aufgefrischt. Die Häusergruppe ist von beeindruckender historischer Substanz – wie ihr Besitzer.

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Oberstammheim – Waltalingen, dann Guntalingen, das Stammertal wird bei der Anreise immer schöner, es ist ein grosser Garten. Endlich Oberstammheim. Riegelbauten überall, rote Balken und weisser Verputz. Auch die Polizei hockt in einem Riegelbau.

Vor dem Hirschen wartet dessen Besitzer. Eine 4-Millionen-Franken-Restaurierung steht an, Fritz Wehrli will informieren. Der 72-Jährige zeigt als Erstes den Hirschen. Das Haus, 1684 als Landsitz erbaut, ist eine Wucht. Da sind Renaissancetüren, verziert mit Sujets der Landschaft. Und historische Kachelöfen; etwa der in der Gaststube mit weissen Kacheln und dunkelgrünen Trennflächen. Im «Hochzeitszimmer» steht ein Himmelbett, auf dessen Holzdach ein Puttenknäblein gemalt ist. Ein erotisches Engelchen mit Übergewicht.

Fünf weitere Gebäude um den Hirschen werden in den nächsten 13 Monaten auch aufgefrischt: Scheune, Trotte, Stall, das Haus Graf. Sowie das Haus Wyttenbach, welches sechs ­Hotel-Doppelzimmer bekommt unter grösstmöglicher Wahrung der alten Substanz; die reizend verzogenen Fensterscheiben dürfen bleiben. An einer Stelle der Wand von 1556 ist der Verputz weggebröckelt. Darunter Rutengeflecht; aha, so ist das Innere eines Riegelbaus beschaffen. Kann man das in die Zukunft retten? «Mit Sicherheit», sagt Architekt Max Dell’Ava vom Atelier D/A/X.

Ein Dorf, 19 Brunnen

«Man ist in der Schweiz zu fokussiert auf Einzelobjekte», sagt Wehrli zum Thema Denkmalschutz; er ist auch Obmann der Zürcher Sektion von Domus Antiqua Helvetica, der Schweizerischen Vereinigung der Eigentümer historischer Wohnbauten. Sein Projekt verkörpert die Gegenstrategie: Erneuert und aufgewertet wird ein Ensemble. Eine Häuserfamilie, eingestuft als Kulturgut von nationaler Bedeutung. Freiwillig unterstellt Wehrli sie dem kantonalen Denkmalschutz, das gibt es nicht oft.

Man stelle sich an der Ecke Hauptstrasse/Steigstrasse beim Brunnen hin, einem von 19 Brunnen im Dorf. Schaut man nun die Steigstrasse hinauf und lässt den Blick von links nach rechts schweifen, hat man alle sechs Wehrli-Häuser im Auge. Alten Familienbesitz. Rundum stehen weitere Riegelbauten. Mit Sicherheit ist das einer der schönsten Dorfweiler im Land.

Im Zentrum steht der Hirschen, in dem seit mehreren Jahren Petra und Mirco Schumacher wirten. 14 «Gault Millau»-Punkte – und doch kein Snoblokal. Leute aus dem Dorf kommen, Geschäftsleute, Wanderer, Reiter. Der Betrieb bildet Lehrlinge aus dem Dorf aus, das Wild stammt von Jägern im Tal.

Im Untergeschoss wird eine neue Küche realisiert. Hinter dem Restaurant klafft schon eine Grube, eine Maschine wummert, der Esstisch vibriert leicht.

Mirco Schumacher, nach den Schwierigkeiten als Patron im altehrwürdigen Haus gefragt, erzählt ein Müsterchen: «Wenn es stark gewittert und regnet, müssen wir manchmal den Boden feucht aufnehmen.» Gravierender sei, dass bei den sechs bisherigen Hotelzimmern WC und Toilette auf dem Gang lägen.

Wehrli-Männer an den Wänden

Im Hirschen hängen etliche Gemälde mit Wehrli-Vorfahren, Männern in Amt und Würde. Die Sippe ist aber auch in Zürich eingewurzelt, die Wehrlis sind dort Bürger seit Mitte des 16. Jahrhunderts. Fritz Wehrli leitete in Zürich bis vor vier Jahren die familieneigene Bäckereigruppe, zu der die Bäckerei Buchmann gehört, bekannt für ihre Bürli. Als Müllergeschlecht besitzt man zudem die Mühle Tiefenbrunnen in Zürich; das Areal war weitum das erste, das mit einem Mix aus Wohnen, Kultur (Mühlerama, Miller’s Studio) und Gastro (Blaue Ente) kreativ umgenutzt wurde.

Von den vier Millionen Franken für die Restaurierung des Wehrli-Ensembles in Oberstammheim dürfte eine Million vom Denkmalschutz kommen. Die zweite Million soll zu einem guten Teil über eine Stiftung aufgetrieben werden, bei der jeder mit einem Beitrag ab 100 Franken mitmachen kann. Die Millionen drei und vier zahlt der Besitzer. Der Hirschen wurde von Icomos Schweiz als «Historisches Hotel 2014» der Schweiz prämiert; Wehrli will dafür sorgen, dass die Wehrli-Welt Zukunft hat.

Die Trauung des Unternehmers mit seiner Frau Brigit fand vor vielen Jahren auf dem Chilebückli über dem Dorf statt. Dort steht das Gallus-Kapellchen, 897 erstmals erwähnt – auch ein Bijou von nationaler Bedeutung. Man festete dann im Hirschen. In dieser Sache verzahnt sich irgendwie alles: Dynastie und Dorf, Häuser und Historie.


Zu Fuss: Wer sie erwandert, hat mehr von historischen Gasthäusern. Drei Geh-Tipps.

  • Ziel eins: der Hirschen, Oberstammheim. In einer Stunde kommt man von der Station Stammheim hin. Zuerst läuft man nach Unterstammheim. Das Girsbergerhaus von 1422 ist das älteste ländliche Fachwerkhaus der Schweiz. Toll die Sicht von der Kirche am Hang. Durch Reben hält man auf dem Weinweg nach Südosten. Bei der Talmühle, einer alten Mühle, steigt man ab zur Galluskapelle. Sie ist Kulturgut von nationaler Bedeutung, hat Fresken von 1310 mit Bibelszenen. Hat man sich sattgesehen, zieht man hinab zum Hirschen.
  • Ziel zwei: die Spreuermühle, Hirzel. In Sihlbrugg (Dorf) führte einst der Saumweg von Horgen zum Gotthard vorbei. Es gab Pferdestallungen, eine Zollstation, Tavernen. Auf dem Saumweg steigen wir von hier via Tobelmüli auf zur Höhi, biegen rechts ab nach Hirzel. Über die viel befahrene Passstrasse geht es zum Weiler mit der Spreuermühle. Das Haus, heute eine rustikale Wirtschaft, ist 1408 belegt als Herberge für Pilger von Zürich nach Einsiedeln. Später kam der Mühlbetrieb. Im Saal tanzte als junge Frau Johanna Spyri, die Heidi-Schöpferin. Nach dem Essen ziehen wir zur Bushaltestelle «Hirzel, Spitzen». Totale Gehzeit: knapp zwei Stunden.
  • Ziel drei: das Gyrenbad ob Turbenthal. Start ist bei der Station Rämismühle-Zell im Tösstal. Die Zweistundenroute führt zuerst nach Zell; dessen reformierte Kirche steht auf den Resten einer Römervilla. Im Gartentobel erfreuen die Giessen, Wasserfälle; hier ist gut fussbaden. Über den Lettenberg erreichen wir das Restaurant Gyrenbad. Das Haus ist um 1364 dokumentiert, der Badebetrieb begann um 1500, endete 1968. Später wurde das Gyrenbad renoviert; heute ist es Mitglied bei Swiss Historic Hotels. Nach dem Essen dauert der Abstieg aus den Högern an die Töss nach Turbenthal nicht allzu lange. Auch in diesem Fall: ein schönes Zusammenspiel von Landschafts- und Esslust.

Erstellt: 01.06.2015, 20:43 Uhr

Freiwillig unterstellt Fritz Wehrli sein Häuserensemble in Oberstammheim dem kantonalen Denkmalschutz. Foto: Urs Jaudas

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