Welche Kantone Eltern mit den grössten Kinderabzügen locken

Die meisten Kantone haben die Kinderabzüge massiv erhöht. Für viele Familien fällt das bereits mehr ins Gewicht als der Steuerfuss.

Steuerabzüge für die Kinder in der ganzen Schweiz sind deutlich gestiegen: So werden Familien entlastet.  (Keystone/Peter Schneider)

Steuerabzüge für die Kinder in der ganzen Schweiz sind deutlich gestiegen: So werden Familien entlastet. (Keystone/Peter Schneider)

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Die Modellfamilie besteht aus Mutter, Vater, grosser Schwester und kleinem Bruder. Die Eltern arbeiten, die Kinder gehen in die Krippe. Die Familie versteuert in Delsberg, Kanton Jura, ein Einkommen von 160'000 Franken und zahlt jedes Jahr Steuern von 30'000 Franken. Würde ihr Kanton aber gleich hohe Abzüge für Kinder gewähren wie der Kanton Neuenburg, dann bezahlte die Familie fast 10'000 Franken weniger Steuern.

Die Steuerabzüge, die Eltern für ihre Kinder geltend machen können, sind zu einem Standortfaktor geworden: Sie sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen – und variieren von Kanton zu Kanton: Während Eltern im Jura maximal 9250 Franken pro Kind geltend machen können, sind es im Kanton Neuenburg 27'700 Franken.

Bei diesen Abzügen handelt es sich um den Kinderabzug sowie um die Abzüge für die Kinderbetreuung und für Versicherungsprämien. Bei den Bundessteuern wird den Eltern zudem 251 Franken pro Kind vom Steuerbetrag selber abgezogen.

Allerdings: In Neuenburg kann nur ein kleiner Kreis von Eltern tatsächlich von so hohen Abzügen profitieren. Zwar lässt der Kanton mit 20'400 Franken pro Kind einen so hohen Abzug für die Kinderbetreuung zu wie kein anderer. Da aber die Tarife der Kitas in der Regel nach Einkommen abgestuft sind, bezahlen tatsächlich nur gut verdienende Eltern so viel. Einzig im Kanton Uri kann dieser Abzug noch höher sein: Dort dürfen Eltern alle anfallenden Betreuungskosten geltend machen.

So zahlen viele Familien in kinderfreundlichen Kantonen nicht unbedingt mehr Steuern, als wenn sie in einem Steuerparadies lebten. Würde man die Modellfamilie mit den zwei Kindern in der Stadt Zürich ansiedeln, bezahlte sie lediglich ein paar Franken mehr Steuern, als wenn sie in der Gemeinde Appenzell wohnte; in Innerrhoden herrscht zwar im Gegensatz zur Stadt Zürich ein angenehmes Steuerklima, der Halbkanton zählt mit Abzügen für Kinder von maximal 12'600 Franken aber nicht zu den kinderfreundlichen.

Für Eltern ist es oft am attraktivsten, wenn ihr Kanton einen hohen Kinderabzug gewährt, denn diesen können sie pauschal und unabhängig von Betreuungskosten geltend machen. Am grosszügigsten zeigen sich die Kantone Zug (12'000 Franken), Tessin (11'100) und St. Gallen (10'200 Franken). Richtig hoch ist dieser Abzug – und die Ausgaben, die ihm gegenüberstehen –, wenn die Kinder in Ausbildung sind und deshalb nicht mehr zu Hause wohnen können: Der Kanton Graubünden etwa lässt in solchen Fällen einen Abzug von 18'000 Franken pro Kind zu.

In manchen Kantonen ist aber auch der Betreuungsabzug faktisch ein Kinderabzug. Das ist der Fall, wenn auch Eltern, die nicht erwerbstätig sind und ihre Kinder selber betreuen, pauschal einen Betreuungsabzug geltend machen können. Am grosszügigsten ist Appenzell Ausserrhoden, wo er sich auf 10'000 Franken pro Kind (unter 14 Jahren) beläuft.

In den vergangenen Jahren sind die Steuerabzüge für die Kinder in der ganzen Schweiz deutlich gestiegen, vor allem der Kinderabzug und der Abzug für Betreuungskosten. Im Kanton Zürich stiegen alle drei Abzüge zusammen von 14'000 (2008) auf 20'400 Franken (2018), in Basel-Stadt von 13'300 von 17'800 Franken.

Bern gehört zu jenen Kantonen, welche die Abzüge am stärksten angehoben haben, nämlich von 6500 auf 16'700 Franken. Noch im Jahr 2008 konnten dort Eltern höchstens 1500 Franken für die Kinderbetreuung in Abzug bringen. Nur die Schwyzer Eltern waren schlechter dran, denn ihr Kanton kannte damals gar keinen solchen Abzug.

Der Kanton Baselland hat beim Kinderabzug einen anderen Ansatz und lässt sich deshalb nicht mit anderen Kantonen vergleichen: Statt dass die Eltern dort einen Betrag von ihrem Einkommen abziehen, wird ihnen der geschuldete Steuerbetrag um 750 Franken pro Kind reduziert. Insbesondere linke Parteien propagieren diese Steuergutschrift, denn sie ist für alle Familien gleich hoch. Beim Kinderabzug profitieren Gutverdienende aufgrund der Progression stärker. Der Kanton Wallis kann beiden Systemen etwas abgewinnen: Als einziger Kanton gewährt er einen Kinderabzug und einen Steuerabzug.

Erstellt: 17.09.2019, 06:02 Uhr

Nun muss der Bundesrat nachziehen

Heute wird auch im Bundeshaus über höhere Steuerabzüge für Kinder debattiert. National- und Ständerat sind sich einig, dass Eltern für die externe Betreuung von Kindern künftig höhere Steuerabzüge machen können. Umstritten bleibt die Frage, ob auch Eltern profitieren sollen, die ihre Kinder selber betreuen.

Der Nationalrat hält mit 98 zu 90 Stimmen daran fest, bei der Bundessteuer den allgemeinen Kinderabzug von 6500 Franken auf 10'000 Franken zu erhöhen. Die Mehrheit hält eine einseitige Entlastung für die Drittbetreuung von Kindern für unfair. Es gehe um soziale Gerechtigkeit, sagte Kommissionssprecher Marcel Dettling (SVP/SZ) am Dienstag. Auch für Kinder, die zu Hause betreut würden, fielen Kosten an.

Ein höherer Abzug für Kinderdrittbetreuung würde nur Gutsituierte privilegieren, die sich Kinderdrittbetreuung leisten könnten, sagte SVP-Sprecherin Sylvia Flückiger-Bäni (AG). Kinderbetreuung sei eine anspruchsvolle und verantwortungsvolle Aufgabe. Wer diese übernehme und auf eine Einkommen verzichte, habe Anspruch auf Unterstützung. Es gehe darum, Familienarbeit zu anerkennen und zu unterstützen, erklärte auch Leo Müller (CVP/LU).

FDP, GLP, SP und Grüne lehnten den Abzug ab. Es gehe hier nicht um Familienpolitik, sondern um die Fachkräfteinitiative, sagte Daniela Schneeberger (FDP/BL). Sozialabzüge und Abzüge für effektive Ausgaben für die Kinderdrittbetreuung dürften nicht vermischt werden.

Nur 55 Prozent aller Familien verfügen über ein so hohes Einkommen, dass sie überhaupt Bundessteuern zahlen müssen.

Der höhere Kinderabzug würde beim Bund Steuerausfälle von 350 Millionen Franken nach sich ziehen, jener für die Betreuungskosten 10 Millionen. Letzterer ist deshalb relativ tief, weil lediglich ein kleiner Teil der Eltern davon profitieren wird: Nur 55 Prozent aller Familien verfügen über ein so hohes Einkommen, dass sie überhaupt Bundessteuern zahlen müssen. Und von diesen gibt nur eine Minderheit in der Grössenordnung von etwa 2 Prozent über 10'100 Franken für die Betreuung eines Kindes aus.

Prisca Birrer-Heimo (SP/LU) wies darauf hin, dass die Hälfte der Familien gar keine Bundessteuer zahlten, weil sie nicht das massgebende Einkommen erzielen. Diese Familien müssten auf anderem Weg entlastet werden, etwa über Prämienverbilligungen.

Finanzminister Ueli Maurer appellierte vergeblich an das finanzpolitische Gewissen des Nationalrats. Wenn man 350 Millionen Franken ausgebe, müsse man wissen, wer davon profitiere. «Wenn wir Familien entlasten, dann gezielt.» Das sei beim höheren Familienabzug nicht der Fall. Maurer wies auch darauf hin, dass die Kantone dazu nicht angehört worden seien.

Der Ständerat hatte den höheren Kinderabzug abgelehnt. Er muss sich nun noch einmal mit der Frage befassen. Einig sind sich die Räte darüber, dass die Steuerabzüge für die externe Betreuung von Kindern erhöht werden sollen. Eltern könnten künftig bei der direkten Bundessteuer statt 10'100 Franken bis zu 25'000 Franken abziehen.

Die Revision basiert auf der im Jahr 2011 lancierten Fachkräfteinitiative. Kurzfristig führt die Anpassung bei der direkten Bundessteuer zu Mindereinnahmen von rund 10 Millionen Franken. Mittelfristig rechnet der Bundesrat mit 2500 neuen Vollzeitstellen, wodurch die Einbussen wettgemacht würden. (red/sda)

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