Weniger Moral für den Lehrplan

Die Erziehungsdirektoren kürzen den Lehrplan 21. Politisch aufgeladene Begriffe wie «Gender» werden gestrichen oder entschärft.

Was bringen die «geschärften» Lehrpläne? Walliser Primarschüler während des Unterrichts.

Was bringen die «geschärften» Lehrpläne? Walliser Primarschüler während des Unterrichts. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Deutschschweizer Erziehungsdirektoren reagieren auf die Kritik am Lehrplan 21. Das rund 550-seitige Werk werde um ein Fünftel gekürzt, gaben die Verantwortlichen gestern in Zürich bekannt. Auch die Ansprüche an die Schüler sollen teilweise gesenkt und in Einführungskapiteln besser erklärt werden. Der Lehrplan 21 gibt erstmals für alle Deutschschweizer Schüler die gleichen Lernziele vor. Unter anderem die Lehrerverbände hatten den Entwurf als zu umfangreich und zu anspruchsvoll kritisiert. Während der öffentlichen Konsultation gingen über 1000 Stellungnahmen ein. Es werde immer Schüler geben, die die Mindestansprüche kaum erfüllen könnten, sagte die Zürcher ­Regierungsrätin Regine Aeppli. Deshalb greife die Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz (D-EDK) auch zu einer «psychologischen» Massnahme: Statt von Mindestansprüchen werde im neuen Lehrplan nur noch von «Grundansprüchen» die Rede sein.

«Linke Ansichten»

Nicht alle Fächer müssen gleich viel abspecken. Stark betroffen ist zum Beispiel das Fach Deutsch. Arbeit erwartet die Lehrplanmacher auch beim Fächer­bereich «Natur, Mensch, Gesellschaft» und den darauf aufbauenden Fächergruppen wie «Räume, Zeiten, Gesellschaften» oder «Ethik, Religionen, Gemeinschaft». Die bisherigen Fächer wie Biologie, Geschichte oder Geografie werden alle innerhalb dieser Themengruppe behandelt. Überall da, wo der Lehrplan Werte und Haltungen thematisiert – also zum Beispiel die Menschenrechte oder Nachhaltigkeit –, geriet er in der Konsultation unter Ideologieverdacht. Rechtsbürgerliche Kreise befürchten beispielsweise, dass die Schule den Schülern «linke Ansichten» aufdränge. Für andere ist der Lehrplan etwa beim Thema Gleichstellung zu wenig mutig. Die Lehrer wiederum lehnen es ab, Werte oder Einstellungen der Schüler zu bewerten.

«Wir wollen den Schülern keine Werte eintrichtern», sagte Aeppli. Deshalb werde der Lehrplan an den betreffenden Stellen «geschärft», sagte sie, kündigte jedoch eine Entschärfung an: Ziel sei es, dass jeweils Pro und Kontra thematisiert würden und sich die Schüler eine eigene Meinung bildeten. Zum Beispiel beim Thema Konsum sei vorgesehen, die Sicht der Unternehmen stärker zu betonen. Der Begriff «Gender», der die sozialen Geschlechterrollen von Mann und Frau umschreibt, wird sogar gestrichen. Das Wort habe zu sehr provoziert, sagte Aeppli. Die unterschied­lichen Rollen von Mann und Frau ­blieben aber ein Thema.

Im September soll überarbeitete Version vorliegen

Die ebenfalls kontrovers diskutierten Themen «Berufliche Orientierung» und «ICT und Medien» lagert die D-EDK in zwei Modullehrpläne aus. Es sei Sache der einzelnen Kantone, für diese Module Zeitgefässe bereitzustellen und die Zuständigen zu bestimmen, schreibt die D-EDK. In der Konsultation hatten zahlreiche Fürsprecher fixe Wochenstunden gefordert. Die beiden Themen dürften nicht von den Präferenzen der Lehrkraft abhängig sein. Gestern reagierte der ­Gewerbeverband prompt «mit Bedauern» und wiederholte, Lehrlinge benötigten gute Kenntnisse im Informatik- und Medienbereich. Man werde den überarbeiteten Lehrplan 21 analysieren und nötigenfalls entschieden reagieren.

Trotz der vielen Änderungen hält die D-EDK am Fahrplan fest. Im September soll die überarbeitete Version des Lehrplan 21 vorliegen; voraussichtlich im Oktober kann die Plenarversammlung der Erziehungsdirektoren den Lehrplan freigeben. In den meisten Kantonen entscheidet danach der Bildungsrat oder die Kantonsregierung. In den Schul­zimmern wird das Werk ungefähr ab dem Schuljahr 2017/18 erwartet. Forderungen nach einem Mitspracherecht der Stimmbevölkerung oder der Kantonsparlamente wies D-EDK-Präsident Christian Amsler erneut zurück. Die Umsetzung des Lehrplans erfolge ­gemäss gültigen Bildungsgesetzen. «Die Schule hat es nicht verdient, zum Spielball politischer Polemik zu werden», sagte er.

Hart bleibt die D-EDK auch bei der Kritik an der Kompetenzorientierung des neuen Lehrplans. Statt Inhalte – Grammatikregeln oder historische ­Ereignisse – gibt der Lehrplan 21 Kompetenzen vor. Erst wenn die Schüler das Gelernte umsetzen können, ist das Ziel erreicht. Namhafte Wissenschaftler und die Lehrergruppe «550 gegen 550» stellen diese Kompetenzorientierung infrage und warnen davor, dass zahlreiche Schüler auf der Strecke blieben. Die Wissenschaft sei in dieser Frage gespalten, sagte Aeppli. Die Re­alität spreche für die Kompetenzorientierung, sagte Amsler. So würden künftige Lehrkräfte an den pädagogischen Hochschulen bereits auf dieses System vorbereitet. Die D-EDK suche den Dialog mit den Kritikern – in die Arbeitsgruppen, die den Lehrplan überarbeiteten, würden sie aber nicht eingebunden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.04.2014, 21:48 Uhr

Artikel zum Thema

«Haben Sie eigentlich Latein gelernt, Herr Aebischer?»

Ob Lehrplan 21 oder Fremdsprachen: Die Schule wird 2015 ein zentrales Wahlkampfthema. Die Lehrer und Nationalräte Matthias Aebischer (SP) und Peter Keller (SVP) bringen ihre Parteien in Position. Mehr...

Grosse Niederlage für den Vater des Lehrplans 21

Christian Amsler weibelt für zwei Fremdsprachen in der Primarschule. Ausgerechnet sein Kanton Schaffhausen will die zweite Fremdsprache streichen. Nun geht es um den «nationalen Zusammenhalt» und «Totschlagargumente». Mehr...

Italienisch ist Pflicht

Politblog Politblog Einzelne Kantone streichen klammheimlich Italienisch aus dem Lehrplan. Das ist inakzeptabel. Eine Carte Blanche. Zum Blog

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Ganz einfach fit für Onlinebanking

Mit E-Finance haben Sie jederzeit und überall Zugang zu Kontobewegungen und allen weiteren Onlinebanking-Funktionen.

Die Welt in Bildern

Tischlein deck dich: Ultra-orthodoxe Juden der Nadvorna-Dynastie begehen in Bnei Brak, Israel, das Neujahrsfest der Bäume. (21. Januar 2019)
(Bild: Oded Balilty/AP) Mehr...