Deutsche Weihnachten, Disney verstärkt, für alle!

Die Zahl der Weihnachtsmärkte explodiert. Woher stammt die Sehnsucht nach derart viel Wärme und Geborgenheit?

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Zu Ende gedacht läuft es auf einen Weihnachtsteppich hinaus: Die immer zahlreicheren Weihnachtsmärkte werden sich an den Rändern berühren und zu einem blinkenden, dampfenden Ganzen verschmelzen. Ein totaler Weihnachtsmarkt, ganz Bern, Basel, Zürich ein gemütlich angesoffenes ­Budendorf aus Holzbeigen-Attrappen, Lichterketten und Glühweinkesseln. Wunderbar.

Die Vermehrung der Weihnachtsmärkte ist ein Fakt. In Bern fing es 1984 an, auf dem Münsterplatz. Es folgte der Weihnachtsmarkt auf dem Waisenhausplatz, 2018 wird erstmals der Sternenmarkt auf der Kleinen Schanze ausgerichtet, den die Stadt als wertvolle neue Attraktion preist. Weihnachtsmarkt als Stadtentwicklung.

Kein Halten mehr in Zürich

In Basel wird der Weihnachtsmarkt auf Münster- und Barfüsserplatz seit 40 Jahren schöner und üppiger. Und seit 2015 verwandelt sich auch die Rheingasse in Kleinbasel in eine «Adväntsgass», wo mit weniger «Kitsch und Kommerz» gefeiert wird; auch Verweigerung ist ein vermarktbares Produkt.

In Zürich schliesslich ist kein Halten mehr: das Hipster-«Wiehnachtsdorf» auf dem Sechseläutenplatz (seit 2015), Märkte auf dem Werdmühleplatz, im Sihlcity, in der Bahnhofstrasse, im Niederdorf, der 150-Hütten-Christkindlimarkt in der Halle des Zürcher Hauptbahnhofs, schon zum 25. Mal, Motto: «Es sollte einfach nie aufhören.» Genau. Nächstes Jahr wird ein weiterer Weihnachtsmarkt auf dem von Autos befreiten Münsterhof entstehen. Wäre ja schade um den ungenutzten Raum.

Nachbauen statt hinfahren

Weshalb diese Lust am Weihnachtsmarkt? Was sind das für Bedürfnisse, die befriedigt werden? Dass wir in einer unterhaltungssüchtigen Zeit leben – geschenkt. Von Eventkultur und Spass­gesellschaft schreiben Soziologen seit Jahrzehnten. Es soll halt etwas laufen in der Stadt, ganzjährig. Weihnachtsmärkte wurden als kommerziell attraktives Winter-Gegengewicht zu den vielen städtischen Sommeranlässen entdeckt. Verrückt wird das werden, wenn 2022 die Fussball-WM in Katar wegen der Golfhitze im Winter stattfinden wird. Der Final ist für den 18. Dezember 2022 angesetzt, den vierten Advent. Public Viewing auf dem Weihnachtsmarkt, wohl bekomms.

Die Verbreitung der Weihnachtsmärkte ist aber auch anderem geschuldet. Etwa dem Trend der kopierten Sehenswürdigkeiten. Disneyland begann damit 1955, baute Schloss Neuschwanstein in den USA als Dornröschen-Burg nach. Heute tun das alle. Im Europapark steht ein Kolosseum und ein 164-Meter-Eiffelturm in Las Vegas. Vielleicht nicht so falsch in Zeiten von Klimawandel und Overtourism: kürzere Reisezeit, weniger Andrang. Zuweilen gefallen den Betrachtern die Kopien besser als die Originale: Berühmt ist die Anekdote von der US-Touristin im Wallis, die das echte Matterhorn «weniger authentisch» fand als das von der Disney-Bobbahn in Anaheim, Kalifornien.

Führend im Attraktionsnachbau ist heute China, das von der Grossen Sphinx bis zum österreichischen Alpendorf Hallstatt alles Mögliche in Originalgrösse daheim rekonstruiert, die Titanic ist in Arbeit. Im Kleinen zieht die Schweiz mit: Weshalb nach München fahren, wenn man auf dem Zürcher Bau­schänzli oder dem Vorplatz der Berner Post­finance-Arena ein Oktoberfest feiern kann? Und wieso nach Frankfurt oder Dresden reisen, wenn man eigene ­ Weihnachtsmärkte haben kann? Längst locken die Kopien internationale Gäste an; Zürich habe sich «erfolgreich als ­Weihnachtsstadt positioniert», meldete Zürich Tourismus letztes Jahr. In 100 Jahren wird egal sein, ob ein Weihnachtsmarkt 2018 oder 1818 erstmals durchgeführt wurde.

Tatsächlich ist das Bild des Weihnachtsmarkts, das Eventunternehmer weltweit reproduzieren, heute wohl weniger deutsch als angelsächsisch.

Die deutschen Weihnachtsmärkte, die auf Ursprüngen im Spätmittelalter beharren, sind mit schuld am Nachbauboom. 1997 stellten die Organisatoren des Frankfurter Weihnachtsmarktes eine Kopie ihres Marktes in der britischen Partnerstadt Birmingham auf. Es war einmalig gedacht, aber lief einfach zu gut. Heute besuchen jedes Jahr mehr als fünf Millionen Menschen den «Christmas Market» Birmingham, weitere Frankfurt-Ableger gibt es in Leeds, Manchester und im schottischen Edinburgh, Raubkopien sowieso. Die «German Christmas Markets» sind ein wichtiger Teil der britischen Vorweihnachtszeit geworden, die Briten sind verrückt danach. Wohl weil sie eine heiter-paternalistische Liebe zu allem Deutschen pflegen: Umarm den Fritz, er ist besiegt. Zudem fügen sich Wurst und Glühbier prima in die lokale Küche ein.

Tatsächlich ist das Bild des Weihnachtsmarkts, das Eventunternehmer weltweit reproduzieren, heute wohl weniger deutsch als angelsächsisch. Von «Love Actually» bis zur Muppets-Weihnachtsgeschichte: Filmemacher in den USA und Grossbritannien schwelgen in gemütlich-kitschig-warmen Weihnachten, einem Traum vom alten Traditionseuropa. Weihnachtsmärkte wollen diesen Traum wahrmachen, nicht nur in Bern und Zürich, auch in Tallinn, Zagreb, Sevilla, Posen. Deutsche Weihnachten, Disney-verstärkt, für alle.

Fröhliche Selbstvergiftung

Bemerkenswert ist, dass die Dichte der Adventsmärkte zunimmt, derweil die Winter milder werden. Eine Art Ersatzhandlung: weniger Schnee, mehr Lametta. Irgendwann werden wir vielleicht trotzig im T-Shirt Glühwein trinken. Die Mediterranisierung des Weihnachtsmarkts wird ihn nicht aufhalten.

Der Inhalt des Marktbesuchs ist klar: fröhliche Selbstvergiftung mit Fett und Alkohol. Der deutsche Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder nennt Weihnachtsmärkte «Du-darfst-Zonen». Fertig Alltag, fertig Regelstrenge. Während wir sonst auf jede Kalorie achten, wird am Raclettestand zugelangt. Eingehegte Flächen der kontrollierten Grenzüberschreitung. Wenn der Leistungsdruck im Alltag zunimmt, wie Stressstudien behaupten, so bieten Weihnachtsmärkte Linderung.

Falsch wäre es, den Weihnachtsmarkt als Rückbesinnung auf nationales Brauchtum und Identität zu sehen. Weder christliche Lieder noch einheimische Schnitzkunst dominieren die neuen Märkte, eher ein globales Einerlei: peruanische Hamburger, tibetische Teigtaschen, Alpaka-Pullover, estnische Seifen, Älplermagronen. Ästhetisch seien die Weihnachtsmärkte heute sowieso eine Mischung aus «Fantasy-Roman, Ikea und Landlust», so Kulturwissenschaftler Hirschfelder.

Die Sehnsucht nach Wärme und Gemeinschaft aber, die viele Kunden im Dezember auf einen Weihnachtsmarkt treibt, ist echt.

Dass die Schweiz sich der Verweihnachtung hingibt, ist konsequent. Das Land ist ja selber eine Art Weihnachtsmarkt. Es inszeniert sich gern als Dorf der Hütten, betreibt militante Après-Ski-Gemütlichkeit, rührt im Käse, bläst ins Feuer und lädt alle zum Mitmachen ein, die genügend Geld im Sack haben.

Die Sehnsucht nach Wärme und Gemeinschaft aber, die viele Kunden im Dezember auf einen Weihnachtsmarkt treibt, ist echt. Ein Licht im Dunkeln, zusammenstehen. Fühlt sich gut an. Das macht 9 Franken 50, bitte.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 07.12.2018, 16:54 Uhr

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