Wenn Kinder alleine in die Schweiz fliehen

Im zurzeit stark anschwellenden Flüchtlingsstrom stellen unbegleitete Minderjährige die Behörden vor besondere Herausforderungen. Wer sind diese Kinder und Jugendlichen – und wie werden sie hier behandelt?

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Sie kommen aus Syrien, Eritrea oder Somalia und sind ganz alleine unterwegs: Wegen des zurzeit stark ansteigenden Flüchtlingsstroms nimmt auch die Zahl der Kinder und Jugendlichen zu, die ohne ihre Eltern nach Europa migrieren. Diese unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden (UMA) stellen die Behörden vor besondere Herausforderungen. Auch in der Schweiz beobachte man die Entwicklung im Moment genau, sagt Margrith Hanselmann, Geschäftsführerin der Konferenz der kantonalen Sozialdirektoren. Hier erfordern die steigenden Zahlen bereits Notlösungen: In Bern etwa müssen wegen der knappen Platzverhältnisse zurzeit unbegleitete Jugendliche in die normalen Durchgangszentren umplatziert werden, wie Radio SRF berichtete.

Doch wer sind diese Kinder, die in oft monatelangen Odysseen durch verschiedene Länder bis in die Schweiz gereist sind? Vier Fünftel der UMA sind zwischen 15 und 18 Jahre alt. Nur ein Viertel sind Mädchen. Auffallend viele der vorwiegend jungen Männer kommen zurzeit aus Eritrea: 2014 registrierte das Bundesamt für Migration (BFM) bisher 252 UMA – 149 davon stammen aus dem afrikanischen Krisenland. Das sind fast dreimal mehr, als im ganzen letzten Jahr aus Eritrea kamen. 24 weitere Gesuchsteller sind aus Somalia, 17 aus Syrien. Häufig kamen Jugendliche in den letzten Jahren auch aus Afghanistan, Tunesien oder Nigeria. Die Zahl der UMA variiert jährlich stark: 2004 etwa waren es 824 Personen, letztes Jahr 346. Seit 2010 ist ihr Anteil an der Gesamtzahl der Asylbewerber relativ kostant; er bewegt sich um 1,5 Prozent.

Waisen oder aus schwierigem Umfeld

Die Herkunft der UMA ist auch ein Abbild der jeweils virulentesten Krisenherde auf der Welt. Krieg, Zwangsrekrutierung oder sexuelle Gewalt treiben die Kinder und Jugendlichen in die Flucht aus ihrem Heimatland. Aber nicht nur. «Zum einen sind die unbegleiteten Minderjährigen in der Schweiz Waisen, die ihre Familie im Krieg verloren haben. Zum anderen stammen sie auch aus Familien, die in schwierigen ökonomischen, rechtlichen oder sozialen Verhältnissen leben», sagt Christoph Braunschweig, Sozialarbeiter bei der Schweizerischen Stiftung des Internationalen Sozialdienstes SSI in Genf.

Wenn die UMA in der Schweiz ankommen, erhalten sie eine sogenannte Vertrauenperson. Diese unterstützt sie bei rechtlichen oder organisatorischen Fragen und ist Ansprechspartner für unterschiedlichste Belange. Je nach Alter kann dies auch ein Beistand oder Vormund sein. Zudem haben die unbegleiteten Kinder und Jugendlichen Anrecht auf eine geeignete Unterkunft, Schulbildung und Animation, wie BFM-Mediensprecher Martin Reichlin erläutert. Um dies zu gewährleisten, werden sie in speziellen Asylzentren für Minderjährige untergebracht. Für jüngere Kinder werden in der Regel Plätze in Pflegefamilien oder in Kinderheimen gesucht.

Unterkunft für spezielle Bedürfnisse

Die Kantone handhaben die Betreuung der unbegleiteten jugendlichen Flüchtlinge indes unterschiedlich. In den grösseren wurden mit den spezialisierten Zentren entsprechende Infrastrukturen geschaffen, die kleineren bekunden mehr Mühe, solche Zentren zu führen, weil deren Unterhalt kostenintensiv ist. Braunschweig sowie diverse Kinderrechtsorganisationen fordern daher, dass in der Schweiz eine Reduktion auf eine Handvoll solcher Zentren geprüft werde, damit ein altersgerechter Betrieb garantiert werden könne. Die Betreuung dieser jungen und meist traumatisierten Asylsuchenden erfordere eine 24-Stunden-Bereitschaft sowie speziell geschulte Psychologen und Sozialarbeiter, so Braunschweig.

Eine gemeinsame Unterbringung mit erwachsenen Flüchtlingen wie derzeit in Bern sei dagegen hochproblematisch: «Kinder und Jugendliche haben spezifische Bedürfnisse: Sie brauchen besonderen Schutz und müssen im Tagesverlauf enger begleitet werden.» In den normalen Durchgangszentren fehle die Kapazität für eine solch umfassende Betreuung.

Neben der adäquaten Unterbringung sei es auch wichtig, den Kindern und Jugendlichen so rasch wie möglich eine Zukunftsperspektive zu vermitteln, sagt Braunschweig. «Je schneller eine junge Person weiss, wo sie später leben wird, desto besser.» Doch gerade in dieser Hinsicht sieht er dringenden Handlungsbedarf: «Erreichen die Flüchtlinge mit 18 Jahren die Volljährigkeit, fallen alle Kinderschutzbestimmungen auf einen Schlag weg. Wir beobachten, dass die Behörden beim Vollzug der Wegweisung diejenigen jungen Erwachsenen, die als Minderjährige in der Schweiz Asylgesuche stellten, nicht als vulnerable Gruppe behandeln. Dem Umstand, dass sie während ihrer Minderjährigkeit von ihren Eltern getrennt worden sind, wird nicht Rechnung getragen.» Das NGO-Netzwerk Kinderrechte spricht in diesem Zusammenhang von einem «abwartenden Verhalten der Behörden, bis das Mündigkeitsalter erreicht ist». Denn im Unterschied zu volljährigen sei bei minderjährigen Flüchtlingen eine Rückkehr ins Heimatland nur nach umfassenden und langwierigen Abklärungen möglich.

Gesuche werden prioritär behandelt

BFM-Sprecher Reichlin dementiert: Gesuche von UMA würden prioritär behandelt. «Das BFM wartet nicht ab, bis die Volljährigkeit eingetroffen ist. Es kann jedoch vorkommen, dass ein Jugendlicher im Verlaufe des Asylverfahrens volljährig wird.» Werde eine unbegleitete, minderjährige Person weggewiesen, setze dies umfassende Abklärungen im Herkunftsland voraus. Auch in diesem Bereich ortet Braunschweig aber Verbesserungspotenzial: «Ich hoffe, dass das BFM diese zeitintensiven Abklärungen im Heimatland in Zukunft professioneller durchführen lässt.» Denn bei diesem heiklen Abwägen gehe es darum, jene Lösung zu eruieren, die für das Kindswohl am besten sei: eine Familienzusammenführung im Heimatland, eine Integration mit einem gesicherten Aufenthaltsstatus in der Schweiz oder eine nachhaltige Lösung in einem Drittstaat.

Erstellt: 25.07.2014, 09:05 Uhr

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