Wenn Lehrer Schüler zu Hilfe rufen

Nicht Lehrer, sondern ältere Schüler sollen helfen, Konflikte in Klassen zu lösen. Der Ansatz des Projektes «Ideenbüro» könnte mit dem Lehrplan 21 Schub erhalten.

Eine Schülerin schildert den Beraterinnen des Ideenbüros in einer Aargauer Schule ihr Problem. Foto: Tanja Demarmels

Eine Schülerin schildert den Beraterinnen des Ideenbüros in einer Aargauer Schule ihr Problem. Foto: Tanja Demarmels

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Selbstständigkeit, Pünktlichkeit oder Konfliktfähigkeit: Mit der Einführung des Lehrplans 21 erhalten persönliche Eigenschaften der Schüler einen höheren Stellenwert. Doch wie sollen diese kaum messbaren «personalen und sozialen Kompetenzen» der Kinder bewertet werden? Und wie können Schüler, die in diesen «Disziplinen» schlecht abschneiden, solche Kompetenzen üben?

Die Bieler Lehrerin und Weiterbildungsfachfrau Christiane Daepp hat vor 14 Jahren eine ungewöhnliche Antwort auf diese Fragen gefunden. In einer Primarschule in Biel hat sie das erste Ideenbüro gegründet – eine Beratungsstelle von Schülern für Schüler. Es begann mit einer scheinbar ausweglosen Situation. Eine zweite Klasse hatte grosse Probleme mit Mobbing, Streit und Gewalt. Nach vielen erfolglosen Versuchen der erwachsenen Lehrpersonen, die Lage zu beruhigen, fragte Daepp eine vierte Klasse um Rat. Die Idee: Die Achtjährigen orientieren sich stärker an der Meinung von älteren Schülern als an Ratschlägen von Erwachsenen.

Über hundert Büros

«So etwas gab es noch nie: Die Lehrpersonen wussten nicht weiter und brauchten die Hilfe der Kinder», sagt Daepp. Was niemand erwartet hatte, funktionierte: In einer Extrastunde berieten die Viertklässler die zerstrittenen Zweitklässler. Die Konflikte entschärften sich. Die älteren, beratenden Schüler erfüllte es mit Stolz, dass man in einer schwierigen Situation auf sie setzte, und wollten sich weiter engagieren. So entstand das erste Ideenbüro der Schweiz. «Kinder können viel mehr mitdenken, mitgestalten und mitverantworten, als man denkt – man muss es ihnen nur zutrauen», sagt Daepp. Auch dank Förderpreisen und Stiftungsgeldern gibt es mittlerweile an 113 Schulen in der ganzen Schweiz Ideenbüros. Jüngst wurde in Mexiko das erste Büro im Ausland eröffnet. Ein Verein koordiniert den Aufbau neuer Büros.

Auch wenn jedes Ideenbüro etwas anders ist, gewisse Regeln gelten: So sind es die ältesten Kinder im Schulhaus, die jüngere beraten. Die Mitarbeit im Ideenbüro ist freiwillig. Die Kinder dürfen dafür eine Schulstunde pro Woche aufwenden. Wer ein Anliegen hat, meldet sich mit einem Formular beim Ideenbüro an. Die Fünft- und Sechstklässler, die sich im Ideenbüro engagieren, werden vom Schulsozialarbeiter oder von einer Lehrperson betreut. Oft tragen die Kinder Probleme wie Mobbing, Streit oder Auslachen in die Ideenbüros. Schwierige oder strafrechtlich relevante Fälle werden sofort an die Klassenlehrkräfte oder an die Schulsozialarbeit abgegeben. Viele Schüler wenden sich auch mit Lernproblemen an die älteren Schüler.

Schulsozialarbeiter Stefan Kirchhof hat vor drei Jahren in einer Aargauer Gemeinde ein Ideenbüro gegründet. Längst nicht immer gebe es Probleme zu lösen, sagt er. In solchen Fällen generieren die Ideenbüros selber Ideen, wie der Schulalltag verbessert oder verschönert werden könnte. Die Kinder in Kirchhofs Ideenbüro zum Beispiel begannen, auf dem Pausenplatz Abfall aufzusammeln. In anderen Ideenbüros dreht sich die Hälfte der Fälle um Fussball: Schiedsrichterfragen kommen genauso vor wie die Organisation von Turnieren. Andere Büros veranstalten Filmabende, Klassenpartys, einen Ideentauschmarkt, ein Treffen mit Flüchtlingen oder Geschichtenschreibwettbewerbe. «Das Ideenbüro gibt den Schülern die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten zu zeigen», sagt Daepp. Es komme oft vor, dass ausgerechnet verhaltensauffällige Schüler oder solche mit Lernschwierigkeiten im Ideenbüro aufblühten: «Kinder, die in der Klasse negativ auffallen, sind im Ideenbüro Experten fürs Streiten.» Das Ideenbüro ist also ein geeigneter Ort, um die sozialen Kompetenzen der Schüler zu entwickeln, wie sie im neuen Lehrplan 21 verlangt werden: Dialogbereitschaft, das Arbeiten in Gruppen oder das Lösen von Konflikten. Von einem Eintrag im Schulzeugnis rät Ideenbüro-Gründerin Daepp aber ab. Werde das Ideenbüro einer Schule oder den Kindern verordnet, verliere es eine seiner wichtigsten Eigenschaften – die Freiwilligkeit. Es lebe davon, dass es nichts mit dem äusseren Lern- und Leistungsdruck der Schule zu tun habe.

Sozialkompetenz gefragt

Die Freiwilligkeit birgt auch Schwierigkeiten. Nicht alle Lehrkräfte sind begeistert, wenn sie ihre Schüler einmal pro Woche ans Ideenbüro abgeben müssen. «Als Lehrperson ist man versucht, den Schülern ständig etwas zu liefern oder anzubieten, um ihre Motivation zu erhalten», sagt Daepp. Vielen Lehrkräften fehle deshalb schlicht das Vertrauen in die Fähigkeiten der Kinder. Und für die erwachsene Betreuungsperson ist ein Ideenbüro zumindest am Anfang aufwendig. Unter anderem deshalb sind in den vergangenen Jahren deutlich weniger Ideenbüros entstanden, als die Gründer ursprünglich geplant hatten. Man habe bewusst auf Werbung verzichtet, sagt ­Daepp.

Das Ideenbüro dürfe keiner Schule aufgedrängt werden. Mit dem neuen Lehrplan 21 erhofft sie sich die Umsetzung ihrer Vision: dass Eigenschaften wie soziale Kompetenzen, Kreativität und Eigeninitiative der Schüler künftig häufiger gefragt sind in der Schule – allerdings ohne Bewertung. Geübt werden könnten sie in Projekten wie dem Ideenbüro.

Grafik Schulanfang in Zürich, Seite 14 (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.08.2016, 22:36 Uhr

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