Wenn Rentner für die Miete beim Essen sparen

Jedem dritten Rentner mit Ergänzungsleistungen reicht das Geld nicht für die Miete. Die Zahl ist in den letzten 15 Jahren stark gestiegen – wegen der hohen Wohnungspreise.

Die Kosten für die Wohnung zwingt viele Rentner in die Armut. Foto: Thomas Egli

Die Kosten für die Wohnung zwingt viele Rentner in die Armut. Foto: Thomas Egli

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Die Mietzinsentwicklung in der Schweiz hat besondere Auswirkungen auf die Rentner: Für rund 122'000 Senioren, die noch zu Hause leben, reichen die AHV-Rente und die Bezüge aus der Pensionskasse nicht aus, um die minimalen Lebenskosten zu decken. Damit ihre Existenz gesichert ist, erhalten sie Ergänzungsleistungen (EL). Doch diese sehen für die Miete monatliche Maximalbeträge vor: 1100 Franken für Alleinstehende und 1250 Franken für Ehepaare. Die Mietzinsmaxima wurden seit 2001 nicht mehr angepasst – obwohl die durchschnittlichen Mieten seither um über 20 Prozent gestiegen sind.

Die Folge: Über 40'000 Rentner-Haushalte haben zu wenig Geld für die Miete. Damit kann heute jeder dritte Senior, der EL bezieht, seine Wohnung nicht bezahlen. Die Zahl hat seit der Festlegung der Mietzinsmaxima vor 15 Jahren stark zugenommen. Damals lag sie bei rund 10'200 Haushalten. Das zeigen aktuelle Berechnungen von Pro Senectute. Sie basieren auf Daten des Bundesamts für Sozialversicherungen.

«Die Betroffenen sparen beim Essen, bei Kleidern, verzichten auf soziale Aktivitäten, schieben medizinische Behandlungen auf oder verschulden sich», sagt Werner Schärer, Direktor von Pro Senectute Schweiz. «In der Schweiz wird Armut im Alter vor allem beim Wohnen akut.» Rentner, denen die EL-Beiträge für die Wohnung nicht reichen, müssen die Differenz von den Zuschüssen für den Grundbedarf abziehen. Dafür erhalten Einzelpersonen momentan höchstens 1607.50 und Ehepaare 2411.25 Franken. Die Beträge werden zweijährlich an die Teuerung angepasst – und sind für Essen, Kleidung, Hygiene und Freizeit berechnet.

Verfrühter Einzug ins Altersheim

In allen Kantonen ausser im Jura und in Neuenburg liegen die durchschnittlichen Mieten deutlich über den EL-Mietzinsmaxima. Besonders betroffen sind Rentner in den Regionen Zentralschweiz, Zürich, Genfersee und Nordwestschweiz, wie die statistische Auswertung zeigt. Weil das EL-Budget dort längst nicht mehr der Realität auf dem Wohnungsmarkt entspricht, entscheiden sich Senioren teilweise für einen verfrühten Einzug ins Altersheim – obwohl sie eigentlich noch selbstständig wären. Eine aktuelle Studie im Auftrag der Alterszentren Zug verdeutlicht, dass bevorstehende Wohnungswechsel wegen Kündigung oder Sanierung für Personen mit niedrigem Pflegebedarf ein wichtiges Eintrittsmotiv sind. Studienautorin Ruth Köppel sagt: «Manche Rentner sind im Altersheim definitiv nicht am richtigen Ort. Sie hatten aber keine andere Wahl, weil es kaum möglich ist, im hohen Alter und mit stark begrenztem Budget rasch eine Wohnung zu finden.»

Schweizweite Zahlen zum Phänomen gibt es nicht, aber auch Pro Senectute ist in den Sozialberatungen damit konfrontiert. «Im Heim sind grundsätzlich alle Kosten gedeckt; das entschärft die Situation für jene Rentner, denen die Wohnung finanzielle Schwierigkeiten bereitet. Das kostet aber die Allgemeinheit viel mehr. Das kann nicht das Ziel sein», sagt Schärer. Die Altersorganisation fordert, dass der Bund die Mietzinsmaxima dem heutigen Niveau der Mieten anpasst.

Im Parlament blockiert

Eine entsprechende Vorlage liegt zurzeit im Parlament auf Eis. Der Bundesrat will die anrechenbaren Höchstbeträge für die Mieten anpassen und sie nach drei Regionen differenzieren. In den Grosszentren Genf, Lausanne, Bern, Basel und Zürich sollen sie künftig auf 1370 Franken für eine Person und 1620 Franken für zwei Personen plafoniert werden. In Städten wie Freiburg, Winterthur oder St. Gallen sind 1325 beziehungsweise 1575 Franken vorgesehen. Auf dem Land (alle übrigen Gemeinden) gäbe es für Alleinstehende 1210 und für Paare 1460 Franken. Damit soll der Mietzins gemäss Bundesrat für 90 Prozent der Betroffenen gedeckt werden.

Doch die vorberatende Nationalratskommission will die Vorlage in die anstehende Gesamtreform der Ergänzungsleistungen integrieren – und nicht einzeln behandeln. «Das ist verheerend: Es dauert Jahre, bis die EL-Reform abgeschlossen ist. In der Zwischenzeit verarmen Tausende Rentner zunehmend», kritisiert die Basler SP-Nationalrätin Silvia Schenker, die den Bundesrat mit einer Motion zum Handeln aufgefordert hatte.

Dass die Mietzinsmaxima erhöht werden müssten, sei auch auf bürgerlicher Seite unumstritten, sagt der Zuger FDP-Nationalrat Bruno Pezzatti. Aber Massnahmen, die Mehrkosten verursachten, dürften nicht vorgezogen werden. «Vielmehr muss in einer Gesamtschau abgewogen werden, wo im Gegenzug gespart werden kann.» Für Schenker ist das bürgerliches Kalkül: Die Erhöhung der Mietzinsmaxima diene der Ratsrechten als Pfand, um Mitte-Links Zugeständnisse zu EL-Kürzungen abzuringen, sagt sie.

Die Anpassung der Mietzinsmaxima würde zu jährlichen Mehrausgaben von rund 140 Millionen Franken führen. In den letzten 15 Jahren haben sich die Gesamtkosten für die EL von 2,3 auf 4,5 Milliarden Franken verdoppelt. Der Bundesrat will deshalb gemäss der seit kurzem vorliegenden Botschaft die Regeln für Pensionskassenbezüge verschärfen: Guthaben aus dem obligatorischen Teil der beruflichen Vorsorge sollen beim Eintritt in den Ruhestand nicht mehr als Kapital, sondern als Rente ausbezahlt werden. Dadurch soll das Risiko, im Alter auf EL angewiesen zu sein, verringert werden.

Bruttomieten und Mietzinsmaxima Kantone (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.09.2016, 20:13 Uhr

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