Wenn der Partner das Handy kontrolliert

Smartphones und soziale Medien eröffnen neue Möglichkeiten, die Partnerin, das Kind oder den Ehemann zu überwachen. Die Grenzen zur psychischen und physischen Gewalt sind dabei fliessend.

Das Kontrollieren des Mobiltelefons des Partners ist ein unzulässiger Übergriff. Foto: Kniel Synnatschke (Plainpicture)

Das Kontrollieren des Mobiltelefons des Partners ist ein unzulässiger Übergriff. Foto: Kniel Synnatschke (Plainpicture)

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Sucht eine Frau mit ihren Kindern heute Schutz in einem Frauenhaus, gibt es zuerst eine Kontrolle: Haben alle ihre Smartphones, Tabletcomputer, MP3-Geräte oder Ähnliches ausgeschaltet? Geht auch nur ein Gerät vergessen, besteht die reelle Gefahr, dass der gewalttätige Mann oder Vater sofort herausfindet, wo sie sich befinden. Sie kenne einen Fall aus Österreich, bei dem der eifersüchtige Vater ein Smartphone in einen Teddybären eingenäht hatte, sagt Andrea Wechlin, Leiterin der Luzerner Fachstelle für Gewaltprävention. Das sind Extremfälle.

Handys und Dienste wie Facebook haben auch sogenannt normale Beziehungen verändert. Sie bieten die Möglichkeit, die Partner zu überwachen, zu kontrollieren, was sie tun, mit wem sie in Kontakt stehen. Eine gestern veröffentlichte Umfrage des Christlichen Friedensdienstes (CFD) und des Onlineportals «20 Minuten» mit über 47'000 Teilnehmenden gibt eine Vorstellung davon, wie präsent die neuen Kontrollinstrumente in Paarbeziehungen sind: Auf die Frage «Findest du es okay, die Textnachrichten auf dem Handy deines Partners zu lesen?», wählt fast jede sechste Person die Antwort «Ja, wir verheimlichen uns nichts». Ein Drittel der Befragten findet diese Kontrolle zwar eigentlich nicht gut, hat es allerdings selber schon getan. Frauen geben dies übrigens häufiger zu (35 Prozent) als Männer (26 Prozent).

Salonfähig geworden

Gemäss der nicht repräsentativen Umfrage ist Eifersucht ein häufiges Phänomen in Beziehungen. In der Altersgruppe bis 20 Jahre gibt fast jede zweite Person an, Eifersucht als «Zeichen von Liebe» zu interpretieren. Je älter die Befragten sind, desto negativer bewerten sie Eifersucht. Unter den 30-Jährigen sagt noch jeder Vierte, Eifersucht sei ein Zeichen von Liebe; unter den über 60-Jährigen sind es nur noch 16 Prozent.

Auch Kristin Hodel, Fachberaterin Opferhilfe im Frauenhaus Bern, ist in ­ihrem Arbeitsalltag mit Eifersucht und den neuen Medien konfrontiert. «Je mehr Möglichkeiten es gibt, desto mehr wird kontrolliert», sagt sie. Das Kontrollieren von Handys sei salonfähig geworden. Dabei gehe gerne vergessen, dass dies bereits ein unzulässiger Übergriff sei. Die Grenzen zwischen «gesundem» und krankhaftem Verhalten sind fliessend. «Die tägliche Kontrolle des Mobiltelefons, dieses ständiges Kontrollieren, schränkt Menschen ein», sagt Carmen Meyer, Geschäftsleiterin des CFD. Das sei eine Form von psychischer Gewalt.

Zuschlagen aus Eifersucht

Nur ein kleiner Teil jener, die das Handy des Partners kontrollieren, schlägt später auch zu. Im Jahr 2013 kam es in der Schweiz gemäss der polizeilichen Kriminalstatistik in rund 16'000 Fällen zu Straftaten im Bereich häuslicher Gewalt. Rund die Hälfte davon betrifft Paar­beziehungen. Dabei ist Eifersucht häufig ein zentraler Faktor. In den meisten Fällen, die sie kenne, gehe es auch um Eifersucht, sagt Hodel. Ausländische Studien bestätigen diesen Eindruck. Für die Schweiz fehlen Untersuchungen.

Der Lehrer, Autor und Experte für soziale Medien Philippe Wampfler erlebt die Versuchung zur «flächendeckenden Kontrolle» auch in der Schule. Nicht nur unter Schülern gebe es perfide Über­wachungsmethoden oder Stalking, etwa über die Ortungsfunktionen in Handys oder Webcams. Er berichtet von Eltern, die ihren Kindern sagten: «Du kriegst nur ein Smartphone, wenn ich jederzeit verfolgen kann, wo du bist.» Selbst die Lehrer könnten mittlerweile via Datenwolken Kontrolle ausüben: Laden sie ein Dokument hoch, das die Schüler lesen sollen, sehen sie, wer den Text gelesen hat. Denn jeder Schüler muss sich einloggen und somit zu erkennen geben, um das Dokument herunterzuladen.

Prävention ist wichtig

Für Wampfler und die anderen Fachleute ist klar: Auf die technischen Möglichkeiten – Smartphones, Tablets, Facebook – wolle heute niemand mehr verzichten. Prävention sei deshalb wichtig: «Es hilft nur, darüber zu reden, Schüler und Eltern auf die Möglichkeiten und Gefahren aufmerksam zu machen», sagt Wampfler. Das Präventionsprogramm «Jugend und Gewalt» des Bundes, das 5,6 Millionen Franken gekostet hat, läuft 2015 aus. Ob der Bund danach weiterhin Beratungen, Netzwerkarbeit, Forschung und Informationskampagnen mitfinanzieren wird, ist offen. Die grüne Nationalrätin Regula Rytz will in der nächste Woche beginnenden Wintersession vom Bundesrat eine Antwort einfordern. Nächstes Jahr müsse der Bundesrat zudem abklären, ob es für den Schutz vor sexueller oder psychischer Gewalt im Internet neue Gesetze brauche.

Um häusliche Gewalt nachhaltig zu verhindern, wäre es wichtig, zu wissen, wann Eifersucht zu gefährlicher Gewalt führe, sagt Carmen Meyer. Dafür brauche es Studien. Der CFD will mit seiner diesjährigen Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» auf das Thema aufmerksam machen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.11.2014, 06:52 Uhr

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