Seco-Affäre

Wenn der Verkäufer den Beamten ins Hotel lockt

Die Seco-Affäre zieht immer weitere Kreise: Wie neue Dokumente zeigen, hatte das Anwerben von Amtspersonen bei der IT-Firma Fritz & Macziol System. Auch ein Beispiel aus dem Kanton Zug belegt dies.

Ohne gute Verbindungen läuft in der Rechen- und Datenbranche nichts: IT-Kabel. (Archivbild)

Ohne gute Verbindungen läuft in der Rechen- und Datenbranche nichts: IT-Kabel. (Archivbild) Bild: Keystone

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«Ich freue mich, dass Sie ans EM-2008-Halbfinalspiel in Basel mitkommen», mailte der Geschäftsführer der IT-Firma Fritz & Macziol an den Leiter des Zuger Amts für Informatik und Organisation (AIO). Dann folgten Anweisungen: Der Chefbeamte solle sich am Spieltag um 16.15 Uhr in der Tiefgarage des AIO einfinden. Die Abfahrt sei so früh geplant, weil man im Stadion «kulinarisch verwöhnt» werde. Vor dem Spiel werde man beim Amt zwei Schweizer-Nati-T-Shirts in unterschiedlicher Grösse abgeben: «Bitte das passende anziehen und das andere zurückgeben. Besten Dank.»

Vor zwei Wochen enthüllte der TA, dass die Fritz & Macziol (Schweiz) AG beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) einen Ressortleiter mit VIP-Tickets, Geschenken und Reisen an sich band – und im Gegenzug fiktive Dienstleistungen in Rechnung stellte sowie Soft- und Hardware zu überhöhten Preisen verkaufte. Möglicherweise floss auch Geld zum Ressortleiter zurück, der sich inzwischen in U-Haft befindet.

Das «Superior Grandlit»-Zimmer

Die Auswertung von weiteren Dokumenten zeigt, dass Fritz & Macziol auch im Kanton Zug mit ähnlichen Methoden arbeitete. Neben der Einladung zur EM sind weitere Beispiele dokumentiert: So lud F & M den AIO-Leiter ins Hotel Central Plaza in Zürich ein und spendierte ein «Superior Grandlit»-Zimmer inklusive Frühstück, Parkplatz und abendlichem Treffen mit dem F&M-Mann an der Hotelbar. «Die Rechnung wird von der Firma übernommen», heisst es in der Einladung. Der AIO-Leiter nahm das Angebot zuerst an: «Besten Dank für die Organisation! Ich freue mich», antwortete er. Das Zimmer bezahlte er dann aber mit der eigenen Kreditkarte. Er blieb sauber.

Zu diesem Zeitpunkt bestand zwischen den Männern bereits ein Vertrauensverhältnis. Es ging so weit, dass der AIO-Chef 2009 ein Mail mit dem Vermerk «vertraulich» an den Geschäftsführer verschickte. Inhalt: eine Reihe von Verwaltungsdokumenten zur künftigen IT-Strategie des Kantons. Der F&M-Mann schrieb zurück: «Ich danke Dir für die Unterlagen, nach der Durchsicht werde ich sie löschen.»

Zwei Parallelwelten

Gleichzeitig führte F&M beim AIO wohl wie beim Seco zwei parallele Systeme zur Arbeitserfassung: ein Externes und ein Internes, das einen Teil der verbuchten Stunden als «Bonusstunden» ausschied. Darunter verstanden die F&M-Leute fiktive Arbeitseinsätze. Dem Kanton fielen die frisierten Zahlen nicht auf; erst nach dem Bekanntwerden des Seco-Falles wurde eine Untersuchung eingeleitet.

Das Band zwischen F & M und AIO wurde noch stärker, als der Geschäftsführer 2012 beim Kanton ein Beratungsmandat erhielt. Das brachte ihn in eine Doppelrolle: Einerseits wirkte er für das AIO, anderseits amtete er als Zwischenhändler von IBM – und verdiente mit, als der Kanton zwei IBM-Grossrechner für 1,6 Millionen via F & M beschaffte. Die Vergabe erfolgte direkt, ohne Ausschreibung. Bereits 2008 hatte der Kanton auf diese Weise bei F & M für 1,4 Millionen zwei Rechner bestellt.

Legitimer Besuch

Das AIO untersteht Finanzdirektor Peter Hegglin (CVP). Er sagt, beide Ausschreibungen seien korrekt gelaufen und von Juristen geprüft worden. 2008 habe es keine Alternative zu F & M gegeben: «Um nicht zu viel Spezialwissen zu verlieren, mussten wir jene Firma wieder einbinden, die für uns bereits Installation und Wartung der früheren Systeme gemacht hatte.» Und 2012 habe man die Bestellung neuer Grossrechner vorziehen müssen, weil eine neue Software mehr Leistung benötigte. Unter diesen Umständen sei die freihändige Vergabe eines Auftrags zulässig. Dass der AIO-Chef den F&M-Mann zum EM-Halbfinalspiel begleitet hatte, sei ihm bekannt gewesen: «Dabei handelte es sich um einen Networking-Event, bei dem auch der IBM-Chef anwesend war.» Der Besuch des Spiels sei legitim gewesen.

Vertreter von Fritz & Macziol wiesen die Vorwürfe gegen die Firma im TA-Artikel vom 30. Januar vollumfänglich zurück. Für diesen Artikel waren die Verantwortlichen nicht erreichbar. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.02.2014, 08:32 Uhr

Zweite Verhaftung

Zweite Verhaftung

Die Bundesanwaltschaft hat die Strafuntersuchung zur Korruptionsaffäre im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) auf zwei weitere Personen ausgedehnt. Das bestätigte eine Sprecherin. Bei den zwei Personen dürfte es sich um den ehemaligen CEO und den ehemaligen Direktor der Fritz & Macziol AG handeln. Einer der beiden wurde bereits festgenommen. Die Bundesanwaltschaft hat für ihn Untersuchungshaft beantragt.

Im Kanton Zug agierten die Firmenvertreter ähnlich wie beim Seco. Unterlagen, die dem TA zugespielt wurden, zeigen, dass auch hier ein Beamter aus der IT-Abteilung an ein Fussballspiel und in ein teures Hotel eingeladen wurde. (bro/ms)

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